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Audio: Fritz | 23.12.2022 | Anja Haufe | Quelle: dpa/Philipp Schulze

Jugendämter unter Druck

Berliner Unterkünfte für minderjährige Flüchtlinge fast voll

Die Senatsverwaltung für Jugend muss immer mehr unbegleitete Minderjährige versorgen, die aus Kriegsgebieten in Berlin ankommen. Die Vermittlung in die reguläre Unterkünfte der Bezirke wird immer komplizierter. Von Roberto Jurkschat

Angesichts der starken Auslastung von Flüchtlingsunterkünften in Berlin geraten auch die Einrichtungen für junge Geflüchtete zunehmend an ihre Grenzen.

Durchschnittlich kommen derzeit täglich zehn unbegleitete minderjährige Geflüchtete nach Berlin, wie eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung rbb|24 am Donnerstag mitteilte. Von den 1.090 Plätzen des Landesjugendamtes seien derzeit 85 Prozent belegt. Dabei habe die Senatsverwaltung für Jugend die Aufnahmekapazitäten in diesem Jahr bereits mehr als verzehnfacht, weil die Zahl der Ankommenden im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen ist. Seit Januar wurden den Angaben nach bereits 3.122 unbegleitete Kinder und Jugendliche durch das Landesjugendamt in Obhut genommen, 2021 waren es knapp 700.

Zu den inzwischen 1.090 Plätzen seien weitere 550 Plätze "in Planung und Aufbau", wie es heißt.

Fehlende Plätze, fehlendes Personal

Berlin steuert in eine vorweihnachtliche Flüchtlingskrise

In Berlin kommen nicht nur Geflüchtete aus der Ukraine an, sondern auch Asylsuchende aus anderen Ländern. Die Aufnahmekapazitäten sind am Limit, die Sozialverwaltung arbeitet am Anschlag. Weitere Unterkünfte sollen geschaffen werden. Von L. Schwarzer, A. Ulrich und S.Schöbel

Nicht nur Kinder und Jugendliche aus der Ukraine

"Von März bis Juni war der Anteil der aus der Ukraine stammenden Minderjährigen sehr hoch", erklärt eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung gegenüber rbb|24. "Inzwischen ist dieser Anteil deutlich zurückgegangen, stattdessen ist der Anteil aus den Herkunftsländern Afghanistan, Syrien, Türkei und Libanon stark gestiegen."

Normalerweise bleiben unbegleitete Kinder und Jugendliche nach ihrer Ankunft nur für kurze Zeit in der Obhut des Landesjugendamtes. Nach einem Clearing sind die Bezirksjugendämter für die Unterbringung in einer Jugendhilfeeinrichtung zuständig. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Jugend wird die Vermittlung in die Bezirke aber immer schwieriger, weil die Kapazitäten dort nahezu ausgeschöpft sind. Das hat zur Folge, dass sich die Wartezeiten für die Minderjährigen nach ihrer Ankunft in Berlin deutlich in die Länge ziehen.

Wartezeiten deutlich verlängert

Bei der Ankunft unbegleiteter Minderjähriger zeigen sich deshalb ähnliche Probleme, wie in den Ankunftszentren in Tegel und Reinickendorf: In Notunterkünften, Clearingeinrichtungen und Erstaufnahmestellen, die eigentlich für kurze Aufenthalte vorgesehen sind, müssen Minderjährige inzwischen lange Zeit ausharren.

"Das Landesjugendamt kommt aktuell nicht mit den Erstgesprächen hinterher, die Ankunftsprozedur in Berlin dauert inzwischen mehr als zwei Monate", sagt Daniel Jasch, Koordinator der Beratungsstelle BBZ in Berlin-Moabit. Bei der Inobhutnahme durch das Landesjugendamt seien Betreuungs- und Unterbringungsstandards außer Kraft gesetzt worden, auch in den Bezirken gebe es keine freien Kapazitäten mehr, um die unbegleitete Kinder adäquat unterzubringen.

Video | Berlin-Tegel

Geflüchtete leben wochenlang in Ankunftszentrum

Fiktive Geburtstage am 31. Dezember

Mit Sorge blicken Flüchtlingshelfer:innen nun auf die Gruppe der 17-Jährigen in der Obhut des Landesjugendamtes, die mit dem Jahreswechsel 18 Jahre alt werden und für deren Unterbringung das Landesjugendamt dann offiziell nicht mehr zuständig ist. "Viele werden laut ihren Papieren am 1. Januar volljährig und wissen nicht, wo sie dann unterkommen können", sagt Daniel Jasch. "Wenn die Jugendlichen dann zum Jahreswechsel 18 werden und die Einrichtung des Landesjugendamtes verlassen müssen, sehe ich die Gefahr, dass viele erst einmal obdachlos werden."

Nach Angaben der Senatsjugendverwaltung werden um den Jahreswechsel 75 Jugendliche in den Clearingeinrichtungen 18 Jahre alt - zumindest auf dem Papier. Denn Behörden tragen den 31. Dezember oder den 1. Januar als fiktives Geburtsdatum in die Ausweise von Flüchtlingen ein, wenn diese ohne Papiere eingereist sind oder wenn aus ihren Geburtsurkunden nur das Jahr aber nicht der Tag der Geburt hervorgeht.

Obdachlosigkeit soll vermieden werden

Im Gespräch mit rbb|24 bekräftigte eine Sprecherin der Senatsjugendverwaltung nun, es werde niemand zum 18. Geburtstag auf die Straße gesetzt. "Bevor die Jugendlichen obdachlos werden, bleiben sie in unseren Einrichtungen."

Die jungen Erwachsenen leite das Landesjugendamt an die zuständige Sozialbehörde weiter die eine Anschlussunterbringung sicherstellen muss. Hier kommt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) ins Spiel, zumindest, wenn ein Asylantrag gestellt wird. Die Auslastung der regulären LAF-Unterkünfte lag bereits Anfang Dezember bei 99,5 Prozent.

Sendung: rbb24 Abendschau, 22.12.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Roberto Jurkschat

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