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Quelle: imago images/Matthias Koch

Interview | Turbine-Präsidentschaftskandidat

"Turbine ist ein Verein, muss aber wie ein mittelständischer Betrieb geführt werden"

Am Freitag wählt Turbine Potsdam einen neuen Präsidenten. Der Mediziner Karsten Ritter-Lang ist der einzige Kandidat. Im Interview mit rbb|24 erzählt er, warum er sich dafür qualifiziert sieht, Turbine aus der Krise zu führen und was seine Ziele sind.

rbb|24: Herr Ritter-Lang, woher kommt Ihre Verbindung zu Turbine Potsdam?

Karsten Ritter-Lang: Ich bin seit elf Jahren Mitglied im Verein. Außerdem hat meine Tochter dort früher im Nachwuchs gespielt.

Wie sind Sie damals zum Verein gekommen?

Ich lebe seit 2002 im Potsdamer Umland und habe meine Praxis hier. Meine Tochter fing dann in der ersten Klasse an, Fußball zu spielen. Später wurde sie von Turbine gescoutet, ist gewechselt und hat dort im Jugendbereich gespielt. Zu der Zeit war ich immer auf dem Platz, die Eltern sind ja teilweise die Fahrdienste. Die haben damals in der Landesliga gespielt, die Partien waren also in der Prignitz oder der Uckermark.

Ich war also viel unterwegs und immer mit dem Nachwuchs in Kontakt. In der Zeit habe ich auch die Sorgen und Nöte kennengelernt, die so ein Verein hat – zum Beispiel das Beschaffen von Material wie Sportsachen. Man ist dann einfach peu à peu im Vereinsgeschehen ein bisschen drin. Dann bin ich Mitglied geworden und habe auch die erste Mannschaft verfolgt.

Zur Person

Wann kam dann der Zeitpunkt, an dem Sie gesagt haben: Jetzt möchte ich kandidieren und Präsident werden?

Ich war in den letzten Monaten in regelmäßigem Austausch und Gesprächen mit dem Präsidenten Rolf Kutzmutz und dem Vize-Präsidenten Uwe Reher. Dabei ging es um mein Engagement als Sponsor, aber auch um medizinische Beratungen, die ich angeboten habe, oder Corona-Impfungen, die wir in meiner Praxis für die Spielerinnen gemacht haben. Dadurch war ich vielleicht etwas näher an den Problemen als andere. Bei einigen haben ich versucht zu helfen.

Es ist dann ja niemandem verborgen geblieben, dass mit dem Abgang von 14 Spielerinnen und Trainer Sofian Chahed zum Ende der letzten Saison einige Dinge nicht ganz rund gelaufen sind. Ich habe mich dann angeboten zu helfen. Daraus sind dann zunächst mehrere Gespräche entstanden und schließlich wurde die Idee an mich herangetragen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, als Präsident zu kandidieren. Das habe ich – nach einigen Überlegungen – jetzt getan.

Welche sportliche und wirtschaftliche Expertise bringen Sie als Mediziner mit?

Ich bin nicht nur Mitinhaber einer Praxis in Potsdam, die ich mit aufgebaut habe, sondern war schon vor zehn Jahren in einer ähnlichen Situation, als es einem Krankenhaus schlecht ging und es sich in einer Insolvenzphase befand. Ich wurde von dem damaligen Insolvenzverwalter zur Seite genommen, weil ich das Haus damals schon zehn Jahre kannte. Wir haben dann überlegt, wie wir das Haus stabil bekommen und wie wir 120 Arbeitsplätze sichern können.

2012 habe ich dann angefangen, dieses Krankenhaus zu führen und die Klinik – gemeinsam mit den Mitarbeitern – wieder auf Kurs gebracht. Wir befinden uns dort, anders als andere Krankenhäuser in Deutschland, die chronisch klamm sind, in einer stabilen Lage. Aus dieser Zeit bringe ich Expertise für schwierige finanzielle Situationen mit. Eine Insolvenzphase ist für einen Betrieb etwas ganz Fürchterliches. Turbine ist zwar ein ehrenamtlicher Verein, muss aber durch das Präsidium wie ein mittelständischer Betrieb geführt werden.

Welche Probleme haben Sie bei Turbine ausgemacht und wie wollen Sie die angehen?

Wir sind in eine Situation gekommen, die sich als sehr schwierig darstellt. Im Augenblick ist der Verein führungslos – das soll sich jetzt ändern. Wir brauchen jetzt wieder eine stabile Situation. Wir benötigen eine klare Zuweisung von Strukturen und Kompetenzen sowie eine klare Kommunikationsstruktur innerhalb des Vereins. Anders können wir den Mannschaften keine klare Perspektive geben. Das ist zuletzt etwas aus dem Ruder geraten.

Es ist immer schwierig, wenn man eine sportlich unzufriedene Situation hat, dann fällen immer ganz viele sofort ein Urteil. Kritik ist und muss natürlich erlaubt sein, wir müssen damit aber konstruktiv umgehen und kurzfristig wieder Ruhe in den Verein bekommen.

Frauenfußball-Traditionsverein in der Krise

Turbine in Turbulenzen

Turbine Potsdam befindet sich derzeit in einer Talfahrt. Vor allem in der Führungsebene kehrte seit dem Umbruch im Sommer keine Ruhe ein und nun musste nach nur vier Monaten auch der neue Trainer gehen. Der Klub steht vor großen Herausforderungen.

Wie sehen die Ziele konkret aus?

Das erste wichtige kurzfristige Ziel ist es, die erste Mannschaft so zu stabilisieren, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Darüber hinaus gibt es dann mittel- und langfristige Ziele. So müssen wir zum Beispiel die Rahmenbedingungen verbessern. Langfristig muss sich der Klub fragen: Wo geht die Reise hin? Der Frauenfußball wird immer attraktiver und professioneller. Die großen Vereine entdecken diese Situation für sich und schieben Geld in die Entwicklung ihrer Frauenmannschaften.

Wir sind immer noch einer der wenigen reinen Frauenfußball-Vereine, dieses Hinterland haben wir nicht. Wir müssen für Sponsoren werben und brauchen fußballverrückte Menschen, die sagen, das ist ein Traditionsverein, für den tun wir gerne etwas.

Wo steht Turbine Potsdam in zehn Jahren?

Mein Traum wäre es, dann mal wieder ein Champions-League-Finale zu spielen. Also, dass wir dort eintauchen, wo Turbine schon einmal war.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lukas Witte, rbb Sport.

Sendung: rbb24, 11.11.22, 18 Uhr

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