Personalmangel in der Berliner Verwaltung - Pensionierungswelle trifft Berliner Bezirke besonders hart

Fr 26.11.21 | 06:18 Uhr | Von Wolf Siebert und Christina Rubarth
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Aktenberge auf einem Schreibtisch (Quelle: dpa/Thomas Koehler)
Video: Abendschau | 26.11.2021 | Studiogast Prof. Robert Knappe | Bild: dpa/Thomas Koehler

Ausgerechnet dort, wo es schon jetzt an Fachkräften fehlt, wird die nahende Verrentungs- und Pensionierungswelle im öffentlichen Dienst besonders hart zuschlagen. Zu spüren ist das schon jetzt beim Thema Bauen. Von Wolf Siebert und Christina Rubarth

Gordon Lemm ist erst seit Kurzem Bürgermeister von Marzahn-Hellersdorf. Der SPD-Politiker hat noch nicht einmal Zeit gehabt, sein Büro einzurichten, da kommen schon große Aufgaben auf ihn zu. Der 44-jährige Marzahner mit 16 Jahren Erfahrung in der Bezirkspolitik ist jetzt für den Bereich Personal zuständig - und da gibt es Probleme: Das Bezirksamt hat 1.900 Stellen, 300 davon sind derzeit nicht besetzt. In der Tiefbauabteilung sind es elf, im Hochbau 18. Das hat Folgen: "Wir mussten unter anderem die Sanierung einer Kita und einer Jugendfreizeiteinrichtung verschieben." Dabei werden die dringend gebraucht.

Gordon Lemm (SPD), Bezirk Marzahn-Hellersdorf (Quelle: dpa/Susann Prautsch)
Bild: dpa/Susann Prautsch

Der Bezirk ist in den letzten Jahren gewachsen, zwölf neue Schulen sollen gebaut werden, Kitas und 3.000 bis 5.000 Wohneinheiten sind in Planung. Lemm spricht von einem "riesigen Baugeschehen im Bereich der sozialen Infrastruktur". Aber dazu müsste er Ingenieurinnen und Ingenieure haben.

Und dann muss Bürgermeister Lemm seinen Bezirk auch noch auf die absehbare Pensionierungs- und Verrentungswelle vorbereiten: Bis 2030 werden 51,2 Prozent der Mitarbeitenden des Bezirksamts aus Altersgründen ausscheiden. Damit liegt Marzahn-Hellersdorf im Bezirksvergleich auf Platz 1.

Mehr als jeder Dritte geht in Rente

In der Berliner Verwaltung arbeiten rund 127.000 Menschen - rund 102.000 in der Hauptverwaltung, 25.000 in den Bezirken. Von diesen wird zum Ende des Jahrzehnts voraussichtlich mehr als jeder dritte aus Altersgründen ausscheiden. Die Bezirke trifft es besonders hart: Hier sind es sogar 41,4 Prozent, die gehen - und mit ihnen viel Wissen und Erfahrung. Beim Zukunftsthema Bauen ist der Schwund besonders groß: Schon bis 2026 werden in diesem Arbeitbereich nach Angaben des Hauptpersonalrats rund 420 Mitarbeitende den öffentlichen Dienst verlassen.

Auf diese Entwicklung sind Verwaltung, Bezirke und Politik nicht gut vorbereitet, kritisiert der Landesrechnungshof in seinem diesjährigen Bericht. Eine fundierte, "auf anerkannten Methoden […] basierende […] Personalbedarfsermittlung" habe es für die Bezirke gar nicht und für die Hauptverwaltung nicht in ausreichendem Maße gegeben. Dazu kommen rund 6.100 Stellen Stellen, die nach Angaben der Finanzverwaltung des Senats derzeit unbesetzt sind. Die politische Herausforderung ist also dreierlei: das Besetzen der unbesetzten und der freiwerdenden Stellen, und: neue Stellen schaffen, um den wachsenden Verwaltungsbedarf zu erfüllen.

