Pestizid-Einsatz verlängern? - Brandenburger Bauernverband sieht EU-Vorstoß zu Glyphosat als "gutes Zeichen"

Mi 20.09.23 | 18:30 Uhr
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Auf ein Feld ist ein Pflanzschutzgerät unterwegs (Foto: picture alliance /photothek)
Audio: Antenne Brandenburg | 20.09.2023 | Dilan Polat | Bild: picture alliance/photothek

Über das Pestizid Glyphosat wird heftig gestritten. Kritiker verweisen auf Gefahren für Mensch und Umwelt. Hersteller Bayer und viele Landwirte sehen das anders. Eine endgültige Entscheidung steht kurz bevor.

  • Zulassung für Pestizid läuft am 15.Dezember aus
  • EU-eigene Studie sieht keine inakzeptablen Folgen
  • EU will Verlängerung um zehn Jahre - Deutschland lehnt dies ab

Die Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat könnte nach einem Vorschlag der EU-Kommission [europa.eu] zufolge verlängert werden. Dem am Mittwoch online gestellten Dokument zufolge könnte das Mittel zehn weitere Jahre eingesetzt werden. Der Entwurf wird am Freitag mit den EU-Staaten erörtert. "Unser Vorschlag basiert auf wissenschaftlich fundierten Informationen", sagte ein Sprecher der EU-Kommission am Mittag. Für den Einsatz sind den Dokumenten zufolge bestimmte Bedingungen vorgesehen, etwa Maßnahmen zur Risikominderung. Dabei geht es etwa darum, zu verhindern, dass Glyphosat bei der Anwendung stark verweht wird.

EU-Kommission stellte sich gegen Deutschland

Damit stellt sich die EU-Kommission gegen Forderungen aus Deutschland. "Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass Glyphosat der Biodiversität schadet, sollte die Genehmigung in der EU auslaufen", sagte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne). Eine vielfältige und intakte Pflanzen- und Tierwelt sei die Voraussetzung für sichere Ernten. Er werde sich mit Partnern in der EU dazu nun austauschen.

Brandenburger Bauernverband unterstützt EU-Vorstoß

Der Brandenburger Bauernverband reagierte erfreut auf den EU-Vorschlag. "Das ist erstmal ein gutes Signal aus Europa. Die EU hat sich da auf wissenschaftliche Studien und Daten berufen, die sagen, dass Glyphosat nicht krebserregend und gesundheitsschädlich ist. Das ist für Brandenburg und seine Böden ganz wichtig", betonte Bauernverbands-Experte für Pflanzenschutz Fabian Blöchl.

Man sei in der Vergangenheit aus gutem Grund vom Pflug abgekommen, um Wasser und Diesel zu sparen. "Wenn Glyphosat verboten wäre, dann würden wir wieder zum Pflug greifen, den Boden umpflügen müssen, um genau das Unkraut zu vernichten." Das wolle man aber nicht. "Wir wollen Klimaschutz auf unseren leichten Brandenburger Böden praktizieren und dazu brauchen wir das Glyphosat und wollen nicht viel Diesel in der Zukunft verbrauchen", so der Bauernverbands-Experte.

Grüne: Gesundheit von Millionen Menschen in Gefahr

Entsetzt zeigte sich die Grüne Europa-Abgeordnete Jutta Paulus. Sie hatte in einer ersten Reaktion erklärt, dass jetzt weiter die Gesundheit von Millionen Menschen in Europa auf dem Spiel stehe.

Dies will Blöchl so nicht gelten lassen. Er sieht eine Skandalisierung und dies entgegen wissenschaftlicher Erkenntnisse. "Da würden wir uns einfach auch von Frau Paulus wünschen, dass sie sich diese Studien durchliest und noch einmal ganz in Ruhe alles durchgeht, um dann zur Erkenntnis zu kommen, dass es doch wieder zugelassen werden muss", so Blöchl.

