Symbolbild: Eine junge Mutter arbeitet mit ihrem Kleinkind am Tisch im Homeoffice. (Quelle: imago images/D. Ingold)
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Sendung: Inforadio | Franziska Ritter | Bild: imago images/D. Ingold

Führungsjobs in Teilzeitarbeit - "Mit 30 Stunden die Woche war ich raus"

Wer einen Führungsposten in Teilzeit sucht, hat schlechte Karten. Die meisten Unternehmen bevorzugen Bewerber, die 40 Stunden die Woche oder mehr verfügbar sind. Frauen fallen da schnell heraus. Franziska Ritter mit einem Beispiel aus Berlin.

Insa Müller-Kaempffer arbeitet schon mehr als 20 Jahre in ihrem Beruf. Sie hat eine Weiterbildung zur Steuerfachwirtin absolviert, Teams geleitet und Erfahrung als Führungskraft. Zuletzt war sie Head of Finance in einem Startup, wie es in der Branche heißt - also an oberster Stelle für Controlling und Budget des Unternehmens zuständig. Doch bewirbt sich die Berlinerin auf freie Stellen, kriegt sie meistens Absagen.

Woran es liegt? Daran, dass sie nur 30 Stunden die Woche arbeiten kann und will, vermutet die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. "Ich kann natürlich immer nur spekulieren, ob es andere Bewerber mit ähnlichen Qualifikationen gibt, die 40 Stunden Kapazität haben", betont sie. "Aber in Gesprächen habe ich oft herausgehört, dass die 30 Stunden zumindest im Management nicht als ausreichend empfunden werden." Die Auskunft bekommt sie auch von Personalagenturen: Die nehmen sie mit Teilzeit gar nicht erst in ihren Pool der Stellensuchenden auf.

Teilzeit bremst die Karriere

Führungsposten werden in deutschen Unternehmen kaum in Teilzeit angeboten, bestätigt Aline Zucco, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Hans-Böckler-Stiftung arbeitet. Studien dazu - die aktuellen Ergebnisse stammen aus dem Jahr 2015 - zeigen: Im Schnitt sind hierzulande gerade einmal elf Prozent der Führungskräfte in Teilzeit beschäftigt. Im Topmanagement fällt der Anteil noch geringer aus. Teilzeitarbeit bremst die Karrierechancen und betrifft vor allem Frauen, die sich neben der Arbeit noch um Kinder oder Angehörige kümmern.
Das wirkt sich natürlich auch auf die Einkommenslücke zwischen den Geschlechtern aus. "Ein großer Teil dieser Lücke ist darauf zurückzuführen, dass Männer und Frauen in unterschiedlichen Berufen arbeiten", sagt Aline Zucco. Aber auch innerhalb der Berufe sieht die Wissenschaft noch einen Gender Pay Gap. "Das liegt daran, dass Männer in höhere Positionen kommen und Frauen eben nicht. Wenn wir die Einkommenslücke reduzieren wollen, müssen wir dafür sorgen, dass es für Frauen möglich ist Führungspositionen in Teilzeit auszuüben", mahnt die Wissenschaftlerin.

Zwei Teilzeitkräfte für eine Stelle?

Ein Posten im Management bringt viel Verantwortung mit sich, dessen ist sich Insa Müller-Kaempffer aus Berlin bewusst. "Ich möchte für das Unternehmen da sein und nicht den Stift um 15:30 Uhr fallen lassen. Aber ich will mich so organisieren können, dass solch eine Stelle auch mit 30 Stunden möglich ist." In Bewerbungsgesprächen wirbt sie offen dafür, personelle Unterstützung durch Kollegen zu bekommen und sich ein Team aufzubauen.
Aline Zucco von der Hans-Böckler-Stiftung plädiert für ein Arbeitszeitmodell, das aus den USA stammt: Jobsharing. Das bedeutet, dass sich zwei Teilzeitkräfte eine Stelle teilen. Bei Doppelspitzen auf Führungsebene spricht man von Top-Sharing. "Es zeigt sich tatsächlich, dass das gut funktioniert und zwei Teilzeitstellen mehr schaffen als eine Vollzeitstelle", so die Wissenschaftlerin. Doch in Deutschland stehen bislang nur wenige Unternehmen dem Modell offen gegenüber.

40 Stunden vs. 30 Stunden

Nach all den Absagen hat Insa Müller-Kaempffer einmal das Experiment unternommen sich mit einem Freund auf die gleiche Stellenausschreibung zu bewerben. Er, Vollzeit verfügbar, bekam den Job angeboten – samt Firmenwagen, der Option tageweise im Home Office zu arbeiten und einem üppigen Gehalt. Und sie? "Ich war schon nach dem ersten Gespräch raus, obwohl ich mit meiner Ausbildung und meiner Berufserfahrung besser für den Job qualifiziert war als er", sagt die Berlinerin ernüchtert. Insa Müller-Kaempffer bewirbt sich weiter und hofft irgendwann ein Unternehmen zu finden, dass ihr auch als Teilzeitkraft einen Führungsposten zutraut.

