Der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahlen 2019 in Brandenburg, Benjamin Raschke (rechts), und ParteikollegInnen im Gespräch mit Passanten an einem Wahlkampfstand in der Bahnhofstraße von Königs Wusterhausen, 16.08.19 (Quelle: rbb24 / Schneider).
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Landtagswahlkampf der Grünen in Brandenburg - "Waldbrände und Dürresommer haben vielen die Augen geöffnet"

Das Ergebnis von 2014 wohl verdoppelt, die Mitgliederzahl ebenso, im Ortsverband vervierfacht - die Grünen sind in Brandenburg im Aufwind. Und Benjamin Raschke wahlkämpft ohne eigenes Auto. Ein Ortstermin in Königs Wusterhausen. Von Sebastian Schneider

Ein Freitagvormittag in Königs Wusterhausen, gut zwei Wochen vor der Landtagswahl. Vor dem Edeka haben die Grünen ihren Wahlkampfstand aufgebaut. 18 Mitglieder hat der Ortsverband hier inzwischen, vor eineinhalb Jahren waren es noch vier. Bei der Landtagswahl werden sie ihr Ergebnis von 2014 wohl verdoppeln. Die Grünen im Aufwind. Und mit einem neuen Gesicht an der Parteispitze: Benjamin Raschke, blauer Pulli, Jeans, hager und hochgewachsen. Er persönlich steht neben dem grünen Schirm und spricht Passanten an.

Auf der anderen Straßenseite steht die AfD, ein paar Meter weiter die CDU. Ab und zu bricht die Sonne durch die Wolken. Nach außen hin nehmen die Konkurrenten keine Notiz voneinander.

Sie haben sich nicht zufällig entlang der Bahnhofstraße aufgebaut. Heute ist Wochenmarkt. Und mit etwas Glück kann man noch ein paar verfrühte Wochenendpendler antreffen, die hier vorbei  müssen. Nachmittags ist die Sache dann schon wieder durch.

Der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahlen 2019 in Brandenburg, Benjamin Raschke, im Gespräch mit einem Bürger nach dem Abbauen eines Wahlkampfstandes in der Bahnhofstraße von Königs Wusterhausen, 16.08.19 (Quelle: rbb24 / Schneider).
Grünen-Spitzenkandidat Benjamin Raschke im Straßenwahlkampf in Königs Wusterhausen | Bild: rbb|24 / Schneider

Ein Stand, zwei Stunden, zwölf Menschen

Der 36-jährige Raschke ist Teil der Doppelspitze, mit der die Partei in Brandenburg kandidiert. Der Experte für Tierschutz und Agrarpolitik, deckt den ländlichen Raum ab, Ursula Nonnemacher den urbanen Speckgürtel.

Ein Rentner in beigefarbener Hose und beigefarbenem Hemd schiebt sein Rad an den Stand. "Habt Ihr auch so'n Programm?", fragt er Raschke. "Ick muss ja wissen, wo ick meinen Stich mache." "Nur die Kurzversion", antwortet der Spitzenkandidat und drückt dem Mann eine Broschüre in die Hand. Kurz darauf hat er ihn soweit, dass er für eine Volksinitiative für Artenvielfalt unterschreibt.

Es kommt ein älterer Mann mit Schiebermütze vorbei, der Klimawandel und Insektensterben bestreitet und die drei Grünen am Stand konsequent duzt. Dann ein jüngerer, der von den Grünen wissen möchte, wie sie die wegfallenden Jobs nach dem Ende der Braunkohle ersetzen wollen. Ein anderer, Anfang 20, möchte wissen: "Ist das jetzt einfach Werbung, weil Landtagswahlen anstehen?" Er wolle gerne mit dem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren dürfen. Eine Lokalpolitikerin aus Eichwalde, die sich sorgt, dass im Speckgürtel die Infrastruktur nicht schnell genug mitwachse, während in berlinfernen Gegenden die Dörfer ausstürben. Zwölf Menschen in zwei Stunden.

Mitgliederzahlen in Brandenburg fast verdoppelt

Was auffällt: Beschimpft werden die Parteienvertreter nicht. Auch die Leute, die nicht mit ihnen übereinstimmen, bleiben höflich.

"Klar, manche die uns nicht mögen, rufen uns Sachen zu wie 'Mein Beileid' oder 'Ihr CO2-Spinner'. Aber das ist weniger geworden", sagt Raschke. Er ist seit 2014 Abgeordneter im Landtag und hat sich als Oppositionspolitiker vor allem durch seine vielen Anfragen ans Landwirtschaftsministerium einen Namen gemacht.

Von etwa 1.000 auf mehr als 1.800 ist die Mitgliederzahl in Brandenburg gewachsen - dabei profitiere man vor allem vom Bundestrend. "Zwischenzeitlich gab es Überlegungen, ob man nicht das ostdeutsche 'Bündnis90' aus dem Namen streichen soll und uns nur noch 'Die Grünen' nennt. Das ist vom Tisch - ich habe das Gefühl, dass die Bundesspitze den Osten diesmal viel stärker im Blick hat", sagt Raschke. Dass ein Parteivorsitzender wie Robert Habeck zum Auftakt die Stadthalle in Cottbus fülle - das sei früher undenkbar gewesen.

