Archivbild: Andreas Knieriem, Zoo- und Tierparkdirektor, steht vor dem Löwenkäfig im Zoo Berlin. (Quelle: dpa/Soeder)
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Audio: Inforadio | 01.08.2019 | Interview mit Andreas Knierim | Bild: dpa/Soeder

Interview | Zoodirektor Andreas Knieriem - "Wir kämpfen vor allem für mehr Lebensraumschutz"

Der Berliner Zoo feiert 175. Jubiläum und freut sich über anhaltende Besucherströme. Dieses Zuschauerinteresse auch zu erhalten, gelinge nur durch Veränderung, sagt Zoodirektor Andreas Knieriem im Interview. Und durch Anpassung an das Wohl der Tiere.

rbb: Herr Knierim, worauf sind Sie als Zoodirektor stolz - dass der Zoo Berlin nach wie vor der artenreichste ist, dass immer mehr Besucher kommen, seit Sie im Amt sind?

Andreas Knieriem: Ich habe keinen Stolz dahingehend. Ich bin froh, dass wir tatsächlich die älteste Aktiengesellschaft sind, dass wir ein alter Zoo sind, dass wir seit 175 Jahren hier sind, dass wir genauso heißen die damals. Das ist etwas ganz besonderes heutzutage. Und das möchte man natürlich so begleiten, dass es auch weitere 175 Jahre Bestand hat.

Ist ein Zoo mitten in der Stadt noch zeitgemäß, oder finden Sie eben gerade das reizvoll?

Teils, teils. Die wichtige Frage ist, wie dieser Zoo sich entwickelt hat. Und beim Zoologischen Garten in Berlin merkt man tatsächlich: Er war als Naturfläche schon vorher da. Die alten Eichen haben ihre Wurzeln in den Boden getrieben, lange bevor der Zoo geplant und gebaut wurde. Also dieser Naturort mitten in der Stadt ist etwas ganz besonderes, und dafür beneiden uns alle anderen Großstädte.

Ich wünsche mir, dass nicht noch mehr Tierarten dazu kommen, die eine Arche Noah der Gene suchen, die wir als Zoo bieten können.

Klimaschutz, Artenschutz – diese Themen sind der Bevölkerung aktuell wichtig. Welche Rolle spielt dabei der Zoo?

Uns treiben vor allem Artenschutz aber auch Naturschutz und Umweltschutz um. Im Grunde müssen diese Themen alle gemeinsam betrachtet werden. Wofür wir vor allen Dingen kämpfen, ist mehr Lebensraumschutz. Der unglaubliche Lebensraumverlust der vielen Tiere weltweit - das macht uns unglaubliche Sorge. Wir freuen uns, wenn mit dieser gesamten Debatte diese Naturthemen wieder mehr in den Vordergrund rücken und nicht, welchen Fernseher ich mir im nächsten Jahr kaufen kann.

Wie müssen Sie die Tiere zeigen, damit die Besucher rausgehen und sagen: Dieser Berggorilla oder dieses Nashorn müssen geschützt werden? Wie bekommen Sie diese Verbindung hin?

Als erstes ist es tatsächlich wichtig für uns, dass wir Anlagen schaffen, bei denen jeder Besucher – nicht nur der Fachmann – das Gefühl hat: Wir sind als Zoo kompetent, unsere Mitarbeiter sind kompetent, und wir wollen die Tiere bestmöglich halten. Das heißt, dass die Orte, an denen wir sie halten, auch als akzeptierter Ersatzlebensraum funktionieren. Da haben wir noch ein paar Baustellen, obwohl wir schon einige verringert haben, seit ich da bin. Das Raubtierhaus war zum Beispiel eine kleine reizarme Umgebung mit Toilettencharme. Wir haben jetzt deutlich weniger Arten, aber dafür deutlich mehr Raum. So lebt zum Beispiel die große Giraffensozialgruppe, also die weiblichen Tiere, mit den Jungtieren im Tierpark, und die drei Männchen leben im Zoo. Wir haben eben viel mehr Platz. Auch das kann eine Möglichkeit sein, mit dem vorhandenen Lebensraum für die Tiere besser umzugehen.

