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Quelle: IMAGO / Jürgen Held

Überfüllung auf Berliner Gewässern

"Wassersportlich gesehen ist das der Horror"

Die Berliner Wasserstraßen werden immer voller. Und die Konflikte zwischen Wassersportlern und Motorbooten nehmen zu. Ein Ruderclub ruft deshalb zu einer Wasserdemo auf. Ein Vereinsmitglied erklärt im Interview die Gründe für die Aktion.

Wummernde Partyboote und rasende Jetskis prägen zunehmend das sommerliche Bild auf den Berliner Gewässern. Es habe einen "großen Wandel" gegeben, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik schon Ende Juni 2023 im Innenausschuss."Die Berliner Gewässer werden immer mehr zu Party- und Eventflächen". Davon betroffen sind neben Anwohnern auch der Wassersport. Ruderer, Kanuten und Segelboote sehen sich häufigen Geschwindigkeitsüberschreitungen und fehlenden Vorfahrtskenntnissen ausgesetzt. Jörn Klare ist Mitglied der Treptower Rudergemeinschaft und hat mit seinem Verein für Sonntag zu einer Wasserdemo auf der Spree aufgerufen, um auf die Missstände aufmerksam zu machen.

rbb|24: Herr Klare, sind die Probleme auf dem Wasser so groß geworden, dass nur noch Demonstrieren hilft?

Jörn Klare: Das Problem ist so groß geworden, dass sich politisch etwas tun muss. Diese Konflikte auf dem Wasser verschärfen sich, der Unmut verschärft sich. Die muskelbetriebenen Wassersportler, dazu zählen Ruderer, Stand-up-Paddler und Kanuten, im weiteren Sinne auch Segler: die ziehen dabei alle gegenüber den Motorbooten den Kürzeren. Man gewöhnt sich zwar daran, aber viele Vereine in Berlin können im Sommer, beispielsweise am Sonntagnachmittag, gar nicht mehr aufs Wasser gehen, weil man keine Chance hat, sich dort Platz zu verschaffen und in Ruhe seinem Sport nachzugehen. Wassersportlich gesehen ist das der Horror.

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Spüren Sie die Rückendeckung aus der Ruderszene?

Wir haben mit einer Petition angefangen und haben mittlerweile 3.500 Unterschriften gesammelt. Mit dieser Rückendeckung sind wir an den politischen Betrieb herangetreten und sind da durchaus auf Resonanz gestoßen. Wir durften unser Anliegen im Sportausschuss vertreten und waren im Umweltausschuss eingeladen. Dann kam aber die Berlin-Wahl dazwischen.

Sie sprechen in ihrer Petition von den Berliner Gewässern als einer "regellosen Erlebniswelt". Woran machen Sie das fest?

Unser Unmut richtet sich auf Motorboote mit Kapitäninnen und Kapitänen, die nicht regelkundig sind. Zumeist sind das Leihboote. Das können diese so genannten Partyboote sein, aber es gibt da eine große Bandbreite von Booten, die von Menschen über das Wasser gesteuert werden, die die Schifffahrtsregeln nicht kennen, wobei da sicher auch Alkohol eine Rolle spielt. Der Ursprung des Problems liegt im Jahr 2012, als die Führerscheinpflicht für Motorboote von 5 PS auf 15 PS angehoben wurde. Mit 15 PS kann man locker eine Geschwindigkeit von 30 km/h fahren, die dann von Leuten übers Wasser bewegt werden, die die einfachsten Vorfahrtsregeln nicht beherrschen und den Kurs nicht halten. Das wird für uns Sportler dann gefährlich.

Welche Gefahren sind Ruder- und Segelboote konkret ausgesetzt? Gab es Unfälle?

Zunächst einmal, was den Wellenschlag angeht. Diese Boote schlagen hohe Wellen, obwohl die Führer angehalten sind, darauf zu verzichten. Das sind Probleme, die unseren Sport gefährlich bis unmöglich machen. Auf dem Wannsee gab es zuletzt auch einen Unfall. Häufig wird aggressiv reagiert und von beiden Seiten rumgebrüllt. Das Problem beim Rudern ist: Wir sind nicht so wendig und können dementsprechend kaum ausweichen. Wir halten unseren Kurs, das bringt uns aber nichts, wenn Leute Zick-Zack fahren oder mit dem Grill beschäftigt sind.

Sind Motorboote generell das Problem oder nur die Partyboote?