"Die, die uns nicht mögen, sind ungefähr gleich viele geblieben. Aber dafür sind viel mehr Unterstützer dazugekommen", erklärt Raschke. Er zählt auf, wer das vor allem ist: Junge Menschen ohne Kinder, junge Eltern und besonders Frauen. "Aber wir erreichen inzwischen auch immer mehr Ältere. Die großen Waldbrände und der Dürresommer im vergangenen Jahr haben vielen die Augen geöffnet", sagt Raschke. 

Eine Bürgerin unterschreibt in einer Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren zum Insektenschutz an einem Wahlkampfstand der Grünen am 16.08.19 in der Bahnhofstraße in Königs Wusterhausen (Quelle: rbb|24 / Schneider).
Das Interesse an den Grünen ist groß - so groß, dass die Partei Flyer nachdrucken lassen musste | Bild: rbb|24 / Schneider

"Natürlicher Gegenpol zur AfD"

Die neuen Mitglieder seien nicht nur passive Zahler, sondern packten im Wahlkampf mit an, die Grünen haben dafür auch mehr Geld zur Verfügung: Knapp 400.000 Euro geben sie diesmal aus. Raschke sagt, das Interesse sei so groß, dass er Flyer habe nachdrucken lassen müssen. Er erzählt betont nüchtern, ohne Triumphgetue. Man dürfe sich nichts vormachen: Auch mit der gewachsenen Unterstützung sei es immer noch ein Wahlkampf "David gegen Goliath".

Aber bei allem Understatement: Bei der letzten Wahl 2014 ging es für die Grünen noch darum, ob sie es überhaupt in den Landtag schaffen - nun ist der Erwartungsdruck wesentlich höher. Raschke sagt mit einem Seitenhieb auf die Partei, die Brandenburg seit fast 30 Jahren mitregiert: "Wir bewegen uns von unten auf die 17 Prozent zu, die SPD von oben." Die Stärke der Grünen liege auch an der Schwäche der SPD. Und, dass sie als "natürlicher Gegenpol zur AfD" wahrgenommen würden.

Wahlkampftour ohne eigenes Auto

Um kurz vor eins packen Raschke und sein Parteifreund Sebastian Köppen den Wahlstand innerhalb weniger Minuten in Köppens Wagen. Raschke hat keinen. Er sagt, er nutze bei seinen Wahlkampftouren nur Bus und Bahn, damit komme man gut durch. Nach Elbe-Elster ist er schon mal vier Stunden mit dem Zug unterwegs. Um in die Dörfer zu kommen, muss ihn dann doch oft jemand vom Ortsverband mit dem Auto abholen.

Auf dem Land wird das klassische Klinkenputzen sehr zeitaufwändig. Mindestens 30 Sekunden braucht man, um einen persönlichen Eindruck bei potentiellen Wählern zu hinterlassen, haben Erfahrungen aus den Obama-Kampagnen gezeigt. Für mehr als ein "Hallo, darf ich mich vorstellen" und einen Flyer in die Hände drücken reicht das allerdings nicht. Auch deshalb mussten wohl welche nachgedruckt werden.

Beitrag von Sebastian Schneider

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6 Kommentare

  1. 6.

    Die Grünen sind keine Volkspartei. Dazu sind nicht breit genug aufgestellt und machen weiterhin Klientelpolitik. Sie wollen auch nach eigener Aussage (noch) keine Volkspartei sein.

  2. 5.

    Die Grünen sind keine „Volkspartei“? Wusste ich gar nicht. Was ist das denn für eine Partei? Grünextremistisch???^^ Weil Sie die in einen Sack mit der rechtsextremen AfD stecken. Das ist absurd!

  3. 4.

    Grüne und AFD werden doch meistens nur gewählt, weil gerade der Frust auf die Volksparteien gross ist.
    Wenn endlich auf dem Wahlschein die Möglichkeit wäre auszuwählen keine der Partei, was Auswirkung auf zukünftige Abstimmungen haben muss, z.B. das die Stimme immer als Gegenstimmen gewertet werden, dann würden diese Parteien bei oder unter 5% liegen.
    Den eigentlich können sich so viele Menschen nicht "Blind" sein.

  4. 3.

    Leider sind auch die Klimaschutzpläne der Grünen nicht radikal genug um das 1.5 Grad Ziel des Pariser Abkommens einzuhalten. Aber besser als die "Noch 1000 Jahre Baunkohle" AfD sind sie natürlich allemal.

  5. 1.

    „Wahlkämpft“... Nee, rbb, ich bin nur bis zu diesem Wort gekommen. Artikel mit Kunstworten ignoriere ich

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