EU-eigene Glyphosat-Untersuchung

Glyphosat ist noch bis zum 15. Dezember EU-weit zugelassen. Umweltschutzorganisationen sehen in Glyphosat Gefahren für Menschen und Umwelt, der Hersteller Bayer weist das vehement zurück. Ende Juli hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) eine Untersuchung veröffentlicht, in der sie keine inakzeptablen Gefahren, aber Datenlücken in mehreren Bereichen gesehen hatte.

Für die Untersuchung hatte die Efsa eigenen Angaben zufolge in einem dreijährigen Verfahren Tausende Studien und wissenschaftliche Artikel betrachtet. Zu den Aspekten, die nicht abschließend geklärt wurden, gehören etwa ernährungsbedingte Risiken für Verbraucher und die Bewertung der Risiken für Wasserpflanzen, wie die Efsa mitteilte. Auch mit Blick auf den Artenschutz ließen die verfügbaren Informationen keine eindeutigen Schlussfolgerungen zu.

Deutschland will so oder so aussteigen

Deutschland will ab Anfang 2024 Glyphosat nicht mehr gestatten. Auch wenn eine Zulassung auf EU-Ebene verlängert wird, könnte das Mittel in der Bundesrepublik verboten werden. Für Fabian Blöchl ist dies nicht vorstellbar. Man brauche die Verlängerung und das über einen Zeitraum von zehn Jahren, "weil unsere Landwirte langfristig planen müssen", forderte er. Landwirte setzten in der Ackerbewirtschaftung auf Fruchtfolgen, wechseln also den Fruchtanbau auf dem Acker. "So eine Fruchtfolge läuft über sechs Jahre. Da kann man nicht einfach von Jahr zu Jahr springen. Und deswegen ist es auch ein gutes vernünftiges Signal und eine gute vernünftige Entscheidung aus Brüssel", so der Bauernverbands-Experte.

Sendung: Antenne Brandenburg, 20.09.2023, 14:10 Uhr

32 Kommentare

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  1. 32.

    Es gibt keine ungesunden Lebensmittel, daran ändern auch graue Schachteln nichts. Es kommt auf die Menge an, nicht nur bei Essen, auch bei Getränken.
    Ich sehe das größte Problem übrigens bei dem Fertigfraß, denn abgefüllt in xxx, sagt rein gar nichts über die Herkunft der vielen Bestandteile aus. Gutes Essen benötigt keine Verpackung, dann hat man auch keine Konservierungs- und Farbstoffe. Lesen Sie doch mal, was auf der Verpackung steht. Ich schätze, wenn man sich mit dem Inhalt einreibt, ist man dauerhaft mumifiziert. Davon sind die angeblich total gesunden und kurz vor der Heiligsprechung stehenden veganen und vegetarischen Fertigprodukte keinesfalls ausgeschlossen.

  2. 31.

    Das Nächste ist schon vorprogrammiert, oder?
    Wie wird künftig in der Landwirtschaft der Umstieg von Diesel auf Elektro oder anderweitigen Kraftstoff gehandhabt?
    Oder gilt die "saubere Energie" nur für alles was sich hauptsächlich auf der Straße bewegt?

  3. 30.

    Eine EU eigene wissenschaftliche Untersuchung scheint, bei der Gemengelage der Ansichten, richtig zu sein.
    „Deutschland will“ ist schon stark übertrieben, weil es Bauern ja ausschließt und die Deutsche Bahn auch. „Ich finde...“ von Politikern dürfte nicht ausreichen.
    Aber Herr Özdemir hat doch andere Möglichkeiten seinen Job gut zu machen. Ja MACHEN statt „andere sollen“. Der Salz und Zuckeranteil in Lebensmitteln ist ein solches Betätigungsfeld.

  4. 29.

