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Audio: rbb24 Inforadio | 24.11.2022 | Mario Kubina | Quelle: dpa/Fabian Sommer

Trotz leichtem Rückgang in 2021

Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt weiterhin auf hohem Niveau

Geht es um häusliche Gewalt sind meist Frauen die Opfer und Männer die Täter. Das unterstreichen auch die aktuellen Zahlen. In Brandenburg ist die Gefährdung laut Statistik bei weiblichen Personen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren besonders hoch.

Die Zahl der bundesweit angezeigten Gewalttaten unter Paaren und Ex-Partnern ist nach einem jahrelang anhaltenden Anstieg im vergangenen Jahr erstmals wieder leicht gesunken. Laut einer aktuellen Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) registrierten die Behörden 2021 bundesweit 143.016 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte - ein Rückgang um 2,5 Prozent im Vergleich zum ersten Corona-Jahr 2020.

Der bundesweite Trend spiegelt sich auch in Brandenburg und in Berlin wider: In Brandenburg sind im vergangenen Jahr 5.073 Fälle häuslicher Gewalt erfasst worden, betroffen waren zumeist Frauen. Das teilte das Brandenburger Gesundheits- und Sozialministerium am Mittwoch in Potsdam mit.

Gegenüber 2020 ist das ein Rückgang um 162 Fälle beziehungsweise 3,1 Prozent. Die Fallzahl liegt aber weiterhin deutlich über den Zeiten vor der Pandemie.

Laut Kriminalstatistik wurden 4.214 Tatverdächtige ermittelt, davon war der Hauptanteil männlich. Wie in den vergangenen Jahren auch waren weibliche Opfer am häufigsten von häuslicher Gewalt betroffen. Von den insgesamt 4.911 Opfern (2020: 5.073) waren 70,7 Prozent (2020: 70,9) weiblichen Geschlechts. Besonders hoch ist die Gefährdung laut Statistik bei weiblichen Personen im Alter zwischen 18 und 40 Jahren.

Die Polizei gehe zudem von einer hohen Dunkelziffer aus, weil Taten nicht angezeigt werden.

Opferschutzbeauftragter Berlins

"Unser Grundproblem bis heute ist, die Opfer zu erreichen"

Vor zehn Jahren wurde Rechtsanwalt Roland Weber zum Opferschutzbeauftragten Berlins berufen. rbb|24 berichtet exklusiv über seinen neuen Bericht zur Situation der Opfer von Straftaten in Berlin. Darin mahnt Weber, nicht nachzulassen. Von Ulf Morling

Verfahren müssen laut Nonnemacher verkürzt werden

Trotz der hohen Zahlen seien häusliche Gewalt, sexuelle Gewalt, Bedrohung und viele andere Formen von Gewalt immer noch Tabu-Themen, beklagte Brandenburgs Sozialministerin Ursula Nonnemacher (Grüne). "Sie sind mit Scham besetzt. Frauen gehen nicht zur Polizei aus Angst vor den Tatpersonen oder aus Sorge, dass ihnen nicht geglaubt wird", erklärte die Politikerin.

Strafverfolgung und Justiz müssten im Umgang mit Betroffenen noch sensibler werden und auch Verfahren verkürzen, forderte die Ministerin. "Wir müssen die Warnzeichen für Gewaltbetroffenheit ernst nehmen und einen Tabubruch bewirken. Schuldig müssen sich allein die Täter fühlen", so Nonnemacher. Niemand müsse körperliche oder sexualisierte Gewalt hinnehmen: "Keine Frau sollte sich als Betroffene schuldig fühlen."

In Berlin wurden im vergangenen Jahr laut Statistik 15.630 Opfer häuslicher Gewalt gezählt. Die Zahl sank im Vergleich zum Jahr 2020 um 4,3 Prozent. Auch in der Bundeshauptstadt waren 71 Prozent der Opfer Frauen.

Im laufenden Jahr (bis 31. Oktober) wurden bisher 13.994 Fälle der häuslichen Gewalt erfasst. 14.668 Opfer wurden gezählt - unter ihnen 10.546 weiblichen Geschlechts. Dies entspricht einem Anteil von 71,9 Prozent.

143.016 Fälle in ganz Deutschland

Die Zahl der bundesweit angezeigten Gewalttaten unter Paaren und Ex-Partnern ist nach einem deutlichen Anstieg seit 2015 im vergangenen Jahr erstmals wieder leicht gesunken.

Laut einer aktuellen Statistik des Bundeskriminalamtes (BKA) registrierten die Behörden 2021 bundesweit 143.016 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte.

Wie aus den Daten hervorgeht, die das BKA am Donnerstag veröffentlicht hat, waren in den genannten Fällen insgesamt 143.604 Opfer involviert - ein Rückgang der Opferzahl um drei Prozent im Vorjahresvergleich. Allerdings war die Zahl der Opfer davor stetig gestigen, 2015 lag sie bei 127.457, im Jahr 2012 bei 120.758.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) wies darauf hin, dass die in der Statistik erfassten Zahlen lediglich das sogenannte Hellfeld abbilden, also die Zahl der angezeigten Fälle. Das Dunkelfeld sei weitaus größer.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) erklärte, es sei davon auszugehen, dass derzeit zwei Drittel der weiblichen Opfer nicht zur Polizei gehen.

Der Statistik zufolge waren 80,3 Prozent der von Partnerschaftsgewalt Betroffenen Frauen. In den meisten Fällen handelte es sich um vorsätzliche einfache Körperverletzung (59,6 Prozent).

Zahl der Straftaten im Internet leicht gestiegen

Die BKA-Daten beziehen sich auf Fälle, bei denen die Ermittlungen 2021 abgeschlossen wurden. Die Tat selbst kann dabei schon früher begangen worden sein. Wie bereits in den Vorjahren geht die Gewalt nach wie vor zum überwiegenden Teil von Männern aus (78,8 Prozent). Der Anteil weiblicher Tatverdächtiger ist in den vergangenen Jahren jedoch leicht gestiegen - auf nunmehr 21,2 Prozent (2020: 20,6).

Von insgesamt 118.148 erfassten Verdächtigen waren 65,6 Prozent deutsche Staatsangehörige. Bei den nichtdeutschen Verdächtigen traten türkische Staatsangehörige mit einem Anteil von 5,4 Prozent am häufigsten auf.

Leicht angestiegen ist die Zahl der Straftaten, die im Internet begangen wurden: So lag etwa der Anteil der Bedrohungen von Partnern oder Ex-Partnern im Internet 2021 bei 6,6 Prozent - 2020 hatte er noch bei 4,8 Prozent gelegen. Die Polizei führt dies auch auf die Auswirkungen des Gesetzes zur Bekämpfung von Rechtsextremismus und Hasskriminalität zurück. Das 2021 in Kraft getretene Gesetz sieht unter anderem vor, dass Drohungen und Beleidigungen im Netz von den Anbietern sozialer Netzwerke dem BKA gemeldet werden müssen.

Am Freitag ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, der von den Vereinten Nationen 1999 für den 25. November ausgerufen wurde. Die Initiative entstand in Reaktion auf einen schweren Fall von Gewalt an Frauen in der Dominikanischen Republik. In Deutschland wird seit dem 25. November 2001 in vielen Kommunen ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen gesetzt.

Sendung: Antenne Brandenburg, 23.11.2022, 15:00 Uhr

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