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Audio: rbb24 Inforadio | 08.03.2024 | O-Ton: Joachim Ragnitz | Quelle: picture alliance/dpa/P.Pleul

Nach Brandanschlag auf Strommast

Wirtschaft sieht mehr Schaden für den Standort als für Tesla

Nach dem Anschlag auf die Stromversorgung des Tesla-Werks spricht die Werksleitung von einem erheblichen finanziellen Schaden. Wirtschaftsvertreter beklagen vor allem eine ablehnende Stimmung gegenüber dem Autobauer in der Region. Von Efthymis Angeloudis

In Teslas Gigafactory in Grünheide stehen die Produktionsbänder still. Nach dem Anschlag auf einen Strommast bleibt die Produktion beim US-Elektroautobauer Tesla in Grünheide (Oder-Spree) bei Berlin bis voraussichtlich Ende nächster Woche unterbrochen. "Das bedeutet für uns einen wirtschaftlichen Schaden im hohen neunstelligen Bereich", sagte Werksleiter André Thierig.

Diese Schätzung bezog sich auf einen möglichen Wiederanlauf der Fertigung am kommenden Montag. Nun käme eine weitere Woche Stillstand dazu. Mit dem erzwungenen längeren Produktionsstopp dürfte demnach auch der Schaden für Tesla steigen.

Nach Anschlag auf Strommast

Produktion bei Tesla ruht noch bis Ende nächster Woche

Noch mehr als eine Woche ruht die Produktion bei Tesla in Grünheide. Das teilte das Unternehmen mit. Durch einen Brandanschlag ist die Stromzufuhr dort unterbrochen. Am Dienstag rechnete Tesla noch mit einem früheren Neustart.

Dudenhöffer: Folgen des Brandes eher gering

Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer schätzt die Kosten des Produktionsstopps deutlich geringer ein. "900 Millionen oder gar eine Milliarde Euro sind sehr hoch gegriffen", sagte der Direktor des Center for Automotive Research in Bochum dem rbb.

Als Grund für die seiner Meinung nach niedrigeren Schadenssumme nennt Dudenhöffer die rückläufige Nachfrage nach Elektroautos und natürlich nach Teslas."Man braucht gar nicht seine ganzen Kapazitäten. Es wird ohnehin weniger produziert." Tesla verkaufe im Vergleich zum Vorjahresmonat derzeit 20 Prozent weniger Autos in Deutschland. Bei einer Tagesproduktion von etwas mehr als 1.000 Fahrzeugen und dem eigenen Wertschöpfungsanteil von Tesla, veranschlagt Dudenhöffer wegen des Stillstands eine Schadenssumme zwischen 15 und 20 Millionen Euro pro Tag. "Das sind eher hundert bis zweihundert Millionen Euro", sagte der Autoexperte rbb24.

Derzeit ist Tesla vor allem wegen sinkender Verkaufszahlen in China im Gespräch. Die Tesla-Aktie rutschte seit Anfang der Woche um mehr als 14 Prozent ab. Der Brand spielte dabei laut Dudenhöffer keine wesentliche Rolle. "Tesla könnte viel mehr produzieren, wenn es die Käufer hätte." Mit dem Wegfall der Subventionen sei ein Elektroauto viel zu teuer für die Kunden. "Die Politik zerstört bei uns das Elektroauto", so Dudenhöffer. Die Folgen des Brandes seien im Vergleich eher gering einzuschätzen.

Ergebnis der Befragung

Einwohner von Grünheide sprechen sich gegen Teslas Erweiterungspläne aus

Darf der E-Autobauer Tesla sein Werksgelände in Grünheide um weitere rund 100 Hektar erweitern? Nein, hat die Mehrheit der Einwohner der Gemeinde in einer Befragung entschieden. Doch das Votum ist letztlich nicht bindend.

DIHK sieht Industriestandort in Gefahr

Was aber aus Dudenhöffers Sicht Schaden nehmen könnte, ist der Industriestandort Berlin-Brandenburg. Die Region habe mit der Ansiedlung von Tesla einen großen Sprung nach vorn gemacht, sagte Dudenhöffer. "Was dann alles an Einsprüchen, an Beschwerden, an Protesten gekommen ist - und jetzt nochmal mit dieser Sache - ist sehr, sehr schädlich für Berlin-Brandenburg." Der Fall erzeuge eine öffentliche Stimmung, die auch zu deutlicher Zurückhaltung bei Investoren führen könne, sagte der Autoexperte.

Auch Tesla-Werksleiter André Thierig zeigte sich besorgt. Er sehe mit Blick auf den Anschlag eine "sehr kritische Grundstimmung, die vielleicht auch solches Verhalten ein Stück weit schürt". Thierig spielt damit auf eine kritische Haltung in der Bevölkerung rund um das Werk an. Bei einer Bürgerbefragung in Grünheide lehnten rund zwei Drittel die von Tesla geplante Erweiterung des Werks um einen Güterbahnhof und ein Lager auf einem angrenzenden Gelände ab. Dort sollen mehr als 100 Hektar Wald gerodet werden. Umweltschützer und Tesla-Kritiker hatten in Reaktion auf diese Ankündigung in der Nähe des Werks im Wald ein Protestcamp aufgeschlagen und Baumhäuser errichtet.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostbrandenburg teilt die Sorgen des Werksleiters. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Ostbrandenburg, Michael Völker, sagte rbb24 Brandenburg aktuell, es sei nicht nur ein Kratzer, sondern eine tiefe Wunde im Image des Landes entstanden. Der Schaden sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft könne hier groß sein.

Nach Anschlag auf Tesla

Stromausfall in Logistikzentrum führt zu leeren Regalen in Supermärkten

Von dem Anschlag auf die Stromversorgung rund um das Tesla-Werk ist auch ein Edeka-Logistikzentrum betroffen. Supermärkte konnten zwischenzeitlich nur eingeschränkt beliefert werden. In dem Zentrum wird die Ware mit Notstromaggregaten kühl gehalten.

DIW: Politik muss für mehr Akzeptanz und Sicherheit sorgen

Die Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg (WFBB) nimmt dagegen bei laufenden Investorengesprächen nach eigenen Angaben keine Signale wahr, dass das Image des Standorts Brandenburg Schaden genommen hätte. Der Ausbau der Wertschöpfungskette setze sich fort, sagte ein Sprecher der WFBB rbb|24: "Hier sehen wir keinen Abbruch."

Auch der Forschungsdirektor Industriepolitik für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Martin Gornig hällt sich mit den Hiobsbotschaften für den Industriestandort Berlin-Brandenburg zurück. "Die Verwurzelung als Industrieland und das hohe Sicherheitsniveau werden traditionell als großes Plus des Wirtschaftsstandorts Deutschland verstanden. Der jetzige Anschlag wie auch die bisherigen Bürgerproteste in Ostbrandenburg werden insgesamt gesehen vermutlich wenig daran ändern."

Solle dieser Weg aber weitergeführt werden, müssen Unternehmen, Staat und Bürger an einem Strang ziehen und gemeinsam für mehr Akzeptanz und Sicherheit sorgen, so Gornig. "Das zu erreichen, wird eine wesentliche Aufgabe der Politik der nächsten Monate sein."

Sendung: rbb24 Inforadio, 08.03.2024, 10:22 Uhr

Beitrag von Efthymis Angeloudis

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