    Ich halte Ihre Befürchtungen für unbegründet. Die Mehrheit der Deutschen wohnt nicht an der Grenze zu Polen. Wir selbst stammen aus der Oberlausitz und von unseren Verwandten und Bekannten kaufen nur noch wenige regelmäßig in Polen ein. Warum? Einfach mal die Preisentwicklungen in den letzten Jahren anschauen. Es lohnt nur in bestimmten Fällen und schon gar nicht für Kleinigkeiten, wenn man nicht direkt an Neiße oder Oder wohnt.
    Apropos Hustensaft: Ich hätte gerne nur noch Lebensmittel ohne Rückstände von Pflanzenschutzmitteln oder Medikamenten in deutschen Regalen, auch wenn dadurch die Vielfalt etwas geringer ist.
    Und noch ne Idee: Anstatt des Nutri-Scores dürfen ungesunde Lebensmittel nur noch in grauen Verpackungen verkauft werden ;)

  5. 28.

    Glyphosat wird nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt. Es wird auch auf Industrieflächen, an Schienenwegen zum Schutz der Bahntrasse und im Privatgebrauch angewendet. Die DB liegt an zweiter Stelle beim Verbrauch von diesem Mittel Glyphosat wird in Deutschland auf ca. 40 Prozent der Felder eingesetzt, um Unkraut zu vernichten oder beispielsweise die Reife von Getreide zu beschleunigen. Hülsenfrüchte sind zwar gut für den Boden, aber der Bauer baut das anwas er auch verkaufen kann.
    Schottergärten und Einsatz von Glyphosat im heimischen Bereich, da fängt es doch an.

  6. 27.

    Dann fahren die Menschen, die sich deutsche Produkte nicht leisten können eben nach Polen und kaufen dort ein. Sicher ist das der ganz große Wurf für die Landwirtschaft. Beklagte man sich nicht gerade darüber, dass die Produktion von Medikamenten...ins Ausland verlagert wurde und man nun ohne Hustensaft dasteht?! Ihr Vorschlag ist der Weg dahin.

  7. 26.

    Vor 100 Jahren betrug die Weltbevölkerung nur ¼ gemessen an heute. Nahrungsmittel wurden nicht um die halbe Welt gekarrt. Der Bauer hatte einen echten Knochenjob und seine Arbeit erfuhr auch zu dieser Zeit nur Wertschätzung, wenn in den Städten die Teller leer blieben.

  8. 25.

    Unkrautvernichter? Wozu?
    Acker muss nicht monokulturell angebaut werden, bspw. kann ein "Verdränger" hinzugepflanzt werden. Mischkulturen bzw. Streifenanbau.
    >> Streifenanbau von Raps und Weizen im Herbst: Auf Äckern, auf denen gleichzeitig verschiedene Kulturpflanzen wachsen, gibt es mehr nützliche Insekten und Spinnen als in Reinkulturen. Unter dem Strich finden sich weniger Schädlinge. Dafür sorgt die größere Artenvielfalt, sagen Wissenschaftler.
    Besonders vorteilhaft sei es auch, Getreide und Hülsenfrüchte zu kombinieren. Der gleichzeitige Anbau übertreffe zum Beispiel die Kombination verschiedener Getreidesorten, um Nützlinge zu fördern und Schädlinge zu reduzieren. << (Quelle: https://www.agrarheute.com/pflanze/getreide/weniger-schaedlinge-mischkulturen-raps-streifen-weizen-saeen-609972)

  9. 24.

    Nicht soviel Diesel verbrauchen?
    Warum fahren dann immer mehr Trecker auf unseren Straßen?
    Die fahren sogar in den Supermarkt damit.
    Warum fordern die jedes Jahr Geld für Ernteausfälle wenn es kaum noch Vieh gibt was die Ernte fressen sollte. Den Bauern wird viel zu viel erlaubt das muß ein Ende haben! Die verseuchen die Böden und das Getreide, der Rest landet und so in Biogasanlage.
    Nur damit die Biogasanlage mehr Metan erzeugen kann. Was noch Schlimmer ist.

  10. 23.

    "leeren Regale"
    Vor dem Einsatz von Glyphosat waren die Regale doch auch nicht leer und im Bio-Anbau kann darauf auch verzichtet werden. Man sollte zumindest in Deutschland den Einsatz verbieten. Weniger Überproduktion, gesündere Nahrungsmittel, durch höhere Preise bewussteres Essen… kann neben dem Umweltschutz sicherlich auch alles nicht schaden.
    Ja, und der Import von gespritztem Zeugs sollte dann natürlich konsequenterweise auch nicht mehr erlaubt sein, sofern es Bio-Alternativen gibt.

