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Video: Hauptstadt des Verbrechens, 05.09.2017, 20:15 Uhr, Olaf Sundermeyer & Jan Wiese | Quelle: dpa

rbb|24-exklusiv | Datenanalyse

Tatort Berlin

Berlin ist nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch die Hauptstadt des Verbrechens. rbb|24 hat exklusiv die Polizeistatistik der "gefährlichsten Orte" der Stadt ausgewertet. Mehr als 20 Straftaten täglich allein am Alexanderplatz, und das ist nicht der einzige gefährliche Ort. Von Dominik Wurnig

Hinweis: Den Dokumentarfilm können Sie online in voller Länge sehen (Klick ins Bild oben)

Der Alexanderplatz ist Berlins Kriminalitätsschwerpunkt Nr. 1. Die Zahl der Delikte hat sich dort zwischen 2008 und 2016 nahezu verdoppelt. 7.820 Straftaten wurden im vergangenen Jahr rund um den Fernsehturm gezählt - das sind mehr als 21 am Tag, wie eine Detailauswertung der Berliner Polizei zeigt, die dem rbb exklusiv für alle zehn kriminalitätsbelasteten Orte in Berlin vorliegt.

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Seit 2008 ist die Zahl der Straftaten an allen ausgewiesenen Orten bis auf den Hermannplatz insgesamt gestiegen. Zwar ist von 2015 auf 2016 die Kriminalität vor allem am Alexanderplatz und rund um die Warschauer Brücke gesunken. Am Kottbusser Tor und am Kleinen Tiergarten ist die Zahl der Delikte 2016 jedoch gestiegen.

Die allgemeine Zahl der Delikte ist für das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung wenig aussagekräftig: Denn Laden- und Taschendiebstahl sind zwei häufige Delikte - gerade in stark frequentierten Einkaufs- und Touristengegenden - , die sich aber nicht gegen die körperliche Unversehrtheit richten.

Deshalb hat rbb|24 die Entwicklung sogenannter Rohheitsdelikte analysiert. Darunter versteht man Körperverletzung, Mord, Totschlag, Raub, Vergewaltigung und andere Sexualdelikte - also vor allem Gewaltverbrechen.

Die Analyse zeigt, dass diese Delikte in den vergangenen Jahren am Kottbusser Tor und auch - in geringerer Zahl - am Kleinen Tiergarten gestiegen sind. An der Warschauer Brücke, wo sich auch das RAW-Gelände befindet, ist die Zahl der Rohheitsdelikte 2016 wieder gesunken. Nachdem der Alexanderplatz diesbezüglich lange der gefährlichste Ort Berlins war, passierten 2016 die meisten Rohheitsdelikte am "Kotti".

Die zehn kriminalitätsbelasteten Orte im Detail

Besonders für Langfinger ist der Tourismus-Hotspot Alexanderplatz ein lohnendes Gebiet: 2016 gab es dreimal so viele Ladendiebstähle und fast viermal soviele Taschendiebstähle wie noch 2008. Gestiegen ist auch die Zahl der Gewaltverbrechen wie Raub oder Körperverletzungen. Mehr als 1,5 Mal pro Tag oder insgesamt 564 Mal kam es 2016 zu Körperverletzungsdelikten rund um den Fernsehturm.

Während die Kriminalität von 2008 bis 2015 kontinuierlich anstiegen, ging die Deliktzahl 2016 wieder zurück. Auch der Blick auf die Fallzahlen in der ersten Hälfte 2017 lässt vermuten, dass am Jahresende weniger Delikte in der Statistik stehen.

Dass der Kotti für Drogendelikte berühmt-berüchtigt ist, zeigt sich auch in der Statistik. 840 Straftaten im Zusammenhang mit dem Betäubungsmittelgesetz - so heißt es im Amtsdeutsch - gab es hier 2016. Das sind mehr als dreimal so viele wie noch 2008.  

Die Zahl der Ladendiebstähle hat sich von rund 500 auf über 700 von 2008 auf 2016 erhöht; Taschendiebstähle stiegen im selben Zeitraum von von 147 auf 927 - das sind mehr als sechsmal so viele. Raubdelikte haben sich von 2008 bis 2016 mehr als vervierfacht. Auch die Zahl der Körperverletzungen ist auf 507 im Jahr 2016 angestiegen.