Zentrale Zuständigkeit gefordert

Die neue Regierung müsse nicht nur – wie angekündigt – einen "Kassen-Sturz" machen, sondern auch einen "Personal-Sturz", fordert die Vorsitzende des Hauptpersonalrats Berlin, Daniela Ortmann. Sie ist die oberste Interessenvertretung der Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Mit "Personal-Sturz" meint sie eine ehrliche Analyse: Wie viele Beschäftigte hat Berlin? Und wie viele Stellen braucht Berlin, auf Landes- und auf Bezirksebene? Nur mit einer solchen Analyse werde die Kritik des Landesrechnungshofs wirklich ernst genommen, sagt Ortmann.

Diese Stellen müssten dann auch finanziert werden von der neuen Regierungskoalition. "Im Zweifel hat in der Vergangenheit immer der Haushälter regiert, und auch heute noch rennen wir den Spar-Jahren hinterher." Schon jetzt sei der öffentliche Dienst in Teilen gefährdet, so Ortmann: Bei Staats- und Amtsanwaltschaften werde in den kommenden Jahren fast jede zweite Stelle frei. Finde man dafür keinen guten Ersatz, werde die "Axt an den Rechtsstaat gelegt".

Konkret fordern Ortmann und der Hauptpersonalrat einen eigenen Staatssekretär für "Personal und Ausbildung" – und zwar mit zentraler Zuständigkeit: "Wenn zwölf Bezirke dezentral versuchen, Ingenieure an Bord zu holen, dann sind sie nicht so erfolgreich, wie wenn man das zentralisiert."

Neubesetzung dauert ein Jahr

Ein paar Klicks auf der Website des Bezirks Marzahn-Hellersdorf – und schon ploppen die aktuellen Stellenangebote auf: Sachbearbeiterinnen, Hausmeister, Ingenieure, auch Leitungsfunktionen sind zu besetzen. Es gebe Resonanz, sagt Bürgermeister Gordon Lemm. In diesem Jahr habe man 60 Menschen mehr gewinnen können als ausgeschieden sind, und von den unbesetzten Stellen seien 140 "in Bearbeitung".

Aber er braucht auch Sozialarbeiter, Fachkräfte für Tiefbau und Ärztinnen, und da gebe es zu wenig Bewerbungen. Würde das durch eine zentrale Steuerung für Personal, wie ihn der Hauptpersonalrat fordert, besser? Lemm bleibt darauf eine eindeutige Antwort schuldig, bevorzugt aber eine etwas andere Lösung: Das Land legt nach Absprache mit den Bezirken Ziele fest und finanziert das Personal, das es dafür braucht. Diese Modell habe seine Partei-Kollegin Franziska Giffey als angehende Regierende Bürgermeisterin Berlins auch mit in die Koalitionsverhandlungen genommen. Lemm nennt zudem einen weiteren Knackpunkt: "Wir müssen schneller werden." Wenn eine Stelle frei wird, dauere es im Bezirksamt ein Jahr, bis sie endlich besetzt ist.

Werbung des Berliner Senats (Quelle: Ludger Smolka)Werbung der Berliner Verwaltung um neue Mitarbeiter:innen auf einen U-Bahnhof.

Die Jungen auf Insta gewinnen

Gerade junge Menschen müssen gewonnen werden, deswegen hat der Bezirk Neukölln die Kampagne #typischneukoelln [typischneukoelln.de] gestartet und geht damit jetzt in die zweite Runde. Porträts von Mitarbeitenden des Bezirksamts laufen in den sozialen Medien und sind auf Plakaten zu sehen. Verantwortlich für die Neueinstellung der Nachwuchskräfte ist Tülin Sezgin. "Besonders in Neukölln ist, dass die Leute sich wirklich mit dem Bezirk identifizieren", sagt Sezgin. Sie spüre viel Herzblut und viel Stolz in ihrem Bezirk. "So wie die Gesellschaft in Neukölln ist, so ist auch die Behörde."

Die 33-Jährige war früher Eventmanagerin in der freien Wirtschaft. In die Verwaltung ist sie gewechselt, weil es hier viele Möglichkeiten gibt: berufliche Perspektiven, sich weiterzuentwickeln, die Chance, noch nebenbei zu studieren und bezahlte Fortbildungen zu machen. Und für Körper und Seele gibt es Yoga-Kurse und eine Kooperation mit Fitness-Studios.