Wir haben kein Problem mit dem organisierten Motorbootsportlern, die Leute, die ihren Führerschein haben. Zwar schreit man da jetzt auch nicht: "Hurra, da kommt ein Motorboot!" Aber die wissen in der Regel, was sie tun. Da muss man höchstens mal winken, dass die Geschwindigkeit gedrosselt werden muss, damit deren Wellen unsere Boote nicht volllaufen lassen.

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Welche Forderungen an die Politik stellen Sie, um die Verhältnisse aus Ihrer Sicht zu verbessern?

Unsere Hauptforderung ist, dass die Führerscheinpflicht in Berlin für 5-PS-Boote wieder eingeführt wird. Das ist ein dickes Brett, das wir da bohren müssen, weil es sich um Bundesrecht handelt, aber wir glauben, dass es hier für Berlin eine Ausnahmeregelung geben könnte. 2022 gab es eine Umfrage vom Tourismusverband Köpenick zum Wassertourismus, an der haben 2.400 Menschen teilgenommen und die Rückmeldung war verheerend. 80 Prozent haben gesagt, so geht es nicht weiter, wobei der größte Stresspunkt diese Regellosigkeit darstellt. Außerdem wollen wir zwei motorbootfreie Sonntage während der Hauptsaison zwischen April und Oktober.

Heißt das dann, keine Sightseeing-Bootstouren für Touristen an diesen Sonntagen?

Nein, die Berufsschifffahrt ist davon ausgenommen. Die haben ihre Rechte und denen wollen wir in keiner Weise in die Quere kommen, also den Fahrgastschiffen oder den Schublastern. Vor denen haben wir großen Respekt und mit denen haben wir auch keinerlei Probleme.

Muss auch die Polizei aktiver werden?

Wir wünschen uns, dass die Wasserschutzpolizei besser ausgestattet wird. Die Polizei ist willig, da tut sich viel, vor allem, was die Ausstattung angeht mit schnelleren Booten und mehr Personal. Da sind wir auch bereits in einem guten Kontakt.

Die Wasserschutzpolizei hatte Ende Juni angekündigt, mit zwei Jetskis zusätzlich zu patrouillieren. Ist da bereits etwas passiert?

Soweit ich weiß, ist das noch nicht passiert. Wir waren zuletzt auch bei der Wasserschutzpolizei, um diese Demo vorzubereiten. Die Jetskis sind wohl schon da, aber die Beamten müssen wohl noch entsprechend geschult werden. Aber Stichwort Jetskis: Die sind auch ein großes Problem, gerade in den Kanälen. Wenn man da als Ruderer einem Jetski mit erhöhter Geschwindigkeit begegnet, kann man einpacken, denn die Wellen schaukeln sich dort unglaublich hoch und sie verlaufen sich nicht.

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Was ist am Sonntag auf der Demo zu erwarten und mit wie vielen Teilnehmern rechnen Sie?

Die Wasserdemo ist als Sternfahrt organsiert. Von drei Richtungen aus wird der Zielpunkt, das Köpenicker Becken vor dem Rathaus Köpenick, angesteuert. Ein Startpunkt ist der Eisenbahnsportverein Schmöckwitz, die weiteren sind am Müggelsee beim Ruderclub Ägir und am Baumschulenweg bei der Treptower Rudergemeinschaft. Von dort aus wird losgerudert oder gepaddelt und an der Demo können alle muskelbetriebenen Wassersportler teilnehmen. Auch Stand-up-Paddler und Privatpersonen sind herzlich eingeladen. Wir rechnen Stand jetzt mit etwa 80 Booten.

Wie geht es dann in Köpenick weiter?

Dort im Köpenicker Becken wird ab 11 Uhr eine kurze Kundgebung stattfinden. Und anschließend ist ein großer Zug mit allen Beteiligten über die Müggelspree zum Müggelsee geplant. Die Polizei wird uns natürlich begleiten. Wenn Motorboote uns entgegenkommen, sind diese angehalten, an den Rand zu fahren und ihre Geschwindigkeit zu drosseln.

Sollte sich zukünftig nichts verbessern, dann könnten Sie ja häufiger demonstrieren, um die Motorboote zum langsam Fahren zu zwingen?

(lacht) Das ist eine Idee, die kursiert. Aber wir würden es gerne anders regeln.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Fabian Friedmann.

Sendung: rbb24, 20.09.2023, 21:45 Uhr

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