Teufelsberg (Quelle: rbb/Matthias Gabriel)
Bild: rbb/Matthias Gabriel

Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg - Wie Berlin 14 Berge bekam

Volkspark Friedrichshain, Teufelsberg oder Insulaner: Die meisten Berliner Berge sind aus Trümmern entstanden. Nach dem Krieg wurde aus den Stadtvierteln angekarrt, was von zerstörten Gebäuden übrig blieb und sich nicht verwerten ließ. Unter manchen der heutigen Naherholungsgebiete befinden sich sogar ganze Gebäude. Von Hanna Metzen

Wer einen Blick auf die einstige Trümmerstadt Berlin werfen will, muss dafür tief in den Berg hinein: Braune Ziegelsteine und weiße Kachelreste verstecken sich unter dem Gipfel der Berliner Humboldthöhe, daneben liegen große und kleine Betonbrocken aufgetürmt zu Schutthaufen.

Während des Zweiten Weltkriegs stand im Humboldthain noch ein riesiger Flakbunker, von dem aus feindliche Bomber abgeschossen werden sollten. Nach dem Krieg wurde der Bunker weitestgehend gesprengt, mit Kriegsschutt aufgefüllt und begrünt. Die intakten Bunker- und Trümmerreste können heute mit dem Verein "Berliner Unterwelten" besichtigt werden, "Vom Flakturm zum Trümmerberg" heißt die etwa 90-minütige Tour durch das Innere der Humboldthöhe.

Während die alten Kriegstrümmer mittlerweile im Verborgenen liegen, waren sie vor 70 Jahren omnipräsent. Von ursprünglich 1,5 Millionen Berliner Wohnungen war nach dem Krieg weniger als die Hälfte bewohnbar. Allein in der Hauptstadt fielen 75 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt an - mit dieser Menge hätte man einen Wall von Berlin bis nach Köln bauen können, 30 Meter breit und fünf Meter hoch.

Ein Teil des Schutts wird zu Baumaterial weiterverarbeitet

"In der Zeit nach dem Krieg lag einfach überall Schutt", sagt Holger Happel vom Verein Berliner Unterwelten. "Und der musste weg - möglichst schnell und möglichst billig." Ein Teil der Trümmer wurde wiederverwertet: Aus noch intakten Ziegelsteinen, Eisenträgern oder Holzbalken baute man neue Gebäude, zum Teil wurde der Schutt auch zu Zement und Kalk verarbeitet. Der Großteil aber wurde abtransportiert und zu Trümmerbergen aufgehäuft.

Zuerst deckte man Bombenkrater, Schützengräben und andere Nazirelikte zu - zum Beispiel die beiden großen Flakbunker im Volkspark Friedrichshain und im Volkspark Humboldthain. "Bunkerberge" nennt Ulrike Forßbohm diese Berge deswegen, im Unterschied zu reinen Trümmerbergen, die auf freien Flächen angelegt wurden.

Forßbohm hat im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Technischen Universität Berlin Trümmerberge erforscht. 14 verschiedene Standorte listet sie in ihrer Untersuchung auf, vermutlich aber gibt es noch viel mehr. "Viele der Trümmerberge sind gar nicht dokumentiert", sagt Ulrike Forßbohm. Und auch Holger Happel verweist auf eine Vielzahl kleinerer Erhebungen: "Zum Teil wurden einfach Kellerreste von zerbombten Vorderhäusern mit Trümmern aufgeschüttet."

Aufräumarbeiten für einen Stundenlohn von 72 Reichspfennigen

Fast alle unbebauten Areale in der Berliner Innenstadt wurden durch den Krieg zu Trümmerdeponien. Eigens eingerichtete Trümmerbahnen brachten den Kriegsschutt aus den umliegenden Vierteln in Parks oder Kleingartenanlagen. Hilfsarbeiter, Frauen und Jugendliche erledigten die Aufräumarbeiten - für einen Stundenlohn von 72 Reichspfennigen.

Trotzdem waren auch in den 50er Jahren noch zu viele Trümmer übrig, gerade im Westen.  "West-Berlin war eine Stadt ohne Hinterland, der Schutt konnte wegen der sowjetischen Blockade nicht über die Stadtgrenzen transportiert werden", erklärt Forßbohm. Also errichtete man den Teufelsberg: 26 Millionen Kubikmeter Schutt liegen dort aufgehäuft, das entspricht einem Drittel der gesamten Berliner Trümmermenge. Heute ist der Teufelsberg nicht nur der bekannteste Trümmerberg, sondern war auch lange Zeit der höchste Punkt der Hauptstadt. Seit Anfang 2015 überragt ihn nur die Bauschuttdeponie Arkenberge um 60 Zentimeter.

Dass man beim Picknicken, Grillen und Drachensteigen fast immer auf Weltkriegsschutt steht, ist längst nicht allen bewusst. In ihrer Diplomarbeit hat Forßbohm exemplarisch 350 Besucher verschiedener Grünanlagen gefragt, ob ihnen bekannt ist, dass es sich dabei um eine Aufschüttung aus Trümmern handelt. 38 Prozent antworteten daraufhin mit "Nein" - in der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen waren es sogar 51 Prozent.

Tour ins Innere des Teufelsberg bleibt ein Wunschtraum

"Auch Trümmerberge haben Denkmalwert", meint Forßbohm. "Man sollte zeigen, was unter uns liegt." Denkbar hält sie zum Beispiel Informationstafeln an den jeweiligen Eingängen der Parks. Und auch die Arbeit der Berliner Unterwelten findet Forßbohm wichtig: "Dass Areale wie die Humboldthöhe durch Führungen zugänglich gemacht werden, ist der richtige Weg."

Holger Happel von den Berliner Unterwelten würde am liebsten ins Innere des Teufelsbergs vordringen. Denn dort liegen noch die Ruinen der "Wehrtechnischen Fakultät" verborgen, die die Nationalsozialisten im Rahmen der "Welthauptstadt Germania" errichten wollten. Aber 26 Millionen Kubikmeter Schutt bleiben unüberwindbar: "Das bleibt dann wohl ein Wunschtraum."

Klicken Sie auf die Markierungen in der Karte, um mehr über die einzelnen Trümmerberge zu erfahren:

Beitrag von Hanna Metzen