Neukölln ist am jüngsten

Laut Bezirksamt hat sich die Zahl der Interessenten im zweiten Jahr der Kampagne verdoppelt: mit etwa 8.000 Bewerbungen auf 300 Stellenausschreibungen und 400 leere Stellen. Das liegt sicher nicht nur an der Kampagne, aber rund sieben Prozent der Stellen sind zurzeit unbesetzt - für Berlin ein guter Wert. Der Altersdurchschnitt im Bezirksamt liegt bei 46,5 Jahren – auch das gilt berlinweit als recht jung. Aber das Amt soll noch jünger werden.

Sendung: Abendschau, 26.11. 2021, 19:30 Uhr

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Die Konkurrenz ist groß

Bundes- und Landesministerien, andere Bezirke, die freie Wirtschaft – sie alle konkurrieren um erfahrene Fachkräfte und kluge junge Menschen, die ihre Ausbildung beendet haben. Berlin bemüht sich seit Jahren, Verwaltungsjobs attraktiver zu machen, auch für junge Menschen: Stipendien für Studierende, duale Studiengänge u.a. für Bauingenieure und die öffentliche Verwaltung. Und diese Bemühungen hatten Erfolg. Das sagt auch Daniela Ortmann vom Berliner Hauptpersonalrat. "Aber diese Erfolgsgeschichte muss sich wiederholen!", sagt Ortmann, in den nächsten Jahren müsse Berlin rund 50.000 Menschen für die Verwaltung gewinnen.

Beitrag von Wolf Siebert und Christina Rubarth

45 Kommentare

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  1. 45.

    Digitalisierung und vor allem Automatisierung ist hier das Stichwort, aber leider in Deutschland fast unmöglich.
    Am Ende wird man hier mit dem Fax Standard in ein dritte Welt Land abdriften.

  2. 44.

    Wunder mich absolut nicht, dass die Berliner Bezirke Probleme haben Leute zu finden. Nachdem man mir 1 Woche nach einem Bewerbungsgespräch bereits eine mündliche Zusage gab, wurde ich anschließen 4 Monate vertröstet um dann eine schriftliche Absage zu erhalten.

  3. 43.

    Das zeigt, das man diese Chance des natürlichen Personalabbaus zur Digitalisieung de Verwaltung nutzen sollten. Eventuell braucht man weniger Mrnschen in de Verwaltung, wenn alle Prozesse besser werden.

  4. 42.

    " Vor etlichen Jahren schon war man der Meinung, nicht zu verbeamten,... "

    so wie bei den Lehrern, dort soll es ja auch einen Mangel geben , wir jedenfalls gemunkelt, wegen Corona aber aktuell
    nicht interessant

  5. 41.

    " Pensionierungswelle trifft Berliner Bezirke besonders hart "

    kommt wohl so überraschend wie die 4./ 5. Coonawelle

  6. 40.

    Der Bezirk muss auch endlich mal erfolglose Projekte einstampfen und die wichtigen Themen priorisieren. In der freien Wirtschaft kann man auch nicht jedes Projekt durchziehen sondern es wird auf den Prüfstand gestellt. Auch in Sachen Effizienz kann der Bezirk zulegen. Viele Verwaltungsprozesse sind sind elendig lang und umständlich. Auch das würde sich in der freien Wirtschaft niemand leisten.

  7. 39.

    Selbst Schuld, liebe Landesverwaltung.
    Vor etlichen Jahren schon war man der Meinung, nicht zu verbeamten, nur wenige Azubis einzustellen und diese nach abgeschlossener Ausbildung mit einer völlig witzlosen Eingruppierung und befristeter Übernahme direkt zu verprellen. Da geht man doch lieber woanders hin! Ich spreche da aus eigener Erfahrung. ;)

  8. 38.

    Leider sind die Probleme auch selbst verursacht. Es fehlt an Programmen für Quereinsteiger. Als Einzelhandelskaufmann trotz kaufmännischer Ausbildung keine Chance. Schade.

  9. 37.

