Theaterkritik: Die Walküre an der Staatsoper - Wonnemond und Tränen

Di 04.10.22 | 11:26 Uhr | Von Maria Ossowski
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Bei einer Generalprobe der Aufführung der Oper "Die Walküre" von Richard Wagner agieren am 26.09.2022 Robert Watson als Siegmund und Vida Miknevičiūtė als Sieglinde auf der Bühne in der Staatsoper. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Audio: rbb24 Inforadio | 04.10.2022 | Maria Ossowski im Gespräch | Bild: dpa/Christophe Gateau

Er ist der beliebteste der vier Ring-Teile. Richard Wagners Walküre hatte vor ausverkauftem Haus Premiere, mit Christian Thielemann am Pult. Maria Ossowski ist begeistert, aber auch sauer.

Weltklasse. Meisterleistung. Sternstunde: Das sind Floskeln, die ein Opernereignis schlecht beschreiben. Besser treffen hier: Wagemut, Seelenarbeit und eine fast schmerzende Sorgfalt sowohl der Regie von Dimitri Tscherniakow als auch des Dirigats von Christian Thielemann.

Wie schon im Rheingold treffen sich sämtliche Ringgestalten in einem Forschungslabor. Götter gibts bei Tscherniakow nicht, wir erleben einen psychoanalytisch und intellektuell sezierten menschlichen Weltinnenraum ohne Bildgewalt, dafür umso präziser in der Personenregie. Wotan, sichtlich gealtert, führt den Laden. Die Walküren gehören ebenfalls zum Laborpersonal. Die schockverliebten Zwillinge Siegmund und Sieglinde sind Versuchsobjekte, Wotan beobachtet sie hinter einer Spiegelwand, nur: dumm gelaufen für den Chef: die beiden geraten in ihrer Leidenschaft außer Kontrolle und das Unglück nimmt seinen Lauf. Die Wintersturm-Wonnemond- Amourfou im ersten Aufzug gehört zum Schönsten der gesamten Opernliteratur. Und der Wälseschrei zum Schwierigsten, was Tenöre zu bewältigen haben.

Bei einer Generalprobe der Aufführung der Oper "Die Walküre" von Richard Wagner spielt am 26.09.2022 Michael Volle (Wotan) auf der Bühne in der Staatsoper. (Quelle: dpa/Christophe Gateau)
Wotan, gespielt von Michael Volle | Bild: dpa/Christophe Gateau

Wagemut, Seelenarbeit und eine fast schmerzende Sorgfalt

Robert Watson und Vida Mikneviciute sind die unglücklich Liebenden. Die zierliche Litauerin hat eine unglaublich starke Stimme, der amerikanische Tenor eine schöne, jedoch sehr viel leisere. Sie muss bestehen gegen einen einzigartig präsenten, glanzvollen Wotan von Michael Volle und eine hinreißend warme, überzeugende Stimme von Anja Kampe als Brünnhilde.

Im Hörsaal des Instituts kommt es zum Showdown zwischen Vater und Tochter. Da lodert keine Lohe auf, wenn Wotan Brünnhilde in den Feuerkreis verdammt. Sie malt kleine Flammen mit Filzstift auf die Stuhllehnen. Das reicht, denn beim Lebewohl laufen, Michael Volle sei Dank dennoch die Tränen.

Christian Thielemann dirigiert zur jubelnden Freude des Publikums

Christian Thielemann dirigiert wieder zur jubelnden Freude des Publikums, offensichtlich auch der Staatskapelle und der Sängerinnen und Sänger. Betont langsam, aber voller Spannung. Das letzte Bild, eine einsame Brünnhilde im grellen Scheinwerferlicht und eine ins Dunkel des Bühnenhintergrunds fahrende Forschungsstation mit dem ebenfalls einsamen Wotan brennt sich ein. In den Jubel jedoch mischt sich auch gewaltiger Ärger. Eine scheußliche Ungezogenheit, feige und gemein, greift mittlerweile auch im Opernpublikum um sich.

Es ist wie im Internet. Aus dem Dunkel heraus, aus der Anonymität einfach jemanden fertig machen. So geschehen an der Staatsoper zum zweiten Mal. Beim Rheingold musste Rolando Villazon einen Buhsturm als Loge einstecken, bei der Walküre Robert Watson als Siegmund. Leute, wenn Euch ein Sänger nicht gefällt, und hier singen alle auf höchstem Niveau, dann reicht es, die Hände ruhen zu lassen. Buhs zu brüllen zeugt von mangelnder Contenance. Und nach einem solchen Abend, Achtung! Klischee! Sternstunde!, sollten Buhs mit Hausverbot belegt werden.

Sendung: rbb24 Inforadio, 04.10.2022, 7:55 Uhr

Beitrag von Maria Ossowski

4 Kommentare

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  1. 4.

    ....um Ohnmachtsanfällen vorzubeugen, wurde vom 17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts Riechsalze gereicht. Vielleicht sollte die Staatsoper für alle Fälle die Merchandising-Produktpalette erweitern - Pflastermäppchen mit »Siegfrieds Lindenblatt gibt es schon.....

  2. 3.

    ..Frau Ossowski spricht mir aus der Seele!
    Auch ich empfinde diese Buhrufe als scheußliche Ungezogenheit
    lautstarker Flegel.
    Schlimm fand ich in dem Zusammenhang meine Ohnmacht,
    von meiner Seite dieser in fast allen Teilen gelungenen Aufführung
    eine entsprechende Würdigung zu geben.
    Gegen diese Minderheit dümmlicher Brüllheinis ist man leider machtlos.
    Hoffentlich erklärt das jemand Watson und Villazon.
    Michael

  3. 2.

    Auch wenn ich nicht vor Ort war - Watson ist im akustischen Vergleich am Radio mit seinen Kollegen schon hörbar abgefallen. Aber Buhen ist eben Teil der Opern(un-)kultur, eine Art Ausgleich für Bravorufe, wen man so will. Mit beidem muss man eben leben, auch wenn das die Kulturgouvernante vom RBB noch nicht so ganz begriffen hat. Herrlich absurd ist dann doch der Vorwurf der Anonymität - soll der Buhrufende denn seine Anschrift und seine präzise Kritik rausbrüllen?

  4. 1.

    Contenance bewahren - das ist manchmal "leicht" gesagt. Ich habe kein Musikstudium und habe trotzdem erkennen müssen, dass Herr Watson offensichtlich eine Fehlbesetzung war. Auch wenn ich in diesen Fall nicht "gebuht" habe, nehme ich mir als Vollzahler trotzdem die Freiheit, dies manchmal zu tun. Und bei den Herschafften, die bei Herrn Watson "Bravo" riefen, kann ich nur verständnislos den Kopf schütteln.

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