Sarah Eichner und Marijke Eschenbach (Quelle: rbb/Elise Landschek)
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Interview | Geboren 1989 - in Ost und West - "Ich hab mir als Kind keine Fragen zur Geschichte gestellt"

Sarah Eichner und Marijke Eschenbach sind beide 1989 geboren, die eine in Ost-Berlin, die andere in Duisburg. Im Gespräch mit den beiden wird klar: Der Mauerfall hat sich auf ihrer beiden Leben ganz unterschiedlich ausgewirkt.

 

rbb|24: Wenn Sie an Ihre ganz frühe Kindheit Anfang der Neunziger Jahre denken, was kommt Ihnen da spontan in den Sinn? Woran erinnern Sie sich?

Marijke Eschenbach: Mein rotes Bobby-Car - und Fruchtzwerge, die mochte ich als Kleinkind extrem gern.

Sarah Eichner: Pittiplatsch, das Sandmännchen, Alfons Zitterbacke, das Buch stand bei mir damals im Regal. Aber klar, Fruchtzwerge gab es bei uns auch, es war ja schon Westen.

Sarah Eichner und Marijke Eschenbach (Quelle: rbb/Elise Landschek)
Sarah Eichner und Marijke Eschenbach Bild: rbb/Elise Landschek

War der Mauerfall damals Thema in Ihrer Familie, als Sie Kinder waren?

Marijke Eschenbach: Nee, gar nicht. Ich hab mir als Kind keine Fragen zur Geschichte gestellt. Wir hatten keine Verwandten im Ostteil, deshalb war das auch kein Thema in der Familie. Wir haben nie darüber gesprochen, soweit ich mich erinnere.

Sarah Eichner: Bei uns schon. Meine Eltern hatten sich am 8. November 1989 entschieden, ihre Sachen zu packen und die Flucht anzutreten. Am 9. November früh um ein Uhr sind wir mit dem Trabi losgefahren, rüber zur Grenze nach Tschechien. Meine Eltern haben es tatsächlich geschafft rüberzukommen und wurden dann zu einer Kaserne in Bayern geschickt. Am späten Abend haben sie dann einen Spaziergang gemacht und die Leute riefen: 'Kommt schnell zum Fernseher!' Und da haben sie gesehen, wie in Berlin die Mauer gefallen ist. Ich weiß nicht, was sie genau gedacht haben, aber wahrscheinlich: 'Der ganze Stress umsonst, das hätten wir auch einfacher haben können!' Aber das konnte ja keiner vorhersehen.

Aber aufgewachsen sind Sie dann im Ostteil?

Sarah Eichner: Ja, kurze Zeit später sind meine Eltern zurück nach Sachsen gegangen, nach Leipzig und haben sich dort ein Haus gekauft. Ich glaub schon, dass meine Eltern zurück wollten, weil ihnen ihre Heimat gefehlt hat. Da waren ja meine Großeltern, die Freunde. Mein Vater hat da einen guten Job bekommen.

Marijke, wann waren Sie das erste Mal im Osten?

Marijke Eschenbach: Das war in Berlin, dort bin ich von Düsseldorf aus hingefahren, mit 15 oder 16. Ich habe noch ein Foto von damals, von mir an der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz. Das war ein Trip mit meiner Mutter, wir waren shoppen und ganz klassisch als Touristen unterwegs. Für mich war Berlin da nicht Osten, das war einfach ein Städtetrip.

Hat Sie der Mauerfall geprägt, obwohl Sie damals noch so klein waren?

Sarah Eichner: Ich glaub schon, dass das meine Familie und mich sehr geprägt hat. Wir sind geflüchtet, weil meine Eltern ein bisschen Freiheit und Unabhängigkeit genießen wollten. Mir ist das heute auch sehr wichtig. Ich bin mit 16 ausgezogen, weil wir in einer Kleinstadt wohnten. Da wollte ich auch raus und möglichst schnell eigenständig und frei sein. Meine Eltern haben sich schnell eingefunden in viele neue Situationen damals, das kann ich heute auch sehr gut.

