Konzertkritik | Odessa Philharmonic Orchestra in Berlin - Ein Klangkörper mit großer innerer Einheit

Mi 07.09.22 | 11:38 Uhr | Von Hans Ackermann
Das Odessa Philharmonic Orchestra beim Musikfest Berlin. (Quelle: rbb/Abendschau)
Video: rbb24 Spät | 06.09.2022 | Petra Gute | Bild: rbb/Abendschau

Bei einem Konzert des Odessa Philharmonic Orchestra standen am Dienstag drei eher unbekannte ukrainische Komponisten und eine Sinfonie von Jean Sibelius auf dem Programm. Für Hans Ackermann ein Erlebnis beim Musikfest Berlin.

Eine "riesige Freude" sei es, hier in Berlin auftreten zu können und "etwas von zu Hause hierher zu bringen" sagt der Dirigent des Odessa Philharmonic Orchestra in einer kurzen, aber berührenden Ansprache an das Publikum in der Philharmonie. Dann widmet Hobart Earle den folgenden Tanz von Myroslav Skoryk den Kindern der Ukraine, "deren Leben wegen des schrecklichen Krieges auf den Kopf gestellt ist".

Hobert Earle, Dirigent des Odessa Philharmonic Orchestras
Bild: Odessa Philharmonic Orchestra

Ukrainische Hirtenmelodien

Das Stück, das dann vom Orchester gespielt wird, stammt aus einer 1965 komponierten Musik für einen Film über das ukrainische Bergvolk der Huzulen. Hirten in den südöstlichen Karpaten, die ganz offenkundig eine Vorliebe für fröhliche Flötenklänge haben - die der 1938 in Lemberg geborene Myroslav Skoryk kunstvoll zu einem rhythmisch anspruchsvollen Orchesterlied verarbeitet hat.

So vielfältig wie die Völker der Karpaten - ein Gebirgsbogen, der immerhin acht verschiedene Nationen verbindet - so multikulturell ist auch die Stadt am Schwarzen Meer, in der das Odessa Philharmonic Orchestra zu Hause ist, dort aber wegen des russischen Angriffskrieges derzeit natürlich nicht spielen kann.

"Probleme mit einem Lächeln lösen"

Odessa, sagt der Chefdirigent mit amerikanischen Wurzeln, sei eigentlich eine Stadt voller Humor, Die Menschen in seiner Wahlheimat würden normalerweise versuchen, "Probleme mit einem Lächeln zu lösen."

Gelächelt wird an diesem Abend - wenn überhaupt - nur in großer Nachdenklichkeit, die auch musikalisch dominiert. Etwa in der 1912 von Mykola Lysenko komponierten "Elegie". Die Melodie wird von den vorzüglichen Streichern des Orchesters gespielt, strahlend schöne Hornklänge schweben dazu durch den großen Saal der Philharmonie.

"Ave Maria" für Klavier und Orchester

Mit einer kurzen Fanfare der Solotrompete beginnt dann das Hauptwerk des Abends, das Klavierkonzert Nr. 3 "Ave Maria". 1968 von Alemdar Karamanov komponiert, handelt es sich dabei eher um eine Art Rhapsodie mit Orchesterbegleitung. Die Pianistin Tamara Stefanovich - in Belgrad und Köln ausgebildet - steht durchgängig im Mittelpunkt, das Orchester muss Geduld bewahren, lange Solopassagen abwarten - bevor es dann im Schlusssatz der dreiteiligen Komposition noch einmal zusammen mit der souveränen Solistin die volle Klangpracht entfalten kann.

Heimweh nach Odessa

Gut 100 Musikerinnen und Musiker des 1937 in Odessa gegründeten Orchesters sind an diesem Abend auf der Bühne. Alle wollen, wie sie sagen, wieder nach Hause, lieben ihre Stadt und leiden unter der Zerstörung ihres Landes. Den Zusammenhalt dieses Orchesters kann man nach der Pause dann noch einmal geballt erleben, bei der Sinfonie Nr. 2 von Jean Sibelius.

Mehr als einmal baut sich an diesem Abend ein dunkler, warmer Klang auf. Ausgehend von den Kontrabässen, die der Dirigent in einer Reihe ganz hinten aufgestellt hat, breitet sich die Musik über vorzügliche Bläser und Streicher dann mit aller Macht im Saal aus.

Hier ist ein Klangkörper am Werk, dessen Kraft wohl aus großer innerer Einheit entsteht. So geschlossen aufzutreten, mit den Bildern von Zerstörung und Bedrohung im Hinterkopf - eine Orchesterleistung, die diesen Abend zu einem großen Erlebnis werden lässt.

Sendung: rbb24 Abendschau, 06.09.2022, 19:30 Uhr

Beitrag von Hans Ackermann

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