rbb24 Collage: Links ist Michael Kunert Geschäftsführer von infratest dimap und rechts ist eine Wahlurne (Quelle: infratest dimap)
Bild: infratest dimap

Interview | Michael Kunert von infratest dimap - "Die taktischen Wähler spielen in Brandenburg eine große Rolle"

Mit Schließung der Wahllokale um 18 Uhr liegt die erste Prognose zu den Ergebnissen vor. Michael Kunert von infratest dimap erklärt, wie das geht und warum es bei der Landtagswahl in Brandenburg am Sonntag besonders spannend wird.

rbb|24: Herr Kunert, die wievielte Wahl ist es denn für Sie?

Michael Kunert: Das weiß ich gar nicht ganz genau: Fast 100, glaube ich - sicher um die 90. Es gab genau eine Wahl in den 20 Jahren, in denen infratest dimap und ich das jetzt machen, bei der ich nicht dabei war.

Und hat sich in der Zeit verändert, wie Sie Wahlumfragen und Prognosen erstellen?

Wir haben durchaus im Laufe der Jahre etwas experimentiert: Wie viele Wahllokale wählt man aus? Wie befragt man die Personen? Nimmt man einen langen oder einen kurzen Fragebogen? Das sind Sachen, die uns immer wieder beschäftigt haben. Viele Änderungen sind nur kleine marginale Dinge, etwa die Formulierung der Fragen.

Das grundsätzliche Verfahren hat sich aber nicht geändert, das heißt, es basiert auf Angaben, die uns Wählerinnen und Wähler kurz nach Verlassen der Wahlräume machen. Das passiert mit Papier und Bleischrift, denn eine Umstellung auf technische Geräte hätte Probleme mit sich gebracht. Das Kernstück ist gleich geblieben, aber die Herausforderungen sind andere, etwa der größer gewordene Anteil der Briefwähler, die wir ja nun mal nicht befragen können am Wahlabend.

Wie schaffen Sie es denn, um Punkt 18.00 Uhr - mit dem Schließen der Wahllokale - ein äußerst präzises Stimmungsbild des tatsächlichen Wahlabends abzubilden - ohne dass eine einzige Stimme ausgezählt wurde?

Der erste Schritt ist die Auswahl einer sinnvollen Stichprobe von Wahllokalen, bei denen wir die Erhebungen machen. Darin investieren wir viel Zeit und Energie, um zu einer möglichst präzisen kleinen Kopie des Landes zu kommen. Es dürfen nicht zu viele Interviews in Städten oder auf dem Land geführt werden, das gilt auch für Hochburgen von Parteien oder auch für Gebiete, in denen eine Partei sehr schwach ist.

Der zweite Schritt ist dann die Erhebung der Daten: Die sogenannten Korrespondenten sprechen die Wählerinnen und Wähler an, wenn sie den Wahlraum verlassen und bitten sie, einen Fragebogen auszufüllen. Wir fragen nach der Stimmabgabe, um Wahlbeeinflussung auszuschließen, und die schriftliche Beantwortung der Fragen ist wichtig, denn nicht alle wollen öffentlich kundtun, was sie gewählt haben, wenn zum Beispiel gerade die Nachbarn vorbeilaufen. Die Teilnahme ist natürlich anonym und freiwillig.

Der dritte Schritt ist dann die Verarbeitung dieser Rohdaten: Die Ergebnisse werden telefonisch durchgegeben an unsere Zentrale. Dort nehmen am Wahlabend ungefähr 100 Mitarbeiter die Daten in Empfang und kontrollieren sie. Als letztes werden diese schon sehr guten Rohdaten noch etwas verbessert. Denn die Briefwähler sind ja zum Beispiel in der Erhebung nicht mit drin, müssen aber trotzdem mit eingepreist werden. Da greifen wir auf Erfahrungswerte, aber auch auf Spezifika von dem jeweiligen Wahlgebiet zurück. Das passiert dann kurz vor knapp - und in der Regel steht um 17.45 Uhr die Prognose fest und wird an die Ansprechpartner der ARD verteilt.

Wie präzise sind Ihre Zahlen?

Über die Jahre haben wir bei den Prognosen je Partei eine Marge von 0,5 Prozentpunkten durchschnittlicher Abweichung erreicht. Um 20 Uhr liegen die durchschnittlichen Differenzen zwischen den Hochrechnungen und dem klassischen Endergebnis eher bei 0,1 bis 0,2 Prozent. Das ist also schon sehr, sehr nah dran.

Michael Kunert, Geschäftsführer von infratest dimap, im ARD-Wahlstudio bei der Landtagswahl in Baden-Wuerttemberg am 13.03.2016 (Quelle: infratest-dimap / picture alliance)Der Mann der Zahlen: Michael Kunert im Einsatz bei einer Landtagswahl (Baden-Wuerttemberg 2016)

Die ersten Hochrechnungen gibt es ja schon kurz nach 18.00 Uhr. Sind dort bereits reale Zahlen und ausgezählte Wahlbüros eingerechnet?

