Landwirtschaft in Brandenburg - EU verlängert Zulassung von Glyphosat um zehn Jahre

Do 16.11.23 | 12:19 Uhr
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Anhaengespritze eines Traktors spritzt etwas auf einen Boden, Symbolbild. Bild: picture alliance / photothek | Florian Gaertner
Audio: rbb24 Inforadio | 16.11.2023 | Jakob Mayr | Bild: picture alliance / photothek | Florian Gaertner

Das Pestizid Glyphosat ist seit Jahren stark umstritten. Es steht im Verdacht, kebserregend und schädlich für die Umwelt zu sein. Die EU-Kommission hat am Donnerstag dennoch beschlossen, den Stoff für zehn weitere Jahre zuzulassen.

Die Europäische Union (EU) wird die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat verlängern. Diese Entscheidung habe die EU-Kommission getroffen, teilte sie am Donnerstag mit. Das Pestizid darf nun für weitere zehn Jahre in der EU genutzt werden. Es werde aber neue Auflagen und Einschränkungen geben, heißt es.

Die bisherige Zulassung wäre Mitte Dezember abgelaufen. Weil die Mitgliedsstaaten in Abstimmungen des Berufungsausschusses keine Mehrheit über das Vorgehen hatten bilden können, durfte die Kommission im Alleingang entscheiden.

Widersprüchliche Angaben über Gefährlichkeit des Stoffs

Um den Einsatz von Glyphosat wird seit Langem gestritten. Das Mittel steht im Verdacht, krebserregend zu sein und Gefahren für die Umwelt zu bergen.

Der Wirkstoff wurde in den 70er Jahren vom US-Unternehmen Monsanto entwickelt. Glyphosat wird als Unkrautvernichter vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt. Es lässt bestimmte Pflanzen absterben, wie Gräser, Sträucher und Moose. So können Bauern ihre Felder frei von Unkraut halten, bevor sie Nutzpflanzen aussähen.

2015 hatte die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Glyphosat als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft. Allerdings schränkten die Experten selbst ein, dass diese Feststellung noch nicht besagt, dass die tatsächliche Anwendung zu Krebskrankheiten führt.

Der Bayer-Konzern, zu dem Monsanto seit 2018 gehört, führt zahlreiche Studien an, denen zufolge das Pflanzenschutzmittel "bei sachgemäßer Verwendung sicher" ist. In den USA landeten mutmaßlich durch Glyphosat verursachte Krebserkrankungen dennoch in mehreren Fällen vor Gericht und Bayer wurde teils rechtskräftig zur Zahlung von Schadenersatz verurteilt.

Verlängerung der Zulassung - unter Auflagen

Eine Untersuchung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam vor Kurzem zwar zu dem Ergebnis, dass es keine inakzeptablen Gefahren gebe. Gleichzeitig wies die Untersuchung aber auf Datenlücken in mehreren Bereichen hin. Dazu zählen unter anderem die ernährungsbedingten Risiken für Verbraucher und die Auswirkungen auf den Artenschutz.

Die EU-Kommission knüpfte die künftige Verwendung von Glyphosat daher auch an einige Bedingungen. Unter anderem sind die Mitgliedsstaaten verpflichtet, Risikobewertungen durchzuführen und anschließend Maßnahmen zur Minderungen der Risiken einzuleiten, unter anderem für pflanzenfressende Säugetiere wie Wühlmäuse oder Nichtzielpflanzen wie Wildblumen. Auch Aufwandhöchstmengen sollen festgesetzt werden. Zudem wird die Verwendung als Trockenmittel mit der Absicht den Erntezeitpunkt zu kontrollieren verboten.

Länder können weitergehende Verbote aussprechen

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir zeigte sich unzufrieden mit der Entscheidung der EU-Kommission: "Zu gewichtig sind die Bedenken der Mitgliedsstaaten, was eine Wiedergenehmigung angeht: Die Kommission kann eben nicht ausschließen, dass Glyphosat der Artenvielfalt schadet. Wir haben in Brüssel wiederholt klargemacht, wie entscheidend es ist, das Artensterben in Europa ernst zu nehmen."

Der Brandenburger Bauernverband hingegen war für die Verlängerung auf Basis der Efsa-Studie. Wenn Glyphosat verboten würde, müssten Bauern wieder zum Pflug greifen, um ihre Böden von Unkraut zu befreien und damit viel Diesel verbrennen, hatte ein Experte des Bauernverbands argumentiert.