Beitrag von Franziska Ritter

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7 Kommentare

  1. 7.

    Sollte man sich vorher überlegen mit welchen Wehwehchen man zu Teilzeit wechselt.
    Wer 40 Stunden mind. 45 Jahre gearbeitet hat, nur der hat die Rente tatsächlich verdient. Schluss mit der Rosinenpickerei.

  2. 6.

    Das betrifft nicht nur die Führungspositionen, sondern auch die "Specialists", die besondere Fachkenntnisse und Erfahrungen für Schlüsselstellen mitbringen sollen. Für weniger als Vollzeit werden solche Stellen gar nicht erst ausgeschrieben.

  3. 5.

    Leider kann ich die Argumentation der Unternehmen verstehen. Als ehemalige kommissarische Führungskraft in Teilzeit mit zwei kleinen Kindern musste ich feststellen, dass mir eine kontinuierliche Leitung kaum oder nur schwer möglich war. Warum?
    Krippen- bzw. Kita-Betreuung endet (verständlicherweise) da, wo die vielen Krankheiten des Nachwuchses anfangen. Magen-Darm-Virus, etliche Bindehautentzündungen, Fieber (wie oft da Anrufe am Vormittag mit der Bitte ums Abholen kamen, obwohl das Kind morgens noch munter und fieberfrei war). Wenn da keine Oma/Opa in Rente oder andere Familienmitglieder mit Freizeit tagsüber an Werktagen zur Verfügung stehen, klappt’s einfach nicht. Da geht der Vollzeitler der Familie dann eher weiter arbeiten. Für die Mitarbeiter ist es eine Zumutung, wenn man häufig früh gehen muss oder gar nicht kommen kann. Und die Tagesbetreuung kann ebenfalls verständlicherweise die gesunden Kinder nicht gefährden, muss also anrufen.

  4. 4.

    Der Artikel geht in der Tonart an der Problematik vorbei. Es ist für Frauen nichts gewonnen, wenn, wie im Artikel geschrieben ("...müssen wir dafür sorgen, dass es für Frauen möglich ist Führungspositionen in Teilzeit auszuüben."), eine Sonderbehandlung für sie gefordert wird. Paaren muss einfach klar sein, dass beide ggf. reduzieren oder auch voll arbeiten. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass das automatisch für Frauen sei. Jede Besserstellung, ob von Frauen, Ausländern, Behinderten usw., zementiert zwangsläufig ggf. existierende Benachteiligungen. Ist meine Erfahrung, aber ich bin auch nicht aus dem Landesteil, in dem 1990 verheiratete Frauen gerade erst seit 13 Jahren ohne Erlaubnis ihres Gatten arbeiten durften :-). In meinem Umfeld (Ost und West, i. A. zwischen 40 und 50) ist sowas jedenfalls kein Thema, da ist alles querbeet und ziemlich gleichmäßig zwischen Männern und Frauen verteilt - Arbeitszeit, Führungspositionen, Gehaltshöhe, usw.

  5. 3.

    Das ist so nicht richtig!! 1. ist die Frau alleinerziehend, warum auch immer, und 2. steht im Artikel auch, daß sie nicht mehr als 30 Stunden arbeiten will. Gleichzeitig fordert sie das Gleiche, wie wenn sie vollzeit arbeitete. Das paßt nun mal nicht zusammen und hat auch nichts mit Gleichstellung im eigentlichen Sinne zu tun.

  6. 2.

    Das ist leider heute noch so wie vor 40 Jahre als ich versuchte im Job zurück zu kommen in Teilzeit. War nicht's zu machen. Mit Kindern ist man in der deutschen Gesellschaft gebrandmarkt und da kann Frau Giffey noch so schön reden. Die Tatsache sieht so aus wie der Bericht es beschreibt.
    Ich drücke der Frau Insa Müller-Kaempffer ganz doll die Daumen dass es doch noch klappt

  7. 1.

    Dieses Thema ist leider nicht von der Hand zu weisen. Hier wäre eine wirklich bessere Gleichbehandlung gewünscht. Jedoch sehe ich auch die Problematik der Unternehmen und gerade in der Führungsebene lässt sich eine konstante und verfügbare Leitung nicht Einfach ersetzten. Eventuell sollte die Kinderbetreuung nochmals gestärkt werden oder andere Lösungen erdacht werden.

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