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Audio: rbb24 Inforadio | 30.03.2023 | Hans Ackermann | Quelle: Peter Adamik

Konzertkritik | Simon Rattle im Pierre-Boulez-Saal

Familientreffen mit Freunden

Es war ein besonderer Abend: Kammermusik des 20. Jahrhunderts stand im Berliner Pierre-Boulez-Saal auf dem Programm - gespielt von einem außergewöhnlichen Quartett, das wohl leider nie ein festes Ensemble bilden wird, vermutet Hans Ackermann

Sir Simon Rattle, Pianist und ehemaliger Chefdirigent der Berliner Phiharmoniker, sein ältester Sohn, der Klarinettist Sacha Rattle, der Geiger Guy Braunstein und der Cellist Zvi Plesser kommen im Berliner Pierre-Boulez-Saal für einen besondern Kammermusikabend als Quartett zusammen, sind aber keinesfalls ein festes Ensemble. Eher ein familiär-freundschaftlicher Verbund von Spitzenmusikern, die sich an diesem Mittwochabend in der gemeinsamen Wahlheimat Berlin zum gemeinsamen Musizieren zusammenfinden.

Perfekte Polyphonie

Als Ganzes kann man das Quartett auch erst nach der Pause erleben. Denn zum Auftakt gibt es die Serenade op. 93 des österreichischen Komponisten Hans Gál. Ihm reichten nach eigenen Worten zur "perfekten Polyphonie" drei Stimmen - und so hat der von den Nationalsozialisten verfolgte jüdische Komponist seine moderne Serenade 1935 für Violine, Violoncello und Klarinette komponiert, ohne Klavier.

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Trio mit und ohne Rattle

Sacha Rattle, der in Birmingham und an der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" studiert hat, ist beim ersten Stück somit schon im Saal dabei, sein Vater muss sich draußen noch etwas gedulden. Und beim nächsten Stück ist dann auch Sacha Rattle erst einmal nicht mehr dabei, denn Zoltan Kodalys "Duo für Geige und Cello op. 7" steht auf Programm. Mit wunderbaren Kontrasten im mittleren Adagio-Satz, etwa wenn dort tiefe Töne des Cellisten Zvi Plesser mit der hohen Geigenstimme von Guy Braunstein zu äußerst expressiven Klängen zusammenfließen.

Vollzählig erst nach der Pause

Nach der Pause ist es dann aber endlich soweit. Simon Rattle, bis 2018 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, kommt unter größtem Beifall als letzter in den Saal, nickt "seinem" Berliner Publikum freundlich zu und setzt sich an den Flügel, der in der Pause hereingefahren wurde - und gerade noch in den Saal hineinpasst.

Denn wegen des riesigen Andrangs hat man drei zusätzliche Stuhlreihen im normalerweise geräumigen Oval aufgestellt. Das Publikum sitzt dadurch ungewöhnlich nah an den Musikern, was die Spielfreude der vier aber nur beflügelt. Und so klingt der 6. Satz von Olivier Messiaens "Quatuor pour la fin du temps" später fast wie moderner Jazz, den die Musiker mit Spaß an rhythmischer Präzision perfekt präsentieren.

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Natürlich ist das "Quartett für das Ende der Zeit" kein Jazz, sondern von der biblischen Offenbarung des Johannes inspiriert. Zwei Sätze sind der Unsterblichkeit Jesu gewidmet, andere handeln vom "Abgrund der Vögel" - Musik, die man immer wieder neu entdecken kann.

Messiaens "Quatuor" zählt zu den wichtigsten Kammermusikwerken des 20. Jahrhunderts, komponiert in einem deutschen Kriegsgefangenenlager. Dort inhaftiert hatte man Messiaen immerhin ein Klavier zur Verfügung gestellt, zusammen mit drei Lagergefährten konnte er das Quartett im Januar 1941 bei eisiger Kälte in einer improvisierten Theaterbaracke aufführen.

Ehemalige Berliner Philharmoniker unter sich

Im achten und letzten Satz dieses zeitlos modernen Werkes - überschrieben mit "Louange à l’immortalité de Jésus" - sind die beiden ehemaligen Berliner Philharmoniker dann unter sich: Simon Rattle begleitet mit schlichten Klavierakkorden Guy Braunstein, der bis 2013 Erster Konzertmeister des Orchesters war.

Sacha Rattle und Zvi Plesser lassen ihre Instrumente jetzt ruhen, hören zusammen mit dem Publikum einfach zu, wie die beiden Freunde Messiaens Klangzauber in den Himmel steigen lassen. Bei den letzten höchsten Tönen spielt Braunstein im äußersten Pianissimo, Rattle tupft seine Klavierakkorde nur noch zart an, bis das Werk in fast völliger Stille ausklingt - gefolgt von tosendem Beifall.

Sendung: rbb24 Inforadio, 30.03.2023, 06.00 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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