Antisemitismus-Klausel - Kulturszene und Opposition kritisieren Vorgehen des Kultursenators

Mo 08.01.24 | 20:51 Uhr
  16
15.12.2023, Berlin: Joe Chialo (CDU), Berlins Kultursenator, spricht im dpa-Interview. (Quelle: dpa/Britta Pedersen)
Video: rbb24 | 08.01.2024 | Nachrichten | Bild: dpa/Britta Pedersen

Seit Ende Dezember müssen in Berlin öffentliche Fördergelder an ein Bekenntnis gegen Antisemitismus geknüpft sein. Doch an dieser Klausel gibt es viel Kritik aus der Kulturszene und der Opposition. Von Leonie Schwarzer

Vergangene Woche hatte die Kulturverwaltung angekündigt, dass öffentliche Fördergelder künftig an eine Antidiskriminierungsklausel gekoppelt sind. Unterstützung bekommt nur, wer sich gegen jede Form von Antisemitismus wendet. Grundlage ist die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Doch an dieser neuen Klausel gibt es viel Kritik, zunächst aus der Kulturszene – und im Kulturausschuss dann auch aus der Politik.

Offener Brief aus Kulturszene

In einem offenen Brief kritisieren Kulturschaffende die Klausel als "Bekenntniszwang", die Maßnahme würden ohne vorherige offene Debatte durchgeführt. Am Montag legen verschiedene Kulturverbände mit einem öffentlichen Appell nach: Sie würden "Maßnahmen zur Bekämpfung von Antisemitismus sowie Maßnahmen gegen jede Form von Diskriminierung und Rassismus" begrüßen, doch die neue Antidiskriminierungsklausel verfehle die angestrebten Ziele. Insbesondere die Verwendung der IHRA-Definition wird kritisiert, sie sei nicht für solche Zwecke gedacht.

Am Montag dann die erste Vorstellung der Klausel im Abgeordnetenhaus. Vor der Tür eine Demonstration, das Thema bewegt die Berliner Kulturszene. Eingeladen ins Abgeordnetenhaus sind Vertreterinnen und Vertreter, unter anderem der Intendant des Berliner Ensembles. "Mir fällt es nicht schwer, eine Erklärung gegen Antisemitismus zu unterschreiben", sagt Oliver Reese. Es sei richtig, sich gegen Antisemitismus einzusetzen.

An seinem Haus, dem Berliner Ensemble, gebe es schon seit mehreren Jahren einen Verhaltenskodex, mit dem werde sich gegen Diskriminierung und Rassismus ausgesprochen. "Ich würde so eine Erklärung aber grundsätzlich gerne aus eigener Überzeugung und freiwillig unterschreiben." Auch Kulturmanagerin Sonia Simmenauer spricht sich gegen die Verpflichtung aus. Der Bekenntniszwang führe zu Ausgrenzung, sagt sie, er verhindere den Dialog. "Diese wohlgemeinte Regelung könnte zum roten Teppich mutieren, um Kunst und Kultur als Sprachrohr der Politik zu installieren." Kurzum: Die Berliner Kulturszene fühlt sich übergangen, sieht die Klausel als Eingriff in die Kunstfreiheit.

Kritik an Chialos Vorgehensweise

Und sie ist nicht allein – die Opposition kritisiert vor allem, dass bereits Fakten geschaffen worden sind. Denn: Die Klausel gilt seit dem 21. Dezember, neue Förderbescheide werden schon mit der Klausel versehen. Manuela Schmidt von den Linken sagt, sie sei verwundert über den gewählten Weg. Warum sei vor dem Festzurren der Klausel nicht mit den Künstlerinnen und Künstlern diskutiert worden, fragt sie den Kultursenator. Parteikollegin Elke Breitenbach kritisiert: Es sei kein Gesprächsangebot, wenn der Senator etwas hinlege und dann darüber reden wolle. "Ich finde, dass Sie viel Porzellan zerschlagen haben", so die Linken-Abgeordnete.

Kultursenator Joe Chialo (CDU) verteidigt seine Klausel, betont: Die Grundlage sei schon vor fünf Jahren beschlossen worden. 2019 hatte der damalige Senat ein Konzept zur Bekämpfung von Antisemitismus verabschiedet. Und Chialo weist daraufhin, dass Schleswig-Holstein so eine Klausel bereits beschlossen habe. "Der 7. 10. war eine Zäsur", sagt er mehrmals. Viele Jüdinnen und Juden hätten Angst, die Ereignisse in Berlin hätten ihn umgetrieben. Er wolle nicht im Nichtstun verharren, er wolle handeln. Chialo erklärt, er verstehe die lauten Rufe nach dem Schutz der Kunstfreiheit, aber es gebe kein Recht auf kulturelle Förderung.

Viele offene Fragen

Für die Opposition sind erstmal noch viele Fragen zu klären, die Grünen haben einen fünfseitigen Fragenkatalog eingereicht. Daniel Wesener will wissen, wie die Umsetzung funktionieren soll: "Reden wir hier vom Placebo oder von konkretem Zuwendungsrecht, was ist da überhaupt möglich?" Und auch er findet, Chialo hätte es lieber andersherum machen sollen. Zuerst in den Dialog treten – und dann die Klausel einführen.

Chialo stellt klar: "Als Senator kann ich das machen." Doch er wolle in den Diskurs mit Kulturschaffenden gehen. Die Klausel sei Anfang eines Dialogprozesses, in sechs Monaten wolle er mit Beteiligten über die Umsetzung der Klausel sprechen. Bis dahin wird wohl noch viel diskutiert über die Frage, wie weit Politik gehen darf - ohne die Freiheit der Kunst einzuschränken.

