rbb24
  1. rbb|24
  2. Sport
Quelle: www.imago-images.de

Alba verliert Euroleague-Spiel gegen die Bayern

Der Ball wird jetzt desinfiziert

Alba Berlin durfte das erste Mal seit März vor eigenen Fans spielen - aber was die zugelassenen 700 Zuschauer am Freitag gegen den FC Bayern sehen konnten, entschädigte sie nicht für das lange Warten: Es wurde ein ernüchterndes 72:90. Von Sebastian Schneider

Der Lichterklotz funkelt im Nieselregen, hinein in den Presseeingang: Die übliche Leibesvisitation, danach zur freundlichen Maskierten im blauen Alba-Shirt. Sie richtet eine Infrarotpistole auf die Besucherstirn: tadellose Temperatur. Man muss unterschreiben, dass man sich zuletzt nicht in einem Corona-Hotspot befand. Nachfrage: Sind wir hier nicht schon ein Hotspot? Eine Ampel ist rot: 56,4 Infektionen auf 100.000 Einwohner sind zuletzt verbürgt. Aber der Wohnort zähle nicht, sagt sie – nur, ob man vorher in einem anderen Risikogebiet war, sei relevant. Okay. Durch die schwere Glastür, unter Belüftungsschächten hindurch, geht es ins Innerste. Vom Fiebermessen bis zur Werbebande in 69 Schritten.

Der erste Eindruck ist dann einigermaßen unterwältigend, eine eigenartige Atmosphäre. 219 Tage haben die Berliner Fans kein Euroleague-Heimspiel in der Arena am Ostbahnhof mehr erleben dürfen und jetzt wo sie wieder da sind, wirkt die Halle noch riesenhafter als sie ohnehin immer war. Ist sie ausverkauft, kriegt Alba mit Hilfe 14.200 lärmender Menschen auch überlegene Feinde klein. Heute sind 700 da, mehr durften nicht. Klatschpappen liegen bereit, Abstand gibt’s genug, nur Gesänge und Rufe sind verboten. Die meisten Blöcke hat man diskret unter dunklen Vorhängen verborgen.

So tun, als hätte man keine Fans vermisst

"Ich hab Langeweile, keiner hat mehr Bock auf kiffen, saufen, feiern", tönt Marteria aus dem Boxenwürfel an der Decke [youtube.com], nicht ganz am Puls der Zeit. Ab 0 Uhr gilt in Berlin eine Sperrstunde, in der Hoffnung die Infektionszahlen wieder einzuhegen. Bevor sie auf's Parkett spurten und sich warmmachen, kann man die Alba-Spieler schon aus dem Flur brüllen hören. Sie sind jetzt Meister und Pokalsieger und die Bayern plötzlich nur noch Herausforderer. "Dieses Jahr sind wir die Jäger. Mal sehen, was dabei herauskommt“, sagte Münchens Manager vor dem Gastspiel an der Spree und man kann diese ungewohnten Worte so interpretieren: Nur der Titel steht zur Debatte.

Die Münchner tun bei der vorbereitenden Gymnastik wie üblich so, als würden sie das Drumherum gar nicht bemerken. Aber ihre verstohlenen Blicke auf die gelb gesprenkelten Ränge verraten, dass es auch für sie ein lange vermisstes Gefühl ist. Der deutsche Nationalspieler Paul Zipser, der schon oft hier aufgedribbelt hat, guckt sich in der Weite um und muss kurz lachen. Das Fingerhakeln am Freitag ist Albas erstes von neun möglichen Zusammentreffen mit den Bayern in dieser Saison – aber andererseits: Guckt man sich die Corona-Zahlen momentan in Europa an - wer könnte da schon sagen, ob es wirklich dazu kommt?

In München, unter der Regentschaft des Herrn Ministerpräsidenten Markus Söder, sind aktive Schlachtenbummler momentan undenkbar. Die Euroleague-Profis werden alle drei Tage getestet. Würden die Berliner heute in München spielen, müssten sie ein negatives Ergebnis nachweisen - ansonsten gilt ein Beherbergungsverbot.