Marijke Eschenbach: Ich bin damit groß geworden, dass es nur ein Deutschland gibt. Die Teilung war ja bei uns in der Familie kein Thema. Deswegen habe ich erst spät wahrgenommen, dass es diese Unterscheidung in den Köpfen der Menschen gab und immer noch gibt. Ich reise beruflich viel durch Osteuropa, da fragt man mich immer: Ah, du kommst aus Deutschland! Ost oder West? Da ist mir das erst bewusst geworden. Und ich habe gemerkt: Ja es gibt Unterschiede, auch heute noch. Ich mag die Mentalität der Menschen im Osten, diese Direktheit, die Gastfreundschaft. Und ich mag das Design, die Möbel, die Tapeten, das Geschirr, alles. Ich bin ein Osteuropa-Fan geworden und finde es interessant, darüber auch so viel über den Osten Deutschlands zu lernen.

Marijke Eschenbach (Quelle: rbb/Elise Landschek)Marijke Eschenbach

Sie sind beide im bereits geeinten Deutschland aufgewachsen. Werden Sie trotzdem manchmal noch mit Vorurteilen konfrontiert, die Ihre Herkunft betreffen?

Sarah Eichner: Als ich von Leipzig 2008 nach Berlin gezogen bin, hab ich mir schnell den sächsischen Dialekt abgewöhnt. Ich wollte nicht als Sächsin erkannt werden, weil der sächsische Dialekt oft abgetan wird als dumm oder lächerlich.

Marijke Eschenbach: Es gibt eine unterschiedliche Wertigkeit von den Dialekten, das bemerke ich auch. Als 'Wessi' hat mich aber noch nie jemand bezeichnet. Bei uns in Westdeutschland hatte man eher Probleme, wenn man aus Düsseldorf kam, weil das in ganz Deutschland als die arrogante, pelztragende Nasehoch-Stadt gilt. Ich hab das aber nie auf Ost oder West bezogen, sondern auf die Region. Ich hatte eher mit den gegenseitigen Vorurteilen zwischen Köln und Düsseldorf zu tun.

Sarah Eichner (Quelle: rbb/Elise Landschek)
Sarah Eichner | Bild: rbb/Elise Landschek

Würden Sie gern mal in eine Zeitmaschine steigen, um zu sehen, wie das so war, damals in der DDR?

Marijke Eschenbach: Nein, tatsächlich nicht. Ich mag zwar den Stil von damals, das Design der Möbel und des Geschirrs, auf Flohmärkten zahlt man dafür heute ein Vermögen. Aber da ich gern meine Meinung sage und sehr gern reise, glaube ich nicht, dass ich ohne Probleme mit dem Staat ausgekommen wäre.

Sarah Eichner: Vielleicht mal ganz kurz, um zu spüren, wie es ist, nur eine kleine Welt zu haben: Da ist es übersichtlich und Du musst Dir nicht so viele Gedanken machen über die vielen Optionen. Das haben wir ja als Generation Y oft, dass wir zu viele Möglichkeiten haben, zu viele Richtungen, und dann das Problem, uns zu entscheiden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Elise Landschek

 

Kommentar

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4 Kommentare

  1. 4.

    Das Gleiche habe ich mir auch gedacht. Ganz offensichtlich haben die beiden Herrschaften nicht mitbekommen, dass es um den Geburtsjahrgang '89 geht und nicht um Erinnerungen von Zeitzeugen. Aber das erlebt man ja häufig, dass nur ein Satz gelesen wird, mehr nicht. Fand das Interview interessant.

  2. 3.

    Lustige Kommentare Nr. 1. und 2.
    Daran sieht der geneigte Leser vorbildlich, daß die beiden Kommentatoren entweder den Inhalt des Interviews oder die Unterüberschrift gar nicht gecheckt haben. (=> Aufmerksamkeitsdefizit?)

  3. 2.

    Ob diese beiden "Beispiele" die Checkpoints Alpha, Bravo oder Charlie, gar die Transitstrecken kennen wage ich stark zu bezweifeln. "Zeitzeugen" sehen anders aus.

  4. 1.

    So ein Quark. Erinnert mich an Zeitzeugenberichte jeglicher Art. Ältere haben es erlebt, und zwei damalige Säuglinge werden befragt. Super rbb24.

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