Unabhängig von der Entscheidung der EU-Kommission obliegt es allerdings ohnehin den einzelnen Mitgliedsstaaten, ob Glyphosat enthaltende Mittel in der jeweiligen Landwirtschaft eingesetzt werden dürfen. Im Koalitionsvertrag der deutschen Regierung ist ein Vermarkungsstopp ab 2024 festgelegt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 16.11.2023, 13:20 Uhr

78 Kommentare

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  1. 78.

    Würden sie bitte noch sagen, von welchem Planeten sie denn so schreiben. Informieren sie sich bitte über die GAP-Reform 2023 hinsichtlich der Ackerflächen, nehmen sie die ideologische Brille ab und sehen sie bitte über den Rand des Balkonkastens hinweg.
    Danke

  2. 77.

    Aber alles was sie beschreiben ist ja nicht gegenwärtige Realität. Weder werden landwirtschaftliche Nutzflächen minimiert noch schlägt sich die Umweltzerstörung im Preis nieder. Und der ökologische Fußabdruck kann Dank des heutigen Fleischkonsum über Massentierhaltung größer nicht sein.
    Und das bisschen Chemie entpuppt sich bei ihren „Rübenschubsern“ bei näherer Betrachtung als flächendeckende Dauerbehandlung.

  3. 76.

    Kosten sind nunmal ein unumstößliches Faktum in der Wirtschaft. Essen will auch jeder - egal ob vegan, vegatarisch, fleischhaltig oder fischlastig. Dies geht nunmal mit Flächenverbrauch einher und um diesen nicht ins Uferlose auswuchern zu lassen, wird versucht Flächen optimal zu nutzen. Hier ist stellenweise der Einsatz von Chemie im weitesten Sinne nicht ganz auszuschließen. Es liegt in der Verantwortung eines jeden Rübenschubsers dies so umwelt- und kostenverträglich verträglich wie möglich zu gestalten. Der Verbraucher zahlt letztlich auch nur mit Geld, je weniger desto lieber, für die Ware und nicht mit laufendem Meter von ihm gejäteten Ackerboden. Leider ist ein Replikator nach Art der Startrekserien noch nicht erfunden - solange werden wir mit "Wundermitteln" leben müssen und je verträglicher diese und für Mensch, Tier und Umwelt sind, desto besser ist es.

  4. 75.

    Brokkoli möglichst vegan ist so gesund besonders garniert mit Glyphosat .Für diese Entscheidung der EU gab es keine Mehrheit

  5. 74.

    Ich denke auch, dass wir alle Wildkräuter wachsen und nicht vernichten sollten, um das Insektensterben zu verhindern. Der EUBeschluß bzgl. GLYPHOSAT ist m.E. katastrophal. Warum hat Deutschland sich bei der Abstimmung enthalten?

  6. 73.

    Das mag sein. Aber wir sehen ja wie stark die Lobbyarbeit der Landwirtschaft ist. Die werden auch weiterhin auf diese Form der Landwirtschaft bestehen und mit den Kosten argumentieren.
    Wie lange eiert man deswegen schon beim Thema Glyphosat herum. Am wenigsten muss sich irgendjemand bewegen, wenn man Glyphosat einfach durch das nächste "Wundermittel" ersetzt, wo Umweltverbände Jahrzehnte benötigen um auch hier die negativen Auswirkungen über Studien zu belegen.
    Und dieses nächste Wundermittel steht schon inform eines "natürlichen" Herbizids als Zuckermolekül der Blaualge in den Startlöchern.
    Aber jeder Evolutionsforscher weiß, dass die Blaualge aus gutem Grund ihr Habitat im Süßwasser und nicht in der Kulturlandschaft des Menschen hat. Ergo muss der massenhafte Einsatz außerhalb des Habitats dieses Herbizids noch nicht bekannte Nebenwirkungen nach sich ziehen. Aber das wird niemanden der Verantwortlichen interessieren, wenn sie die "natürliche" (biologische) Werbetrommel rühren.

  7. 72.

    Warum was Neues entwickeln, wenn man was verkaufen kann, was gut läuft. So sind die Gewinne höher. Und woher wollen Sie wissen, ob die Leute nicht doch durch Glyphosat krank werden? Die Krankheit wird dem Doktor garantiert nicht verraten, woran sie ausgebrochen ist.

  8. 71.

    Dann kann ich also meine Wege und Einfahrten wieder offiziell besprühen?

  9. 70.