Sendung: rbb24 Abendschau, 08.01.2024, 19:30 Uhr

16 Kommentare

Wir schließen die Kommentarfunktion, wenn die Zahl der Kommentare so groß ist, dass sie nicht mehr zeitnah moderiert werden können. Weiter schließen wir die Kommentarfunktion, wenn die Kommentare sich nicht mehr auf das Thema beziehen oder eine Vielzahl der Kommentare die Regeln unserer Kommentarrichtlinien verletzt. Bei älteren Beiträgen wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen.

  1. 16.

    Kommt mir bekannt vor, war in der DDR auch so . Absolut linientreue ( heute würde man woke) Künstler durften jederzeit auftreten, wer nicht ganz so konform mit der vorgegebenen Meinung ging, hatte Auftrittsverbot. Das habe ich als Kind von nicht ganz so bequemen Künstlern persönlich erlebt, incl. aller Folgen, muss jetzt hier Niemand diese Aussage in Zweifel ziehen.

  2. 15.

    "Insbesondere die Verwendung der IHRA-Definition wird kritisiert, sie sei nicht für solche Zwecke gedacht."
    Ja, darüber kann und sollte man streiten. Wenn sogar Juden und Jüdinnen nicht einverstanden sind, wie etwa Frau Feldman, sollte man mal hinhören und die Kritik ernst nehmen!

  3. 13.

    Wie ihr Name schon sagt ist das logisch. Herr Gröner und sein Vornamen-Kai wissen das mit Sicherheit auch.

  4. 12.

    Mangelnde bzw. fehlende Kommunikation entwickelt sich sich auf vielen politischen Ebenen zur Normalität.
    Was ist los mit den Verantwortlichen? Heißen die jetzt alle Ludwig XIV?

  5. 11.

    Seit Gutes Wedding, schlechtes Wedding staatlich gefördert wird gehe ich nicht mehr hin. Wenn sich die Kulturszene nicht tträgt, ist sie vielleicht einfach zu weit weg von den Menschen. Das Globe-Theater kam auch ohne staatliche Hilfen aus. Musste Vornamen-Kai bei Gröner eigentlich auch ein Bekenntnis unterschreiben?

  6. 10.

    kennt denn der senator den 1. artikel des grundgesetz der bundesrepublik deutschland nicht oder warum fordert er etwas, was schon dort beschrieben ist?

  7. 9.

    Die "Stoßrichtung" der Erklärung dürften alle begrüßen, das konkrete Vorgehen jedoch mit Recht nicht: Wie schon seinerzeit beim Gewaltbefürwortungsparagrafen Ende der 1970er Jahre macht ein solches Bekenntnis ein riesiges Feld auf, was denn alles damit gemeint sein könne und wovor denn definitiv Halt gemacht werden müsse.

    Als Analogie: Seinerzeit wurde der Gewaltbefürwortungsparagraf ("Schriften, die geeignet sind, ...") wegen Unpraktibalität schließlich wieder zurückgezogen, weil auch so manches Theaterstück wie Michael Kohlhaas darunter fiel, so ist es alles in allem Merkmal der Kultur, dass Anspielungen und Zitate wesentlicher Bestandteil von ihr sind.

    Auch wenn die beiden deutschen Staaten aufgrund der Durchgriffsebene nicht gleichgesesetzt werden können, so ist doch die Logik eines bürokratischen Apparates dennoch eine ähnliche, was ggf. aufkommende Verdächtigungen angeht.

  8. 8.

    Wenn ich für umme etwas möchte, dann muss ich damit klar kommen, dass der Geldgeber entscheidet unter welchen Bedingungen die Weitergabe erfolgt!

  9. 7.

    Das hat irgendwie etwas von "allen wird Diskriminierung unterstellt".
    Dies wichtige Thema muss anders gelöst werden.
    Zudem, erst dachte ich, das wird von den Grünen belegt. Nein! Im Gegenteil.

  10. 6.

    Verpflichtungszwang zu einer bestimmten Haltung oder Meinung?... hm... wann hatten wir das schon mal? Ich schau mal in meinen FDJ-Ausweis...
    Mit Zwang löst man keine gesellschaftlichen Probleme. Gerade in der ach so kreativen Kulturszene sollte ein Diskurs doch weiterführen als ein unterschriebenes pro forma-Papier.

  11. 5.

    Sein Amtsvorgänger, Lederer, würde das Gespräch suchen. Sicher wird er, mit seiner bedächtigen Art, von vielen in der Branche vermisst.

  12. 4.

    Ich verstehe nicht warum man darüber diskutieren möchte. Ist es nicht selbstverständlich Bedingungen aufzustellen wenn man Förderungen aus Steuergeldern verteilt?
    Für mich ist es ein gutes Gefühl wenn man Antisemitismus nicht fördert.

  13. 3.

    Wird da ehrlich unterschrieben? Von allen die gefördert werden möchten? Ich bezweifle das.

  14. 2.

    Die Art der Einführung mag nicht die eleganteste gewesen sein. Aber Herr Chialo vergibt Geld und erwartet ein Verhalten gegen Diskriminierung und Antisemitismus. Das ist keine Einschränkung der Kulturfreiheit. Und Grüne und Linke diskutieren seit 4 Jahren ohne Ergebnis.

  15. 1.

    Eine Unverschämtheit, die Vergabe von Steuergeldern an Bedingungen zu knüpfen.
    Jeder Möchte-Gern-Künstler sollte automatisch Anspruch haben

Nächster Artikel