Fluchen wie ein Bierkutscher

Den ersten Ballbesitz hat Berlin, Pass zum neu verpflichteten Italiener Simone Fontecchio. Der federt blitzschnell in die Zone, zieht den Ball im Flug unter den Armen seiner Gegenspieler durch und legt ihn rechts in den Korb. "Hajde!", hört man Bayerns neuen Trainer Andrea Trinchieri schon schreien, Sohn einer kroatischen Mutter und eines italienischen Vaters, "Komm jetzt!". Alba zockt schneller und kreativer, Bayerns Verteidigung wirkt grob gestrickt. Dann fliegt das Spielgerät kurz ins Niemandsland. Es erfolgt eine sachlich zutreffende Ansage über die Lautsprecher: "Der Ball hat das Spielfeld verlassen und wird jetzt desinfiziert." Nach dem ersten Viertel führt Berlin mit 27:21.

Ein Vorteil der erzwungenen Leere ist, dass man die Spieler und Trainer wunderbar hören kann. Okay, eigentlich hört man nur einen: Trinchieri, dessen blaue Krawatte irgendwo auf seinem barocken Bauch herumzappelt. Er verzieht das Gesicht, verschränkt die Arme, lässt sie schlackern, klopft sich mit der rechten Hand auf seinen Lockenkopf, tigert zum Anschreibetisch, macht auf seinen Absätzen kehrt und vor allem krakeelt er. Der Chef schimpft seine ausgewechselten Untergebenen zusammen, als sie zur Bank trotten. Fluchen kann er wie ein Bierkutscher. Der Spielfeldrand ist Trinchieris Bühne, aber er tut kaum etwas ohne Hintergedanken: Er ist ein anstrengender, aber hervorragender Coach. Das sagt jeder, der mit ihm gearbeitet hat. Die letzten Jahre mag Alba mit dem klugen Aito die meiste Zeit ein "Mismatch" gehabt haben, wie man ein ungleiches Duell im Basketball nennt, doch das ist vorbei. Im zweiten Abschnitt verwandeln die Bayern sechs Zähler Rückstand in 16 Zähler Vorsprung.

"Hajde!": Bayerns neuer Trainer Andrea Trinchieri wurde zuvor mit Brose Bamberg mehrfach deutscher Meister. Er ist für sein Temperament bekannt - aber auch für seinen seltenen Blick für Details. | Quelle: www.imago-images.de

Zweites Viertel: Bayern 31, Alba 9

"Ey! Ey!", brüllt Trinchieri. Sein Team bekommt ein paar vernünftige Würfe und trifft sie, Alba verkaspert nun fast jeden Angriff. Vor allem aber sehen die Gastgeber keinen Stich unter den Körben. Nicht singen, ok, aber nicht meckern? Bei allem guten Willen, viele Fans können jetzt nicht mehr an sich halten. "Schnauze!", ruft einer in Richtung Trinchieri, als der wieder abgeht. Bayerns irre schneller Linkshänder Wade Baldwin legt den Ball rein und brüllt "And one!", "Noch einer!", weil er ein zusätzliches Gehacke an sich reklamiert und einen Freiwurf verdient hätte, so sieht er das.

Jetzt führt Bayern und für Berlin wird es nicht mehr witzig. Pässe ins Nirgendwo, hanebüchene Ballverluste, aber vor allem ein eklatanter Mangel an Härte, Entschlossenheit, Energie. Luke Sikma diskutiert mit dem Schiri, dieses Spiel ist längst wieder in seinem Kopf angekommen und da kriegt er es auch den Rest des Abends nicht mehr raus. Die Berliner hadern, die Münchner spüren das und sie ziehen sich daran hoch. Jetzt bewegen sie den Ball besser, nutzen ihren Platz. Sie geiern bis zur Halbzeit mehr als doppelt so viele Rebounds. In diesen zehn Minuten macht Alba neun Punkte und Bayern 31.