  11. 22.

    Ich frage mich nur, wie haben es denn die Bauern vor hundert Jahren gemacht?
    Die kannten noch kein Glyphosat.

  12. 21.

    glyphosat ein gutes zeichen? die gesundheit von tier und mensch nimmt schaden und "bayer" verdient mit der plürre millionen...

  13. 19.

    Leider hat Bayer bereits beim Antibiotikum "Ciprobay" die Patienten jahrelang belogen und wissentlich Schäden in Kauf genommen. Achillessehnerupturen und Nervenschäden kommen ja nun doch wohl durch das Medikament. Warum sollte ich das jetzt bei Glyphosat glauben. Ich habe die Befürchtung die Studien sind beeinflusst und die Ergebnisse wurden den Entacheidungsträgern bei einem schönen Abendessen an einem schönen Ferienort präsentiert. Hoch lebe der Lobbyismus!

  14. 18.

    Haben Sie den Beitrag gelesen oder nur die Überschrift? Es geht darum, dass bestimmte Pflanzen nicht wachsen sollen. Wenn Sie Ihren Grips anstrengen, werden Sie ausrechnen können, welche Anzahl an Bauern nötig ist, um die landwirtschaftlichen Flächen nach Ihren Wünschen zu bearbeiten. Das geht ganz einfach: Gesamtfläche an Acker geteilt durch die tatsächliche Anbaufläche in Ihrem Garten. Dann können Sie gerne loslegen, während es sich die Bauern in ihrer Komfortzone bequem machen und die verärgerten Kunden aus den Supermärkten schicken die dann zu Ihnen, denn schlau wie Sie sind, werden Sie sicher ein paar kluge Erklärungen für die leeren Regale haben. Viel Spaß und ziehen Sie sich warm an, es könnte länger dauern.

  15. 17.

    Herzallerliebst der Versuch des Verbandssprechers, den Einsatz des Pestizids als Umweltschutzma0nahme verkaufen zu wollen .
    Nachdem der Pflug jetzt über Jahrtausende die Umwelt systematisch zerstört hat, steht ein tapferer Verband auf und setzt sich für die arme, bedrohte Umwelt ein-

  16. 16.

    Es gibt halt kein Problem, welches man nicht mit einem "Und was ist mit....." zumindest kurzfristig aus der Welt schaffen will.

  17. 15.

    Ich hoffe nut, dass nicht im Hintergrund ein Kuhhandel betrieben wurde. Entscheidend sollte sein, dass ehrliche Fakten auf dem Tisch liegen. Wer recht hat, sollen Experten beurteilen und belegen.

  18. 14.

    Davon abgesehen, dass hier einige Blinde von Farbe reden ... bitte nicht als Beleidigung verstehen, sondern lesen und verstehen!
    Und ein weiteres Stück schafft sich Deutschland selbst ab; wenn dann Erträge und Qualität der deutschen Produkte nicht stimmen, wird im Ausland eingekauft. Und dort gibt es andere Regeln. Das ist schon in vielen Wirtschaftsbereichen so. Und auch bei den Lebensmitteln i(und wie Vorkommentator richtig bemerkte: Blumen) st es schon lange viel viel schlimmer. Oder wie kann Obst aus Neuseeland besser aussehen, als Unbehandeltes aus Deutschland!?
    Deutschu Umweltpolitik: uns alles verbieten, aber jeder Dreck darf importiert werden. Wenn schon radikal, dann aber konsequent!

  19. 13.

    Ziemlich dünnes Eis...
    Ihren Wohnort haben Sie ja nicht angegeben, aber Berlin wird wohl zutreffen.
    Ich weise mal darauf hin, daß viele Mensche,n die einen landwirtschaftlichen Betrieb führen, Landwirtschaft studiert haben, also einen höheren Bildungsstand besitzen als die meisten Kommentatoren hier und auch einige Entscheider in der Politik.

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