Traditionell ist das Kottbusser Tor auch das Zentrum der revolutionären 1.Mai-Demo, und es kommt hier immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Das zeigt sich auch in den Delikten Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte sowie Landfriedensbruch - typische Vergehen am Rande politischer Demonstrationen.

Am Kleinen Tiergarten in Moabit ist in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Raub- und Körperverletzungsdelikte stark angestiegen. Im Jahr 2015 machte der Kleine Tiergarten deutschlandweit Schlagzeilen: Hunderte Flüchtlinge harrten in und rund um das benachbarte Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) aus und warteten auf ihre Registrierung. In der Kriminalitätsstatistik zeigt sich gibt es einen Anstieg bei Raub und Sexualdelikten (Vergewaltigung, Schwere Nötigung und weitere Sexualdelikte) im Jahr 2015. Im Jahr 2016 sind dann die Drogendelikte stark angestiegen - auf 689 Fälle, 500 mehr als noch im Vorjahr. Auch im ersten Halbjahr 2017 wurden bereits 392 Straftaten nach dem Betäubungsmittelgesetz gezählt.

Dort, wo nachts die betrunkene Touristen in Scharen die Straßen bevölkern, ist einer der am stärksten durch Kriminalität belasteten Orte in Berlin. Von 2008 bis 2015 haben sich die Straftaten rund um die Warschauer Brücke mehr als verdreifacht - erst im Vorjahr hat sich die Lage wieder ein wenig beruhigt. Mit Berghain, RAW-Gelände und dem Bahnhof Warschauer Straße gehen viele Drogendelikte einher. 762 waren es 2016, 2015 waren es noch mehr als doppelt so viele. Die Zahl der Taschendiebstähle hat sich zwischen 2008 und 2015 versiebzehnfacht. Auch Körperverletzungen und Raubüberfälle sind in den vergangenen zehn Jahren angestiegen, 2016 aber wieder zurückgegangen. In diesem Jahr scheint die Zahl der Straftaten insgesamt wieder zu sinken.

Dass die Berliner Polizei das Gebiet rund um die Rigaer Straße als kriminalitätsbelasteten Ort führt, ist ungewöhnlich. Im Vergleich zu den anderen Zonen ist die Zahl der Straftaten insgesamt niedriger und hat sich auch nicht so dynamisch entwickelt wie beispielsweise an der Warschauer Brücke. Aber hier befindet sich das umstrittene Wohnprojekt Rigaer 94.

In der Rigaer Straße zählt die Polizeistatistik in erster Linie Delikte, die in Verbindung mit Autonomen oder Demonstrationen stehen. Fast überall in Berlin sind Taschen- oder Ladendiebstahl die häufigsten Delikte. Nicht so in der Rigaer Straße: Hier sind Sachbeschädigung das häufigste Vergehen. Relativ häufig kam es auch zu den Delikten Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Landfriedensbruch. Das sind typischerweise Straftaten, die am Rande politischer Demonstrationen begangen werden. Auch die Zahl der Drogendelikte ist in den vergangenen Jahren gestiegen.

Der Fall des U-Bahn-Treters hat die Hermannstraße und den gleichnamigen U-Bahnhof deutschlandweit in die Schlagzeilen gebracht. Millionen Deutsche sahen geschockt das Video der Überwachungskameras, in dem ein junger Mann heimtückisch eine junge Frau in den Rücken tritt, so dass sie ungeschützt die Treppe hinabstürzt. Das war eine von insgesamt 331 Körperverletzungen, die 2016 rund um die Hermannstraße gezählt wurden. Doch anders als in anderen Kiezen ist diese Zahl über die Jahre rückläufig. Noch 2012 gab es hier 483 solcher Taten.

2016 gab es im Kiez um den U-Bahnhof Hermannstraße 311 Taschendiebstähle - 2008 waren es gerade mal 63, also circa ein Fünftel. Die Zahl der Drogendelikte ist im gleichen Zeitraum von 83 auf 125 gestiegen.

