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Quelle: dpa/A. Franke/Geisler/B. Juergens

Burrito-Day und Weltmaultaschentag

So entstehen kuriose Gedenktage

Heute ist Gründonnerstag. Aber nicht nur: Es ist auch der internationale Tag des Sports, Burrito-Day und Weltmaultaschentag - um nur einige zu nennen. Simon Wenzel über eigenartige Gedenktage und wie sie zustande kommen.

Es ist internationaler Weltmaultaschentag. Na dann, guten Appetit! Die Huldigung des schwäbischen Klassikers, die am Gründonnerstag begangen wird, ist noch ein recht junger Aktionstag: Erst 2019 wurde er ausgerufen. Wobei der Donnerstag vor Ostern laut einer Website eigentlich schon immer ein Maultaschentag war. Seit Jahrhunderten würden die Nudelteig-Taschen in schwäbischen Familien vor allem zu dieser Zeit - in der Karwoche - verzehrt, heißt es da. (Die Website gehört übrigens einem Unternehmen, das Maultaschen verkauft und dieser Fakt wird am Ende des Textes keinen mehr verwundern.)

In einigen Jahren könnte der Weltmaultaschentag allerdings kulinarische Konkurrenz kriegen: In den USA - die ebenfalls Teil der Welt sind - ist der 6. April nämlich nicht "World-Dumpling-Day" sondern wahlweise "Tag der frischen Tomate" oder "Burrito-Day". Nachdem der Burrito es als Essen längst über den Atlantik in jede Einkaufsstraße Berlins geschafft hat, wird auch sein eigener Feiertag hierzulande bestimmt nicht mehr lange auf sich warten lassen. (Für die Tomate könnte es eng werden, die gibt es ja schon länger als die Maultaschen - vielleicht hat sie den richtigen Moment für einen Gedenktag also einfach verpasst ...)

Auch unter Gedenktagen gibt es eine Zwei-Klassen-Gesellschaft

Bevor sich nun aber alle den Magen mit Maultaschen und Burritos vollstopfen, bringt der "Internationale Tag des Sports" noch etwas Bewegung in die Sache. Der liegt nämlich auch noch auf dem 6. April. Der "Internationale Tag des Sports im Dienste von Entwicklung und Frieden", wie er genau heißt, steht sogar noch über Maultaschen, Burritos und Tomaten. Er ist legitimiert durch: (kein Scherz) eine Resolution der Vereinten Nationen. Ein Gedenktag gehobener Klasse, könnte man sagen. Von der UN anerkannt wie 197 weitere Gedenk- und Aktionstage neben ihm. Die sind derzeit als "internationale Tage" auf der Seite der Vereinten Nationen [unric.org] aufgelistet.

3. Juni ist Weltfahrradtag - ob mit oder ohne Satteltaschen | Quelle: dpa/Stefan Sauer

Solche Tage sollen internationale Aufmerksamkeit auf wichtige Themen lenken oder an historische Ereignisse erinnern, schreibt die UN. In der Liste finden sich tatsächlich höchst bedeutende Tage wie der Holocaust-Gedenktag. Auch der Weltflüchtlingstag oder der Weltblutspendetag gehören in diesen Kalender. Aber die UN hat auch anderes zu bieten, das Fahrrad und der Tourismus haben zum Beispiel ebenfalls einen internationalen Tag bekommen, selbst Tee ist in der Liste vertreten.

Bleibt nur die Frage: Wie haben sie es dahin geschafft? Der Weg ist lang, ein bürokratischer Prozess vom Vorschlag eines Mitgliedsstaates oder UN-Organs über Beratungen bis zum Resolutionsentwurf und der Abstimmung über selbigen.

Der "internationale Tag des Sports im Dienste von Entwicklung und Frieden", an dem es nicht nur um den Sport als solchen, sondern auch um seine gesellschaftliche Rolle geht, hat diesen Prozess bereits durchlaufen. 2013 ist die entsprechende UN-Resolution verabschiedet worden (er ist damit also auch älter als der Weltmaultaschentag). Das Datum wurde gewählt, weil an diesem Tag im Jahr 1896 die ersten Olympischen Sommerspiele der Neuzeit eröffnet wurden.

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Bei den "inoffiziellen" Aktionstagen beginnt der Wildwuchs

Beliebiger und deshalb noch viel zahlreicher sind die Aktions- und Gedenktage, mit denen sich die UN nicht beschäftigt. Ihr Ursprung ist nicht selten ungeklärt, das Datum manchmal je nach Kalender unterschiedlich und auch inhaltlich sind der Fantasie (fast) keine Grenzen gesetzt: "Tag des Erdnussbutter-Marmelade-Sandwich", "Star-Wars-Tag", "Tag des Telefons", "Jogginghosentag" und so weiter und so fort. Wer nicht schon mindestens ein Mal einen Social-Media-Post zum Katzen-, Hunde-, Otter- oder Sonstwasfürein-Tier-Tag gesehen hat, lebt wahrscheinlich hinterm digitalen Mond.

