Kritik | Bernd Begemann in Berlin - Unverstandener Meister der Ironie

Mi 25.01.23 | 08:58 Uhr | Von Hans Ackermann
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Archivbild:Der Sänger, Gitarrist und Entertainer Bernd Begemann am 17.08.2020.(Quelle:dpa/M.Scholz)
dpa/M.Scholz
Audio: rbb24 Inforadio | 25.01.2023 | Hans Ackermann | Bild: dpa/M.Scholz

Mit seiner Band "Die Befreiung" ist Bernd Begemann seit den späten 80er Jahren eine feste Größe in der deutschsprachigen Popmusik. Am Dienstagabend war der Sänger mit einem Soloprogramm in der Berliner Bar Jeder Vernunft zu Gast. Von Hans Ackermann

Nicht ganz allein geht der Sänger und Songschreiber Bernd Begemann bei seinem Auftritt in der Berliner Bar Jeder Vernunft auf die Bühne: Zwei Gitarren und eine Fernbedienung hat er dabei - für den "Backing Track", die musikalische Begleitung seines Livegesangs.

Das kleine Gerät lässt ihn aber immer mal wieder im Stich, dann singt Begemann einfach ohne Begleitung - was dieser Bühnenprofi natürlich ebenso grandios beherrscht. Man könnte sogar auf den Gedanken kommen, dass er die "technischen Pannen" mit der Fernbedienung überhaupt nur zum Spaß inszeniert.

Knallrote Gitarre

Aus den unzähligen Liedern, die Begemann in den letzten drei Jahrzehnten komponiert hat, singt er gleich zu Beginn "Sie fuhr einen lila Twingo". Gefolgt von jeder Menge weiterer Songs über tolle Frauen - weshalb man den Sänger auch einen "Frauenversteher" nennt, was sicher nicht die schlechteste Eigenschaft ist.

"Was macht Miss Juni im Dezember" gehört ohne Zweifel auch in diese Gruppe. "Alles Gute, Du wirst es brauchen" wünscht Begemann der Protagonistin, für die im Dezember vielleicht schon "alles vorbei" ist, die Bühne leer, das Publikum weg. Ängste, die der Sänger mit aufgeregter Schlagerstimme vorträgt, den Gesang dabei mit versiertem Gitarrenspiel auf einer knallroten elektrischen Gitarre garniert.

Auch seine Fähigkeiten am Instrument sprechen dafür, dass Begemann das Halb-Playback eigentlich nur als Stilmittel mitbringt, "Musik vom Band" braucht dieser exzellente Entertainer wirklich nicht. Was er braucht, ist die Reaktion des Publikums, das von Begemann deshalb immer wieder zum Mitsingen aufgefordert wird. Mit Erfolg - ohne Umschweife wird der Refrain bei den sämtlich bekannten Liedern textsicher mitgesungen, natürlich besonders laut beim unverwüstlichen "Verhaftet wegen sexy", das Begemann 2013 zusammen mit Olli Schulz gesungen hat.

Hamburger Geschichten

Lässt man den "Frauenversteher" einmal beiseite, ist Begemann vor allem eines: ein Hamburger - obwohl er 1962 in Braunschweig geboren wurde und im westfälischen Bad Salzuflen aufgewachsen ist. Aber, Hamburg hat ihn geprägt, viele Jahre hat Begemann im Stadtteil St. Pauli gewohnt. Aus der kulturell spannenden Gegend am Hafen schaut er dabei auch gern mal zu den reichen Hamburgern hinüber. Wenn Begemann dabei die "Slums von Eppendorf" besingt, meint er in Wirklichkeit die hanseatische Schickeria: protzige Geländewagen, wohin man schaut, kleine Clubs und alternative Läden einfach "weggentrifiziert", wie der Sänger im Lied erzählt.

Meister der Selbstironie

Begemann ist ein Meister der Ironie - die bei seinen Konzerten "im Osten" - wie er dem Publikum zuraunt - aber meist nicht verstanden wird. In der Tat muss man sich "hineinhören" in diesen Begemann, mit seinem exaltierten Gesang und einer köstlichen Selbstironie: das durchgeschwitzte Handtuch, das er am Ende der Show - blütenweiß, wie der Bademantel von Udo Jürgens - in die Höhe reckt. Ein Schlagerstar-Klischee, hinter dem sich mit Bernd Begemann einer der intelligentesten Texter und Entertainer der deutschsprachigen Popmusik offenbart.

Seinen besten Song, zugleich einen der ältesten, hebt sich Bernd Begemann für die Zugaben auf, mit denen das gut drei Stunden dauernde Konzert unter viel Beifall endet: "Unten am Hafen". Unplugged, nur mit akustischer Gitarre und ohne Mikrofon - das trauen sich wirklich nur die Allerbesten.

Sendung: rbb24 Inforadio, 25.01.2023, 6:00

Beitrag von Hans Ackermann

3 Kommentare

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  1. 3.

    Mal reinhören: Was macht Miss Juni im Dezember ;-)
    Da steht auch viel zwischen den Zeilen.

  2. 2.

    Der muss sich so gut verstckt haben das den keiner kennt. Noch nie gehört. Obwohl ich seit den 70er Jahren bewusst Musik höre.

    PS Was ist den mit euren Kommentarfeldern passiert. Neue Anordnung oder betrunkener Webseitenprogrammierer?

  3. 1.

    Seine erste (Punk-)Band hiess übrigens "Vatikan". :-)

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