Das Herz von Neukölln, der Hermannplatz, ist in den vergangenen Jahren insgesamt kein unsicherer Ort geworden. Von 2008 (1.342 Straftaten insgesamt) bis 2016 (1.333 Straftaten) ist die Statistik fast gleich geblieben, mit zwischenzeitlichen Ausreißern nach unten.

Deutlich zurückgegangen sind die Körperverletzungen, von 165 Fällen im Jahr 2008 auf 90 im Jahr 2016. Gestiegen sind dafür Taschendiebstähle im gleichen Zeitraum. Nach einem Rückgang 2012 und 2013 sind zuletzt die Ladendiebstähle und Drogendelikte wieder angestiegen - sie bewegen sich aber nach wie vor auf dem Niveau von 2008.

Der Görlitzer Park in Kreuzberg war in den vergangenen Jahren Dauerthema in den Medien - auch überregional. Die rot-schwarze Vorgängerregierung mit Innensenator Frank Henkel (CDU) hatte für den Park eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Drogen ausgerufen; der rot-rot-grüne Senat hat diese Strategie im März 2017 für gescheitert erklärt.

In der Kriminalitätsstatistik lässt sich von 2008 bis 2015 ein deutlicher Anstieg der Drogendelikte auf 1.068 Fälle ablesen. 2016 ging die Fallzahl auf 618 zurück, und im 1. Halbjahr 2017 wurden 272 Straftaten im Zusammenhang mit Betäubungsmittel gezählt. Nach dem traurigen Höhepunkt 2014 ist in den Folgejahren auch die Zahl der Körperverletzungen und Raubüberfälle gesunken.

Am Leopoldplatz haben sich seit 2008 die Drogendelikte nahezu verdoppelt: Von 154 auf 276. Allein im ersten Halbjahr 2017 zählte die Polizei bereits 206 Drogendelikte - für das ganze Jahr 2017 ist also mit einem deutlichen Anstieg zu rechnen. Die Taschendiebstahl haben sich seit 2008 mehr als verdreifacht - 2017 könnte es aber wieder einen leichten Rückgang geben. 2016 kam es zu 238 Körperverletzungen am beliebten Weddinger Platz - 2008 waren es 206. Die Zahl der Ladendiebstähle ist seit 2008 von 470 auf 395 im Jahr 2016 gesunken.

"Regenbogenkiez" nennt die Berliner Polizei auf ihrer Webseite den Kiez rund um den Nollendorfplatz im Norden Schönebergs. Hier hat sich die Zahl der Staftaten seit 2008 nahezu verdoppelt; auch die ersten sechs Monate lassen erahnen, dass 2017 mit einer deutlichen Zunahme der Straftaten enden könnte.

Gestiegen sind seit 2008 vor allem Taschen- und Ladendiebstähle. Auch Drogendelikte haben sich von 61 im Jahr 2008 auf 133 im Jahr 2016 verdoppelt. Körperverletzungen stiegen von 159 im Jahr 2008 auf 218 im Jahr 2016.

Statistik für das erste Halbjahr 2017

Die Zahlen für das erste Halbjahr 2017 lassen sich nur eingeschränkt mit den Ganzjahreszahlen der vergangenen Jahre vergleichen. Dennoch deuten die Zahlen darauf hin, dass es am Alexanderplatz, an der Warschauer Brücke, an der Rigaer Straße und an der Hermannstraße einen deutlichen Rückgang in der Kriminalitätsstatistik geben wird.

Die Auswertung für 2017 zeigt, dass die zehn kriminalitätsbelasteten Orte in Berlin sehr unterschiedlich sind. Während die meisten Körperverletzungen am Alexanderplatz, dem Kottbusser Tor und der Warschauer Brücke passieren, zählt die Polizei Drogendelikte vor allem am Kottbusser Tor, dem Kleinen Tiergarten und der Warschauer Brücke. Top 3 der Taschendiebstähle sind Alexanderplatz, Kottbusser Tor und Warschauer Brücke. Bei Raubüberfällen liegt im ersten Halbjahr 2017 das Kottbusser Tor vor der Warschauer Brücke und Alexanderplatz sowie Schöneberg-Nord.

Beitrag von Dominik Wurnig

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