Mal mehr, mal weniger zuverlässig listen spezialisierte Kalender-Webseiten wichtige und unwichtige Gedenktage des Jahres auf. Der Bonner Sven Giese betreibt eine solche Seite als sein Hobby-Projekt: "kuriose-feiertage.de" (der Name spricht für sich). Die Seite dient ihm als persönliches Vergnügen und als Testballon zum Experimentieren mit dem Suchmaschinen-Algorithmus (Giese arbeitet hauptberuflich als Suchmaschinenoptimierer). Seit 2011 hat er hier Einträge zu Tausenden Aktionstagen verfasst. Er nennt sich einen "Sammler" und wenn man mit ihm telefoniert, ist eine angenehme Mischung aus Humor und ernsthafter Faszination zu spüren. Seine Informationen über die kuriosen Feiertage stammen häufig aus weltweiten Medienberichten. Giese trägt sie nach bestem Wissen und Gewissen zusammen. Ob immer jedes Wort stimmt, kann er nicht mit Sicherheit sagen, das spielt beim "Tag des Quietscheentchens" oder dem "Tag der Schlagsahne" aber eigentlich auch keine allzugroße Rolle. Trotzdem sagt Giese: "Oft steckt tatsächlich auch was spannendes in der Geschichte des Ursprungs. Häufig haben die Tage aus anderen Ländern zum Beispiel kulturelle Hintergründe, die man sonst nie erfahren hätte."

Auch dem schlichten Butterbrot ist ein Internationaler Tag gewidmet | Quelle: dpa/C. Klose

Wie der Tag zum Marketingtool wurde

Den Überblick zu behalten, ist aber gar nicht so leicht, selbst für den Mann der kuriosen Feiertage: "Es gibt so viele", sagt Giese. Ist ein Aktionstag erstmal in der Welt, kann er sich verselbstständigen. Von wem und wieso er mal ins Leben gerufen wurde, ist Jahre später dann kaum noch seriös nachzuvollziehen - Hinweise auf Urheber gibt es mitunter keine mehr. Giese nennt als Beispiel den Tag des deutschen Butterbrotes: Der Verband, der ihn ins Leben gerufen hatte, existiere längst nicht mehr. Der Tag könnte also eigentlich still und heimlich verschwinden. Weil das Internet aber nie vergisst, und die gute alte Stulle ein Social-Media-Hit bleibt, wird der Tag des deutschen Butterbrotes immer noch gerne als Anlass für zugewandte Posts genommen.

Das Ein-Mal-Eins jeder Social-Media-Abteilung, ein Twitter-Post zum Tag des Butterbrotes:

Der Ursprung vieler dieser zugegebenermaßen speziellen Tage liegt wohl in den USA - besonders wenn es ums Essen geht. Hier gibt es so viele "food holidays", dass man sie als Speiseplan nutzen könnte, ohne zu verhungern (was allerdings nicht sehr gesund wäre...). Ein Beispiel: Am 4. April fand der "National Snack Day" statt, einen Tag später begann die "Chocolate Chip Cookie Week" und am 6. April gibt es ein Drei-Gänge-Menü: Neben "Burrito Day" und dem "Tag der frischen Tomate" ist auch noch "White Chocolate Cheesecake Day".

Der Grund dafür ist ebenso logisch wie desillusionierend: Es geht um Marketing. Sven Giese stieß bei seinen Recherchen online auf ein Schriftstück des US-Handelsministeriums von 1950. In dem werden Aktionen wie die "National Iced Tea Week" aufgelistet, schon damals erteilte das Ministerium Unternehmen und Händlern den Rat, passende Marketingaktionen dazu zu starten.

Ein weiterer Meilenstein war das Amerikanische Vorbild für heutige Kalender-Webseiten. 1957 erschien der sogenannte "Chases' Calendar of Events". Anfangs noch ein Heft, inzwischen ein Buch, in dem Feiertage, Jahrestage und eben Aktionstage aufgeführt sind. In einer späteren Ausgabe soll dort eine Anzeige des größten Amerikanischen Unternehmerverbandes erschienen sein, der dazu aufrief, weitere Aktionstage zu erfinden - so berichten es US-Medien. Ein Formular zum Einreichen von neuen (erfundenen) Tagen gibt es heute noch auf der Verlagswebsite. Aktionstagen einen offiziellen Anstrich zu geben ist damit leicht gemacht. Kein Wunder also, dass in den USA inzwischen fast jeder zuckrige Krümel seinen eigenen "Feiertag" hat.

... und wir gedenken der Jogginghose ... | Quelle: imago images/M. Gstettenbauer

Inoffizielle Tage können ehrenhafte Zwecke verfolgen

Auch hierzulande kann grundsätzlich erstmal Jede und Jeder einen Gedenktag für irgendetwas ausrufen - solange der Anlass sich im rechtlichen Rahmen bewegt. Wie erfolgreich dieser dann wird, hängt in erster Linie von der PR-Strategie und dem Budget ab. In Zeiten von Social Media manchmal aber auch vom Zufall, wie das Beispiel des Butterbrotes zeigt (so gesehen hätte die Tomate vielleicht doch noch eine Chance).

Privat und als PR-Maßnahme organisierte Gedenktage müssen aber nicht in weitestgehend nutzlosen Kuriositäten, Essenswerbung oder bei süßen Tieren enden. Krankenkassen bedienen sich zum Beispiel häufig dieses Mittels, um mit Aktionstagen auf bestimmte Krankheiten und die zugehörigen Vorsorgeuntersuchungen aufmerksam zu machen. Viele solcher Tage sind nicht von der UN als "offizielle" Gedenktage registriert, obwohl man das für möglich halten würde. Die Freiheit, abseits einer Resolution der Vereinten Nationen eigene Aktions- und Gedenktage auszurufen, kann also auch etwas Gutes haben. Wer das mal selbst ausprobieren will, hat noch so ziemlich genau ein Jahr Zeit, sich einen guten Anlass zu überlegen: Am 26. März 2024 ist der nächste "Erfinde-deinen-eigenen-Feiertag-Tag".

Beitrag von Simon Wenzel

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