    Was meinen Sie denn mit E bei Beamten? Wenn das besokdubgstechnisch gemeint ist, gibt's sowas nicht....

  10. 36.

    Das Hauptproblem ist die absolut unzureichende Digitalisierung der Berliner Verwaltung. Mit dem hochgelobten neuen digitalen Personalausweis zum Beispiel kann man in Berlin im Grunde nix machen, ausser die Hundesteuer digital beantragen. Also bitte nicht nach mehr Personal rufen, sondern digitalisieren, das ist mit einer überalterten Verwaltung natürlich doppelt schwer.

  11. 35.

    "...Wir veröffentlichen alle Kommentare..." - Ein roter Kommunistensender der Witze reißt. Eure Netiquette hat den falschen Name, sie müsste Gutdünken heißen. Na los, veröffentlichen ! Die Wahrheit kann nicht beleidigend sein....

  12. 34.

    Wir veröffentlichen alle Kommentare die sich an die Netiquette halten. Beileidungungen tolerieren wir allerdings nicht. Das gilt auch, wenn Politiker:innen beleidigt werden.

  13. 33.

    "E" gibt es trotzdem nicht nur bei Beamten, und ich finde Sie überhaupt nicht witzig, mit Ihren Aldi-Witzen.

  14. 32.

    Klassisches Versagen von grünen und linken - wie immer und bei allem was diese unfähigen Menschen machen ! Zudem ist der rbb mal wieder mehrmals zurückhaltend alle Kommentare die hier richtig geschrieben sind zu veröffentlichen, was einmal mehr die politische Abhängigkeit zeigt ! So geht neutraler Journalismus nicht !

  15. 31.

    Werbung auf Instagram ist kontraproduktiv, und wer dieses Netzwerk regelmäßig nutzt ist für die Verwaltung eher ungeeignet.

  16. 30.

    in der privaten Wirtschaft verdiene ich als kaufm. Angestellter bedeutend mehr. (so ist es jedenfalls bei mir)Dieser bedeutenden Lohnunterschiede sollten mal beseitigt werden. Aufgrund des Fachkräftemangels ist die Stadt nun mal in Konkurrent mit der privaten Wirtschaft bei der Anwerbung von Mitarbeitern.

  17. 29.

    Gerdi, immer schön durch die Hose atmen. PS Kommentar spielt die eigene Meinung wieder. Ergo meine Meinung mein Kommentar.

  18. 28.

    Bei der Telekom, Post und Bahn wurden etliche Beamte mit 55 oder früher pensioniert.
    Beschäftigung ist nicht erwünscht.
    Selbst war ich an die BA Mitte, dem Jobcenter Marzahn und Lichtenberg abgeordnet.
    Ein Angriff beendete die Einsätze.
    Seitdem bin ich ebenfalls in Zwangspension.
    Ingenieure bei der Telekom, sitzen Zuhause seit Jahren ohne Beschäftigung.
    Ich würde nie wieder in den ÖD gehen.

  19. 27.

    "In die Verwaltung zieht es nur bestimmte Typen an Mensch" ist genau der Punkt, Danke! Nach Jahrzehnten des Kaputtsparens hat sich längst ein Dünkel in der Verwaltung etabliert, der sich gegen jede Reformation und Modernisierung mit Händen und Füßen wehrt. Es liegt nicht nur am Geld, dass die guten Arbeitskräfte nicht in die Verwaltung wollen. Was nutzt mir eine gute Bezahlung, wenn mein Arbeitseifer an der Betonmentalität des Kollegiums abprallt und ich nicht mal eine vernünftige Internetleitung oder fließendes Wasser habe. Es bleibt also abzuwarten, ob sich durch die lobenswerte Anwerbung von jungen, motivierten Nachwuchsverwaltungskräften ein echter Änderungsprozess in Gang setzen lässt. Man wird sich aber mehr einfallen lassen müssen, als nur die Gehälter etwas nach oben zu schrauben, denn die jungen Instagram-Werbeopfer sind ganz schnell wieder weg.

  20. 26.

    Hätten Sie ein vernünftiges Ingenieurstudium ,wären die Chancen zum Einstieg in den ÖD weitaus größer.

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