Rechts und links saßen die Fans, an den weißen Schreibtischen wie üblich die Medienleute - die meisten Blöcke in der Arena am Ostbahnhof waren abgehängt. | Quelle: www.imago-images.de

Dinge, die Besitz von einem ergreifen können

Nach der Pause foulen sich die Berliner schnell wieder in den roten Bereich. So entsteht kein Flow. Ihre Defense ist ein Problem. Ein vorbildlich maskierter Alba-Fan tanzt auf der Gegentribüne. Aber der Rest sitzt eher da wie im Wartezimmer. Der Schwede Marcus Eriksson feuert nun kalt und herzlos seinen ersten Dreier dieses Abends durchs Netz, es besteht kurz Hoffnung in Friedrichshain. Der blasse Schlaks Eriksson kann 100 Jahre alt werden, und man darf ihm dabei alles Gute wünschen, aber er wird wohl nie wieder eine Sache so gut beherrschen, wie einen Ball aus ungefähr sieben Metern durch den Ring zu jagen. Deshalb wird er auch heute Berlins erfolgreichster Schütze, sammelt am Ende 15 Punkte [euroleague.net]. Aber Bayern zieht trotzdem davon, vor allem spielt es jetzt eine hervorragende Verteidigung.

Den Berliner Ballbringern Peyton Siva und Maodo Lo gelingt nichts, der neue Guard Jason Granger dribbelt viel und nervt damit manchen Zuschauer - aber Granger ist der einzige der den Berlinern heute Struktur geben kann. Er zeigt das richtige Maß an Kontrolle, seine Kollegen nicht. Immer wieder lassen sie sich aus der Fassung bringen, von Dingen, die einem zig Mal in einer Saison im Weg stehen können: Würfe, die den Weg nicht finden, Fouls, die man nicht gepfiffen kriegt. Dinge, die Besitz von einem ergreifen, wenn man sie lässt. Doch die Zahlen lügen nicht: Alba hat zum Beginn des letzten Viertels neun Rebounds auf dem Zettel, Bayern 23. Die Münchner haben auch mehr Fouls gepfiffen bekommen. Daran liegt es nicht.

Das Problem liegt unter dem Korb

Mitte des letzten Viertels führt der FCB mit 23 Punkten. Trinchieri flucht nicht mehr, der Zampano wirkt jetzt recht aufgeräumt. Der flinke Linkshänder Baldwin winkt nach einem übertrieben lässigen Korb kurz Richtung Fans, die lassen sich von ihm gerne provozieren und verwünschen ihn lauthals. Blitzableiterfunktion. Luke Sikma sitzt in der zweiten Hälfte überwiegend draußen, sein Kollege Thiemann reibt sich erfolglos unter den Körben auf. Klar ist: Im Vergleich zu letzter Saison fehlt Berlin ein beweglicher Center. Aber im laufenden Betrieb einen gefährlichen Großen zu kriegen, den man auch noch bezahlen kann, wird nicht leichter.

Als die Schlusssirene dieses 72:90 zur Tatsache macht, hat man nicht das Gefühl, dass Bayern am Limit gespielt hat. Es ist ja erst der zweite Auftritt dieser Euroleague-Saison und wie man Berlins Oberstudiendirektor Aito kennt, sieht er diese Phase ohnehin nur als Lehreinheit auf hohem Niveau. Aber bewertet man den Kader und dessen offensichtliche Schwächen, dann könnte die Luft nach oben in der Hauptstadt in dieser Spielzeit dünner sein.

Wenige Minuten nach dem Ende sind die Ränge leer, die Lautstärke eines dribbelnden Balles wäre jetzt Lärmbelästigung. In einer Ecke spricht Albas 2,05 Meter langer Basketballprofi Johannes Thiemann in weit von Reporterkörpern abgespreizte Aufnahmegeräte. Wer zu nahe kommt, wird ermahnt. "Wir dürfen das jetzt nicht überbewerten", sagt der platte Thiemann. "Wieder vor unseren Fans zu spielen, hat uns einen echten Push gegeben. Es tut uns leid, dass wir heute nicht besser für sie auftreten konnten ", gibt er noch zu Protokoll. Dann dreht er sich zum Gehen um und hält einem Mitarbeiter seine Handflächen hin. Der quetscht ihm Desinfektionsmittel aus einer Flasche. Thiemann verreibt es und verschwindet in den Katakomben. Alles wirkt ganz routiniert.

Beitrag von Sebastian Schneider, rbb|24

Artikel im mobilen Angebot lesen