Im Prinzip versuchen wir, zu jedem Zeitpunkt am Wahlabend mit allen Informationen, die wir zur Verfügung haben, das Beste draus zu machen - und nach 18 Uhr kommen eben die Ergebnisse von ausgezählten Stimmbezirken mit dazu. In den Wahllokalen, wo unsere Korrespondenten vorher die Wähler angesprochen haben, sind sie bei der Auszählung dabei und sobald etwas fertig ausgezählt ist, bekommen wir diese Informationen per Telefon. Das ermöglicht uns dann, in diesem Wahllokal, nicht mehr mit den Angaben der Befragten zu arbeiten, sondern mit dem tatsächlichen Ergebnis. Außerdem haben wir zum Beispiel eine zusätzliche Stichprobe für die Auszählung der Briefwähler, deren Ergebnisse dann auch in die Hochrechnung einfließt.

In Brandenburg gab es in den Umfragen vor der Wahl mit SPD, CDU, Linken, AfD und Grünen gleich fünf Parteien, auf die sich das Gros der Stimmen verteilt. Dabei gab es zwischen diesen Parteien immer wieder Verschiebungen. Macht das Ihre Arbeit leichter oder schwerer?

Je mehr die Menschen den Eindruck haben, dass es bei einer Wahl um etwas geht, also vorher noch nicht feststeht, wer Ministerpräsident oder Ministerpräsidentin wird, desto höher wird in der Regel die Wahlbeteiligung. Außerdem überlegen die Menschen in einer Situation, in der nicht klar ist, welche Koalitionen möglicherweise eine Mehrheit haben werden, gerade zum Ende sehr genau, wie sie ihre Stimmen verteilen, um das Maximum in ihrem Sinne herauszuholen. Die taktischen Wähler spielen eine große Rolle. Also diejenigen, die überlegen, wem gebe ich meine Erststimme und meine Zweitstimme, um möglicherweise eine Koalition zu befördern oder zu verhindern. Insgesamt erhöht dies das Interesse an unseren Zahlen aber zugleich auch die Wahrscheinlichkeit von kurzfristigen Änderungen. Etwas mehr als zehn Prozent aller Wähler sagen uns prinzipiell, ich habe mich erst im Wahllokal entschieden. Knapp 20 Prozent sagen uns, ich habe mich erst in den letzten Tagen entschieden. Es wächst dann der Druck auf uns, möglichst fundierte Zahlen zu liefern.

Zehn Tage vor der Wahl fand die letzte Umfrage statt. Gibt es eine Regelung, warum das nicht später geschieht?

Das ist eine freiwillige Entscheidung der ARD - und damals auch des ZDF. Dafür gibt es mehrere Gründe: Wenn ich da Zurückhaltung übe, ist auch per se ausgeschlossen, dass mir der Vorwurf gemacht wird, mit Last-Minute-Umfragen das Wahlergebnis in irgendeiner Form beeinflussen zu wollen. Außerdem nimmt die Genauigkeit gar nicht so stark zu, wenn man immer näher an den Wahltag rückt. Zehn Prozent entscheiden sich sowieso erst im Wahllokal. Und schließlich sinkt auch die Bereitschaft der Menschen Auskunft zu geben, je näher der Wahltag rückt.

Wie schaffen Sie es eigentlich zu wählen, wenn Sie am Wahltag immer arbeiten müssen?

Ich bin Briefwähler - seit vielen Jahren. (lacht)

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte John Hennig, rbb|24.

Kommentar

Bitte füllen Sie die Felder aus, um einen Kommentar zu verfassen.

Kommentar verfassen
*Pflichtfelder

Mit Nutzung der Kommentarfunktion stimmen Sie unserer Netiquette sowie unserer Datenschutzerklärung (Link am Ende der Seite) zu. Die Redaktion behält sich vor, einzelne Kommentare nicht zu veröffentlichen.

6 Kommentare

  1. 6.

    Dr. Kawasaki, Sonntag, 01.09.2019 | 12:50 Uhr:
    "Antwort auf [Immanuel] vom 01.09.2019 um 05:11
    ...
    Ich sage, dass solche Artike mich nerven, weil sie dem Bürger eine "gelaufene Wahl" vorgaukeln. Damit sinkt die Motivation, an der Wahl teilzunehmen. Und ich wiederhole meine Kritik: das ist schädlich für unsere Demokratie, was gewisse (!) Journalisten hier tun!"

    Es ist das Gegenteil von schädlich für unsere Demokratie, dass die Wähler darüber informiert werden, wie die anderen Wähler denken und was sie vielleicht wählen werden. So kann sich der Wähler besser entscheiden, welcher Partei er seine Stimme gibt, um seine politischen Vorstellungen am besten zu fördern.

    Demokratie braucht die informierten Bürger, und zu diesen Informationen gehört auch das wahrscheinliche Wahlverhalten der anderen Wähler.

  2. 5.

    Dr. Kawasaki, Sonntag, 01.09.2019 | 12:50 Uhr:
    "Antwort auf [Immanuel] vom 01.09.2019 um 05:11
    Sie sollten den Unterschied zwischen Angriff auf Pressefreiheit und berechtiger Kritik kennen!"

