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Video: rbb24 Abendschau | 15.12.2022 | Petra Gute | Quelle: dpa/Ronald Grant Archiv

"Nosferatu"-Ausstellung in Berlin

Blut spenden für einen Vampir

Zu seinem 100. Geburtstag bekommt "Nosferatu" eine Ausstellung in der Sammlung Scharf-Gerstenberg, die zeigt, wie sehr der Stummfilmklassiker von der Kunst beeinflusst ist. Von Marie Kaiser

Als "Nosferatu" am 4. März 1922 seine Berliner Premiere feierte, war den meisten der Blutsauger längst bekannt - von Plakaten oder aus Zeitungsanzeigen. Fast ein Dreivierteljahr lief bereits die aufwändige Werbekampagne für Friedrich Wilhelm Murnaus Vampirfilm. In den Kinos floppte der Film trotzdem. Dass er Jahre später wiederentdeckt wurde, ist auch den Surrealisten zu verdanken. "Nosferatu" war einer der Lieblingsfilme von André Breton, dem Gründer der surrealistischen Bewegung. Dass die Ausstellung zum 100. Geburtstag des Stummfilm-Klassikers nun in der auf Surrealismus spezialisierten Sammlung Scharf-Gerstenberg gezeigt wird, ist also kein Zufall.

Wer gegenüber vom Berliner Schloss Charlottenburg den ehemaligen Marstall des Stülerbaus betritt, taucht ab in die Dunkelheit. Im Säulengewölbe herrscht eine Atmosphäre, die ausgezeichnet zum Vampirgrusel passt. Niemanden würde es wundern, wenn sich hier plötzlich knarzend ein Sarg öffnen und die bekannte Schattengestalt von Nosferatu mit Glatze, buschigen Augenbrauen und Krallenhänden über die Wand huschen würde.

100 Jahre "Nosferatu"

Als der erste Vampir der Filmgeschichte nach Berlin kam

1922 feiert ein Horrorfilm Weltpremiere in Berlin. Vampir "Nosferatu" bringt die Pest - kurz zuvor tötete die Spanische Grippe in der Hauptstadt Zehntausende. Der Film floppt zunächst, heute ist es eines der bedeutendsten Werke der Filmgeschichte. Von Anne Kohlick

Film und Kunst als Schwesterkünste

Auch die vielen kurzen Filmausschnitte, die in der Ausstellung gezeigt werden, kommen in der Dunkelheit gut zur Geltung. Sie werden direkt Kunstwerken gegenübergestellt, die teilweise eins zu eins als Vorlage für viele der Filmszenen dienten. "Das ist der Anspruch der Ausstellung: den Dialog zwischen den Filmbildern und der fantastischen Kunst aufzuzeigen", erklärte einer der Kuratoren der Ausstellung, der Dresdener Professor für Kunstgeschichte Jürgen Müller, bei der Eröffnung. "Zu zeigen, dass das Schwesterkünste sind, die sich wechselseitig beeinflussen."

So ist eine Szene am Meer ganz klar vom romantischen Maler Caspar David Friedrich und seinem Gemälde "Mondaufgang am Meer" inspiriert. Für eine andere Einstellung, in der der junge Makler Hutter zu sehen ist, wie er am Kamin im Schloss des Grafen Orlok in unnatürlicher schräger Haltung aufwacht, bedient sich der Film eindeutig bei einer Radierung aus dem bekannten Bilderzyklus "Caprichos" des spanischen Malers Francisco de Goya aus dem 18. Jahrhundert.

Albin Grau sorgte für die visuelle Qualität des Films

Die Ausstellung zeigt auch, dass es nicht in erster Linie Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau war, der für die ungewöhnlich kunstsinnige Ästhetik von "Nosferatu" verantwortlich zeichnete, sondern der weniger bekannte Filmarchitekt und Werbegrafiker Albin Grau. Albin Graus Zeichnungen, Malereien und Entwürfe für Filmplakate sind als Leihgaben aus seinem Nachlass in der Schweiz in Berlin zu sehen und belegen, das er es war, der die Bildsprache des ersten Horrorfilms entscheidend prägte. "Albin Grau war das, was man heute einen Set-Designer nennen würde", betont Jürgen Müller. "Ein unglaublich versierter Künstler und Zeichner, der sehr vertraut war mit der fantastischen Grafik des österreichischen Grafikers Alfred Kubin. Albin Grau ist derjenige, der für die visuelle Qualität des Films gesorgt hat."

Quelle: dpa/Ronald Grant Archiv

Ausstellung wird dem Virologen Drosten gewidmet

Die Ausstellung ist eine Reise in die Dunkelheit in sechs Kapiteln. Die Abschnitte sind durch Fadenvorhänge voneinander getrennt, auf die Filmbilder projiziert werden. Wer die Vorhänge beiseite schiebt, tritt so ganz bewusst den nächsten Schritt der unheimlichen Reise an. Im Kapitel "Der Tod kommt in die Stadt" wird deutlich, wie aktuell "Nosferatu" auch im Jahr 2022 noch ist, denn der Vampir wird für den Ausbruch einer Epidemie verantwortlich gemacht. Im Ausstellungskatalog findet sich dann auch eine Widmung für den Virologen und Corona-Experten Christian Drosten: "Vor 100 Jahren hätte er auch Nosferatu in die Knie gezwungen."

Die Epidemie im Film erinnert allerdings nicht an Corona, sondern an die Pest. An Bord des Schiffes mit dem "Nosferatu" reist, wimmelt es von Ratten. Auf Werbeplakaten wird Nosferatu immer wieder als Mischwesen aus Mensch, Fledermaus, Ratte und Spinne dargestellt.

Am Beispiel der Motive von Spinne oder Ratte spricht die Ausstellung - zumindest am Rande - auch den Vorwurf des Antisemitismus an, der dem Film "Nosferatu" immer wieder gemacht wurde, denn im Kontext der damaligen Zeit wurden Ratten oder Spinnen sehr oft mit Juden in Verbindung gesetzt. "Das ist nur eine mögliche Lesart, dass man diese Bildlichkeit politisch deutet", betonte Kurator Jürgen Müller kurz vor der Eröffnung. "Murnau war kein Antisemit, er hat solche Motive aus dem Drehbuch immer wieder abgeschwächt."

Die Besucherinnen und Besucher bekommen auch die Möglichkeit, sich selbst noch einmal ein Bild des 100 Jahre alten Stummfilm-Klassikers zu machen. Drei Mal täglich wird der Film "Nosferatu" in der Ausstellung vorgeführt.

Und eine ungewöhnliche Werbeaktion für die Ausstellung hat sich das Museum auch ausgedacht - gemeinsam mit dem Roten Kreuz. Bei der Aktion "Mit Herzblut für die Kunst" bekommen an einigen Tagen alle, die freiwillig für Nosferatu Blut spenden, freien Eintritt in die Ausstellung.

Sendung: rbb24 Inforadio, 16.12.2022, 15 Uhr

Beitrag von Marie Kaiser

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