Sie haben neulich in einem Zeitungsinterview gesagt, dass die Menschen nicht immer eine natürliche Art haben, mit Tieren umzugehen. Was meinen Sie damit, und wie kann der Zoo das gerade rücken?

Viele Menschen haben noch kein Gefühl dafür, was sie essen, woher es kommt, was Natur wirklich bedeutet. Das heißt schon, dass Sie die Faszination für die Natur erleben. Gleichzeitig müssen wir auch sichtbar machen, dass Natur nicht bedeutet, dass jedes Tier ein Kuscheltierchen ist. Aber wir wollen auch nicht zu harsch damit umgehen. Ich bin kein Freund davon, dass man bei uns die sehr reale Natur nachbildet, wo der Löwe wirklich an den Rippen des Rindes nagen muss und das Blut noch fließt.

Gleichzeitig werden Sie von Tierschützern angefeindet: Tiere sind kein Schauobjekt, der Zoo ist ein Gefängnis. Was sagen Sie denen?

Es gibt Tierschützer und Tierschützer. Auch ich bin Tierschützer, ich bin Tierschutzbeirat des Landes Berlin, als Tierarzt ist man übrigens auch ausgebildet in Fragen des Tierschutzes. Wir nehmen den Tierschutz und auch die Kritik daran sehr ernst. Und es gibt und gab kritikwürdige Dinge in Berlin, und die werden wir auch in Zukunft abstellen. Das unterscheidet sich enorm von dem sogenannten Tierrechtlern, die ideologisch gesehen einen Zoo in Gänze erstmal ablehnen, eigentlich auch in Gänze die Tierhaltung in Menschenhand ablehnen. Ich mag nicht, dass mit ganz unfairen Waffen gekämpft wird, dass angefeindet, diffamiert und diskreditiert wird. Das ist schade, weil es eigentlich den guten Tierschutz konterkariert.

Muss es also weiterhin Zoos geben, weil sie auch ein Ort des Artenschutzes sind, und wir bestimmte Tiere nur noch im Zoo sehen können?

Wir versuchen vor allen Dingen, die Vielfalt zu zeigen. Das ist unser Motto. Wir haben den artenreichsten Zoo und versuchen, diese Artenfülle tierschutzgerecht hinzubekommen. Das ist eine Herausforderung. Aber es ist für uns sehr wichtig, diese Vielfalt dem Menschen näher zu bringen. Gehen Sie in unser Vogelhaus - ich tue das auch gerne – und sehen Sie mal in die Gesichter der Menschen, wie fasziniert die sind von den vielen Vogelarten, und wo sie das Gefühl haben: Das hat tatsächlich alles einmal die sogenannte Schöpfung hervorgebracht.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 175 Jahre?

Ich wünsche mir, dass nicht noch mehr Tierarten dazu kommen, die eine Arche Noah der Gene suchen, die wir als Zoo bieten können. Aber ich habe die große Befürchtung, dass ich damit Schiffbruch erleide. Ich mache mir große Sorgen über den riesigen Waldverlust auf dieser Erde. Wir schauen zu und tun nichts. Wir verlieren enorme Waldmengen weltweit. Nicht so sehr in Deutschland, da haben wir unsere Hausaufgaben schon ganz gut erledigt. Aber wenn sie nach Südamerika schauen und nach Asien, ist es eine Katastrophe. Menschen vermehren sich und wir sehen, dass unser Planet endliche Ressourcen hat. Die müssen sinnhaft verteilt werden. Da ist die UNO dran, da machen sich viele Menschen Gedanken. Gedanken sind gut, aber es muss irgendwann Realität werden.

Sabine Dahl führte das Interview für Inforadio.

Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung.

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1 Kommentar

  1. 1.

    Warum gibt es eigentlich keine Sanktionen gegen Brasilien? Warum importieren wir noch immer landwirtschaftliche Produkte, die auf ehemaligem Regenwaldboden angebaut wurden?

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