    Und Sie sollten den Unterschied zwischen berechtigter und unberechtigter Kritik kennen. Eine Kritik ist nicht allein deswegen schon berechtigt, weil sie von Ihnen kommt.

    Dr. Kawasaki:
    "Blödsinnn! Wahlumfragen ersetzen nicht die Wahl! "
    Schön, dass Sie das erkannt haben. Das wollte ich damit klarmachen!"

    Aber das weiß doch JEDER!

    Dr. Kawasaki:
    "Ich sage, dass solche Artike mich nerven, weil sie dem Bürger eine "gelaufene Wahl" vorgaukeln. Damit sinkt die Motivation, an der Wahl teilzunehmen. Und ich wiederhole meine Kritik: das ist schädlich für unsere Demokratie, was gewisse (!) Journalisten hier tun!"

    Wo "gaukeln" diese Umfragen eine "gelaufene Wahl" vor? NIRGENDS!
    Im Gegenteil: Es wird doch überall immer auch betont, wie wichtig die Teilnahme an der Wahl ist.

  3. 4.

    Unterstellen Sie mir bitte nicht, hier gegen Pressefreiheit zu sein. Ich bin treuer Fan des rbb und der Berichte des rbb!

    Sie sollten den Unterschied zwischen Angriff auf Pressefreiheit und berechtiger Kritik kennen!

    "Blödsinnn! Wahlumfragen ersetzen nicht die Wahl! "
    Schön, dass Sie das erkannt haben. Das wollte ich damit klarmachen!

    "Warum schauen Sie sich das dann an?"
    "müssen Sie die Artikel ja nicht lesen."

    Sie beide haben den Kern meiner Kritik nicht verstanden. Ich sage nicht, dass mich solche Artikel nerven, wie etwa Werbung mich nervt.

    Ich sage, dass solche Artike mich nerven, weil sie dem Bürger eine "gelaufene Wahl" vorgaukeln. Damit sinkt die Motivation, an der Wahl teilzunehmen. Und ich wiederhole meine Kritik: das ist schädlich für unsere Demokratie, was gewisse (!) Journalisten hier tun!

  4. 3.

    Dr. Kawasaki, 31.08.2019 | 12:34 Uhr:
    "Mich nerven die Wahlumfragen kolossal!"

    Warum schauen Sie sich das dann an?

    Dr. Kawasaki:
    "Bei tagesschau.de wird jetzt schon spekuliert ..." - Können die Damen und Herren Journalisten nicht abwarten, bis die Bürger in einem demokratischen Verfahren (!) ihre Stimme abgegeben haben?!"

    Nein, denn viele andere Wähler interessieren diese Umfragen und die zu erwartenden Konsequenzen aus den Wahlen. Das beschädigt auch nicht die Demokratie, sondern ist Pressefreiheit.

    Dr. Kawasaki:
    "Oder sollen wir die Wahl ausfallen lassen, weil es ja schon Wahlumfragen gibt?"

    Blödsinnn! Wahlumfragen ersetzen nicht die Wahl!

    Dr. Kawasaki:
    "Journalisten: akzeptiert, dass der Bürger spricht und haltet euch gefälligst zurück bis Sonntag 18 Uhr. Danach könnt ihr spekulieren wie wild. Bis dahin bitte Respekt vor der Demokratie!

    Lieber Dr. K., bitte mehr Respekt vor der Pressefreiheit!
    Journalisten, macht weiter eure gute und wichtige Arbeit!

  5. 2.

    Mich nerven Ihre Kommentare kollosal. Akzeptieren Sie, daß freie Berichterstattung ein grundlegender Bestandteil der Demokratie ist. Wenn es Ihnen nicht paßt müssen Sie die Artikel ja nicht lesen.

  6. 1.

    Mich nerven die Wahlumfragen kolossal! Bei tagesschau.de wird jetzt schon spekuliert "Welche Koalition wäre möglich?" und "Für ein Zweierbündnis reicht es wohl nicht." - Können die Damen und Herren Journalisten nicht abwarten, bis die Bürger in einem demokratischen Verfahren (!) ihre Stimme abgegeben haben?! Oder sollen wir die Wahl ausfallen lassen, weil es ja schon Wahlumfragen gibt?

    Journalisten: akzeptiert, dass der Bürger spricht und haltet euch gefälligst zurück bis Sonntag 18 Uhr. Danach könnt ihr spekulieren wie wild. Bis dahin bitte Respekt vor der Demokratie!

Das könnte Sie auch interessieren

Steffi Graf bei einem Turnier 1987. Quelle: imago images/Norbert Schmidt
imago images/Norbert Schmidt

Bildergalerie - Tennisgeschichte im Grunewald

Im nächsten Jahr kommt wieder ein WTA-Turnier nach Berlin. Bereits von 1979 bis 2008 spielte die Damenelite im Tennis im Grunewald. Gerade Steffi Graf dominierte das Event für viele Jahre. Ein Rückblick.