    Tja, wäre da nicht die Bundesregierung... Auszug aus einer "kleinen Anfrage":
    "b) Welches Anwendungspotenzial sieht die Bundesregierung in diesem Zusammenhang?
    Der Bundesregierung liegen keine Erkenntnisse vor, die eine belastbare Abschätzung des Anwendungspotentials des Zuckermoleküls 7dSh zur Verwendung als herbiziden Wirkstoff zuließen."
    Quellen:
    https://kleineanfragen.de/bundestag/19/15447-kosten-von-alternativen-zu-klassischen-breitbandherbiziden.txt
    https://dserver.bundestag.de/btd/19/154/1915447.pdf
    Immerhin besteht zumindest Patentschutz und 2020 wurde ein Förderantrag beim BMBF gestellt. Es bleibt die Hoffnung, das sich die Regierung den neueren Erkennnissen nicht wieder verschließt.

  10. 69.

    Seit 50 Jahren wird das Zeug auf unseren Feldern eingebracht - trotzdem werden die Menschen immer älter - finde das Problem.
    Erstaunlich nur, dass man in all der Zeit nicht irgendwelche Alternativen finden oder entwickeln konnte.

  11. 68.

    Als Pesto werde ich das auch mal probieren, mein Basilikum will bei den Temperaturen im Garten nicht mehr so richtig :)

  12. 67.

    Ja. Die Entscheider kaufen sicher Bio ein und die weniger reichen sollen den mit Gift behandelten Mist essen. Danke an die Grünen für diese tolle Leistung.

  13. 66.

    Permakultur, symbiotischer Anbau!

  14. 64.

    Die EU wurde als Wirtschaftsprojekt gegründet. Die Glyphosat-Verlängerung verhängte trotz erheblicher Datenlücken zum Ausmaß des Schadens die EU-Kommission. Weil z. B. Dtl. dank Gelb-Schwarz gegen ein Verbot war.

    Also von wegen Natur, Bürger, Gesundheit, Rechte auf diese – es geht ums Geld. Und das bekommen nicht wir, die Vergifteten.

  15. 63.

    Sehr wahrscheinlich setzt sich zukünftig der Einsatz des Zuckermoleküls, der 7-desoxy-Sedoheptulose der Süßwasser-Cyanobakterium Synechococcus elongatus (Blaualge) als biologisch vorkommender Shikimat-Blocker durch.
    Ob die damit vermutete geringere Ökotoxizität auch alle Wechselwirkungsprozesse aufgrund des unnatürlichen flächendeckenden Einsatzes im Blick hat, ist natürlich wie üblich die Gretchenfrage oder wenn man so will in der Biosphäre in der alles mit allem zusammenhängt die entscheidenen Frage.
    Ich denke wir benötigen langfristig eine grundlegend andere Art der Landwirtschaft und keine eierlegende Wollmilchsau.

  16. 62.

    Det schaden für alle Lebewesen ist groß. Dass d Behörden dieses Gift zulassen, beweist die mangelde Kompetenz.

  17. 61.

    Natürlich entziehen Gräser und sog. Unkräuter auch Wasser und Nährstoffe. Aber es gibt z.b. bei Weinbauern ein Umdenken, indem sie die Beikräuter eben nicht vernichten, sondern gegen Austrocknen und als Bodenschutz stehenlassen, und trotzdem geht es den Weinpflanzen deswegen nicht schlechter. Und der Artenvielfalt kommt es auch zugute.

  18. 60.

    Da geht nicht nur Salat :-). Also als Pesto mit Knofi zum Grillen, mit einem "Kräuterrührei, als Limonade, im Smoothy ...
    ich hör' jetzt auf, sonst wird das auch noch knapp ;-)

  19. 59.

    Also "Unkräuter" und "Ungräser" benötigen neben Fläche auch Wasser und Nährstoffe, begünstigen mitunter Pilzbefall an Kulturpflanzen, sind robuster und schnellwachsender als diese, überschatten durch ihre Wüchsigkeit deren Keimlinge. Sie mindern somit auch den Ertrag, was sich dann auch durch steigende Preise bemerkbar machen kann. Soweit grob die eine Seite. Auf der Anderen ist Glyphosateinsatz nicht zwingend notwendig. Neben mechanischer Bodenbearbeitung gibt es durchaus auch Alternativen wie z.B. pelargonsäurehaltige Mittel. Die Anwendungsbreite ist nicht so ausgeprägt und die Mittel wirken i.d.R. nicht wurzeltief. Mit einer Mischung aus beiden Alternativen kann man akzeptable Ergebnisse hinbekommen. Herbizide auf Basis von Perlagonsäure, auch Nonansäure, werden nach derzeitigem Kentnisstand problemos abgebaut und gelten als nicht bienengefährlich.

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