Synagoge in Schwedt (Uckermark) - Neues Seminarhaus erinnert an jüdisches Leben in Brandenburg

Seminarhaus in der Synagoge Schwedt
Audio: Antenne Brandenburg | 27.08.2021 | Riccardo Wittig | Bild: Städtische Museen Schwedt/Oder

Auf dem Fundament der zerstörten Synagoge in Schwedt ist ein neues Seminarhaus errichtet worden. Dort soll jetzt mit Ausstellungen und pädagogischen Angeboten an jüdisches Leben in Brandenburg erinnert werden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 kam es überall im Deutschen Reich zu massiven Gewalttaten gegen Menschen jüdischen Glaubens. Im Zuge der Reichsprogromnacht misshandelten Schlägertrupps der Nationalsozialisten tausende Jüdinnen und Juden, plünderten Geschäfte und schändeten Gotteshäuser.

Davon betroffen war auch das Gelände der Synagoge in Schwedt (Uckermark). Nachdem die Eingänge mit Fahrzeugen aufgebrochen worden waren, zertrümmerten Nationalsozialisten die Inneneinrichtung. Die jüdische Gemeinde wurde enteignet und die Synagoge im Krieg zerstört. Die Mikwe - ein Ritualbad - sowie das auf demselben Gelände stehende Synagogendienerhaus überstanden die Zeit des Nationalsozialismus.

Von der Synagoge selbst blieben bis vor Kurzem nur die Fundamente übrig. Nun ist darüber ein Seminarhaus errichtet worden und gehört jetzt zusammen mit dem Dienerhaus und dem Ritualbad zum jüdischen Areal. Am Freitag wird der Neubau mit einer Ausstellung über die Flucht jüdischer Kinder nach Australien eröffnet.

Fundament weiter zugänglich

2012 waren die Reste des Fundamentes freigelegt worden. Fast zehn Jahre später umfasst nun der neue, lamellenartiger Holzneubau die historischen Fundamente der ehemaligen Synagoge vollständig. Der Fußboden ist originalgetreu aus den vorhandenen Ziegelsteinen hergerichtet worden und soll barrierefrei zugänglich sein.

Das Gebäude ist in Zusammenarbeit mit der Universität Stettin entstanden und soll künftig als Lern- und Ausstellungsort für museumspädagogische Arbeit genutzt werden. Dabei gehe es auch um die Geschichte der Juden in der Oder-Region. "Es wird kein Religionsort sein", sagt Museumsleiterin Anke Grodon. "Es wird ein Bildungshaus für Wissenstransfer und für Nachfragen sein. Natürlich werden wir uns Menschen einladen, die im Jüdischen mehr wissen als wir."

Die pädagogische Arbeit werde bereits seit vielen Jahren betrieben, erläuterte Grodon. "Allerdings fehlte uns bisher ein Dach über dem Kopf." Jetzt stehe dem Seminarhaus ein großer Raum zur Verfügung, der auch für ruhige Gespräche genutzt werden könne. "Ich bin sehr froh, dass es nun endlich losgeht. Es hat lange gedauert", so die Museumsleiterin.

Ausstellung im Seminarhaus der Synagoge Schwedt
Blick ins Seminarhaus mit der Ausstellung "Die Kinder der Orama" | Bild: Städtische Museen Schwedt/Oder

Erinnerung an Leben, statt an Schrecken

"Die Kinder der Orama" ist eine erste Installation, die in das neue Gebäude eingezogen ist. Die Künstlerin Josie Rücker hat den Transport jüdischer Kinder nach Australien auf dem Schiff "Orama" historisch und künstlerisch aufgearbeitet. "Es gibt ja, wenn man über den Nationalsozialismus spricht, viele Gedenktage und Arten darüber, was die Nazis angestellt haben", sagt Rücker. "Das ist furchtbar und kriegt einen großen Rahmen. Ich wollte aber die Lücke aufzeigen, welches bunte jüdische Leben eigentlich damit in Deutschland zerstört worden ist."

1933 lebten rund 135 Juden in Schwedt. Bis 1942 hatten alle die Stadt verlassen oder waren inzwischen verstorben. Etwa 70 Angehörige der Gemeinde fielen dem Holocaust zum Opfer. Heute gibt es hier keine jüdische Gemeinde mehr. "Aber wir haben alles, was eine Gemeinde bräuchte", sagt Museumsleiterin Grodon. "Wir haben ein jüdisches Ritualbad und einen jüdischen Friedhof." Nun wird das Areal mit dem neuen Seminarhaus komplettiert und ist ab Samstag für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Ausstellung zum Auftakt läuft bis zum 26. September.

Sendung: Antenne Brandenburg, 27.08.2021, 14:40 Uhr

Mit Material von Riccardo Wittig

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