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Quelle: picture alliance/dpa | Frank Hammerschmidt

Turnier der Meister in Cottbus

Wie eine 47-jährige Turnerin der Konkurrenz noch immer davonspringen will

34 Jahre nach ihrem Debüt beim Turnier der Meister in Cottbus steht Oksana Chusovitina erneut in einem Finale beim Turn-Weltcup in der Lausitz. Der 18. Sieg ist möglich - und die "Grand Dame" des Turnens hat noch größere Ziele. Von Thomas Juschus

George W. Bush wird 41. Präsident der Vereinigten Staaten. Steffi Graf und Boris Becker gewinnen innerhalb weniger Stunden das Tennis-Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Und die Mauer teilt Deutschland noch bis zum 9. November in zwei Teile. Wir schreiben das Jahr 1989. Beim 13. Turnier der Meister in Cottbus gewinnt Lokalmatador Sylvio Kroll den Sechskampf der Männer - und bei den Frauen gibt die 14-jährige Oksana Chusovitina ihr internationales Debüt für die UdSSR, belegt Platz neun im Mehrkampf.

34 Jahre später ist die zierliche, nur 1,53 Meter große Turnerin wieder beim Weltcup in der Lausitz zu Gast - nicht als Trainerin, nicht als Betreuerin oder Kampfrichterin. Die inzwischen 47-Jährige, mit 17 (!) Erfolgen Rekord-Siegerin in Cottbus, steht erneut im Finale der Top 8 im Sprung.

Oksana Chusovitina beim 26. Turnier der Meister im Jahr 2002. | Quelle: IMAGO / Schreyer

Ausnahme-Turnerin und Inspiration

"Heute habe ich leichte Sprünge gemacht. Im Finale probiere ich schwere Sprünge", sagt eine entspannte Oksana Chusovitina nach ihrer Qualifikation am Donnerstag. Für einen Überschlag-Strecksalto mit halber Drehung und einen Tsukahara mit ganzer Schraube erhält die Olympiasiegerin von 1992 12,866 Punkte und belegt Platz drei. Tagesbeste in der Qualifikation wird Manila Esposito (13,383 Punkte). Die Spanierin ist 16 Jahre jung.

In einer Disziplin, in der vor allem junge Mädchen das Bild ihrer Sportart prägten und prägen, ist Oksana Chusovitina eine absolute Ausnahme. Während die meisten weiblichen Turn-Karrieren spätestens im Alter von Mitte bis Ende 20 vorbei sind, ist die Usbekin immer noch dabei - obwohl sie oft mehr als doppelt so alt wie ihre Konkurrentinnen ist. Für die einen ist sie deshalb die "Turn-Oma", für die meisten aber die "Grand Dame" des Turnsports - für alle aber Inspiration und Vorbild. Auch weil sie in ihrer Spezialdisziplin, dem Sprung, immer noch absolut konkurrenzfähig ist.

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Olympia-Qualifikation als Ziel

Eigentlich hatte sich Chusovitina unter großem Applaus bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio von der internationalen Bühne verabschiedet - es waren ihre achten Spiele in Folge seit dem Gewinn der Goldmedaille 1992. Vor zwei Jahren in Japan verpasste sie das Finale. Ohne Medaille wollte sie aber nicht abtreten und fand schnell mit den Asien-Spielen 2022 ein nächstes Ziel - hier machte ihr aber Corona einen Strich durch die Rechnung.

Also nahm Chusovitina ihre neunte Olympia-Teilnahme 2024 in Paris in Angriff. "Wir sind Frauen - heute sagen wir so, morgen so. Ich habe einfach gefühlt, es ist noch nicht zu Ende. Warum sollte ich es nicht probieren?", fragt Chusovitina, die von 2006 bis 2012 aufgrund einer Leukämie-Erkrankung ihres Sohnes in Deutschland lebte und für den Deutschen Turner-Bund startete. Sohn Alisher ist inzwischen gesund. "Er lebt jetzt in Köln, studiert und will Lehrer werden. Ich besuche ihn ab und zu", erzählt Oksana Chusovitina in gutem Deutsch.

Die Steffi Graf Usbekistans

Bei ihrem internationalen Comeback vor einem Jahr beim Weltcup in Doha holte sich Chusovitina, nach der fünf Elemente im Code de Pointage (den Wertungsvorschriften) benannt sind, gleich den Sieg und wies die teilweise über 30 Jahre jüngere Konkurrenz wieder einmal in die Schranken. Das gleiche plant sie in Cottbus. "Das Turnier der Meister ist der Anfang der Saison und mein erster Wettkampf. Ich möchte sehen, wie es geht und was geht", sagt Chusovitina, die mit einem Top-Ergebnis auch einen ersten kleinen Schritt nach Paris machen könnte.

Das Reglement macht möglich, dass sich jeweils drei Gerät-Spezialisten für Olympia 2024 qualifizieren - und das will die Usbekin am Sprung schaffen. Ob danach Schluss ist? "Ich sage jetzt nichts - erst nach Olympia", so Chusovitina, die in ihrer Heimat Buchara im September eine Turntalentschule ("Oksana Chusovitina School of Gymnastics") für 165 Kinder eröffnen wird - mit großer Unterstützung der Regierung. In dem zentral-asiatischen Staat hat Chusovitina einen Status wie hierzulande eine Steffi Graf oder Henry Maske.

"Jeder Wettkampf und jede Medaille ist für mich wichtig"

Konkrete Erinnerungen an ihr Debüt vor 34 Jahren beim Turnier der Meister - damals noch in der Stadthalle - hat Oksana Chusovitina nicht mehr. Sie war 14. Das Jahr hat sie allerdings sofort parat. "Ich war damals sehr jung und habe das alles noch nicht richtig verstanden. Was ich aber weiß: Ich hatte auch damals hier schon Spaß und eine gute Zeit und habe mir die vielen anderen guten Turnerinnen genau angesehen", erzählt Oksana Chusovitina.

Neben Platz neun im Mehrkampf schaffte sie damals als Zweite am Boden auch gleich erstmals den Sprung auf das Podium. "Jeder Wettkampf und jede Medaille ist für mich wichtig. Für jede Medaille habe ich gearbeitet", schwärmt sie und lüftet dann ein wenig das Geheimnis um ihre lange Karriere und ihren Erfolg: "Ich habe einfach Spaß. Ich liebe diesen Sport - ich muss nicht mehr, aber ich kann." Und das auch mit 47 Jahren immer noch besser als viele deutlich Jüngere.

Sendung: rbb24, 24.02.2023, 18 Uhr

Beitrag von Thomas Juschus

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