Mitgliedschaft in der Kirche - Von einer, die flüchtet, und einer, die beitritt

Sarah Rosenthal trat aus der Katholischen Kirche aus
Privat
Audio: Inforadio | 14.07.2021 | Marcus Latton | Bild: Privat

Die Katholische Kirche ist in der Krise. So wirkt sie beispielsweise in der Sexual- und Beziehungsethik antiquiert. Auch mäßige Aufklärung bei Missbrauchsfällen gereicht ihr nicht zum Vorteil. Dennoch ist sie für andere ein sicherer Hafen. Von Marcus Latton

Die Liste von Fehltritten in der Katholischen Kirche ist lang. Missbrauchsskandale, fehlende Gleichberechtigung und korrupte Strukturen. Auch das Nein des Vatikans zum Segen von homosexuellen Paaren hat bei vielen Gläubigen zu Unmut, Kritik und Unverständnis geführt.

Die römische Glaubenskongregation hatte Mitte März dieses Jahres klargestellt, dass die Kirche nicht befugt sei, homosexuelle Paare zu segnen. In der Folge kehren immer mehr Menschen der katholischen Kirche den Rücken. Andere wiederum sehen nach wie vor auch Positives, fühlen sich von Werten wie Gemeinschaftsgefühl, Gottesnähe und Einsatz für Schwächere angezogen.

Warum Henriette Spiering, dem Erzbistum Berlin beitritt, und Sarah Rosenthal es verlässt, erklären sie per Protokoll.

Henriette Spiering (45) ist Filmemacherin und hat sich Ostern taufen lassen:

"Die Skandale, die Rolle der Frau, der Umgang mit Homosexuellen und das Image, das die katholische Kirche hat, standen bei meinem Eintritt für mich eher im Hintergrund. Im Vordergrund stand meine persönliche Beziehung zu Gott.

Ich bin nicht religiös aufgewachsen, aber immer ein sehr spiritueller Mensch gewesen. Aber als Kind habe ich eine Zeit lang in Mexiko gelebt, wo der Glaube im Alltag viel präsenter ist und der Katholizismus auf eine sehr warme Art und Weise gelebt wird. Auch in der Schule in Deutschland habe ich mich im katholischen Religionsunterricht immer viel wohler gefühlt als im Evangelischen.

Henriette Spiering hat sich katholisch taufen lassen
Henriette Spiering. | Bild: Marcus Latton/rbb

Nach einem langen Auslandsaufenthalt in London und Amsterdam bin ich vor eineinhalb Jahren nach Berlin zu meinen Eltern gezogen und habe mich in der St. Canisius-Gemeinde in Charlottenburg dieses Jahr zu Ostern taufen lassen. Bevor ich meinen Taufkurs begonnen habe, hatte ich mich schon gefragt: Was kommt da jetzt auf mich zu?

Vor allem weil man ja oft dieses verschrobene, konservative Bild der Kirche vor Augen hat. Aber außer mir waren da viele andere Menschen, die unterschiedliche Hintergründe haben und mit beiden Beinen im Leben stehen. Die Bibel haben wir dort auf eine sehr vielfältige Weise kennengelernt. Das ist eben kein Geschichtsbuch oder eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Glaubensbuch, das man mehrere Interpretationen zulässt.

Ich lebe in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und meine Freundin war nicht sehr begeistert von meiner Entscheidung. Ich glaube, sie hatte Angst: 'Was passiert denn da eigentlich mit dir?' Auch viele meiner Freunde waren sehr skeptisch. Sie sagten: Du bist doch in der LGBT-Community! Warum trittst du ausgerechnet der katholischen Kirche bei? Die sind doch so konservativ!

Ich habe dann immer gesagt: Für mich ist der Übertritt zum Katholizismus vor allem eine persönliche Entscheidung. Man kann auch am meisten verändern, wenn man aktiv in einer Gemeinschaft ist und nicht austritt. Ich war in meiner Gemeinde bei einer Feier dabei, bei der auch homosexuelle Paare gesegnet wurden. Mein Pater hat mir gesagt: Du bist immer willkommen bei uns. Das gibt mir Hoffnung."

Sarah Rosenthal (36) ist Sozialunternehmerin und trat im März dieses Jahr aus:

"Es gab für meinen Austritt nicht den einen Auslöser, sondern er ist das Resultat eines sehr langen Entfremdungsprozesses von der Kirche. Eigentlich schon immer habe ich in Fragen der Sexualmoral oder der Rolle von Mann und Frau eine sehr differente Haltung vertreten. Der Missbrauchsskandal und der Umgang damit haben ihr Übriges dazu getan.

Sarah Rosenthal trat aus der Katholischen Kirche aus
Sarah Rosenthal. | Bild: Privat

Es ist schon, dass ich sehr positive Erfahrungen mit der Kirche verbinde. Ich habe dort viel Gemeinschaft erfahren und auch sehr viel Engagement mit anderen Menschen gemeinsam erlebt. Ich hatte daher eine sehr positive Beziehung zur Kirche, die mich davon abgehalten hat, mich zu verabschieden und auszutreten.

Aber mit der Zeit stellte sich heraus, dass die katholische Kirche eine Institution ist, mit der ich sehr wenig übereinstimme. Und warum sollte ich da noch Mitglied sein und das weiterhin unterstützen? Ich habe auch nicht kirchlich geheiratet oder meine Kinder taufen lassen. Mein Austritt war dann die einzige konsequente Lösung für mich.

In meiner Familie gab es dafür großes Verständnis. Bis auf eine Person sind in meinem engsten Familienkreis mittlerweile fast alle ausgetreten – aus fast den gleichen Gründen.

Es ist nicht so, dass ich mich plötzlich radikal gegen die Kirche wende. Viele christliche Werte sind mir weiterhin wichtig. Nächstenliebe, Verantwortung übernehmen, sich für Schwächere engagieren: das wird auch weiterhin in meinem Leben eine große Rolle spielen. Aber für mich muss das nicht im Rahmen der Institution Kirche stattfinden, weil das dort in der Umsetzung eine gewisse Scheinheiligkeit mit sich bringt."

Sendung: Inforadio, 14.07.2021, 10:40 Uhr

6 Kommentare

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  1. 6.

    Solange die Kirchen in den Schulen auf Staatskosten ihren Aberglauben als unumstößliche Wahrheiten verbreiten dürfen, werden sie immer wieder gutgläubige Anhänger finden, und an dem Machtgefüge wird sich wenig ändern.

  2. 4.

    In der Überschrift finde ich das Wort "flüchtet" doch etwas falsch. Wohin ist sie denn geflüchtet?

  3. 3.

    Ich bin evangelisch und habe festgestellt: Wo die Leitung der katholische Kirche zu konservativ ist, ist die der evangelischen Kirche etwas zu offen. Sie rennt den Trends der Zeit hinterher wie eine Prostituierte dem Freier. "Prüft alles und das Gute behaltet" heißt es im Neuen Testament. Leider hat die Kirchenleitung diesen Satz vergessen. Ich habe deshalb auch schon überlegt auszutreten, aber ich denke, Austritt ist keine Lösung. Ich nehme mir dadurch die Chance, mich für positive Veränderungen einsetzen zu können.

  4. 2.

    Wer’s glaubt wird selig. www.kirchenaustritt.de

  5. 1.

    Schön wird der Tag, an dem wir Institutionen wie die katholische Kirche endlich überwunden haben und dieser Mist zu den anderen Schreckensgeschichten des Mittelalters wandert...

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