Saisonbeginn am Hans Otto Theater - Und ewig leuchten die Birken

Sa 17.09.22 | 11:26 Uhr
Hans Otto Theater: Kinder der Sonne © Thomas M. Jauk
Thomas M. Jauk
Audio: rbb Kultur | 18.09.22 | Barbara Behrendt | Bild: Thomas M. Jauk Download (mp3, 7 MB)

Maxim Gorkis Stück "Kinder der Sonne" bietet eine Steilvorlage für Pandemie-Zeiten. Bettina Jahnkes zeitlose Inszenierung löst allerdings nur Achselzucken aus. Von Barbara Behrendt

Draußen tobt die Cholera-Epidemie – drinnen sitzt die Elite, geht der Kunst nach, der Wissenschaft und der Selbstfindung und schottet sich vom Aufstand der Proletarier ab. Kommt einem bekannt vor.

Maxim Gorki hat seine "Kinder der Sonne" zwar schon 1905 geschrieben, doch in Corona-Zeiten bietet es eine Steilvorlage für die Bühne. Bettina Jahnke, die Intendantin des Hans Otto Theaters, zugleich die Regisseurin des Abends, hat keinerlei Aktualisierungen vorgenommen. Weder, was den Text, noch, was die Bühne angeht. Genau so hätte man das Stück auch vor 40 Jahren aufführen können.

Was nichts Schlechtes sein muss. Allgemeingültigkeit ist gut und das Stück wirkt in seinem Thema aktuell genug. Viel zu viele Regisseur:innen meinen, die Zuschauer:innen könnten den Transfer in die Gegenwart nicht selber leisten – hier wird er einem abverlangt. Problematisch wird der Abend erst durch seine so im Ungefähren und auf Distanz bleibenden Figuren. Weder intellektuell noch emotional lässt sich an sie andocken.

Alles spielt sich im Haus des Wissenschaftlers Protassow ab. Er lebt mit seiner Frau Jelena und deren Schwester Lisa ganz ungerührt und wohl behütet von den Konflikten in der Welt. Jelena lässt sich von einem Maler umschwärmen, Lisa ist in den Tierarzt Boris verliebt. Letzteres beruht auf Gegenseitigkeit – doch weil Lisa an einer Nervenkrankheit leidet, möchte sie sich Boris nicht zumuten und reitet sich und ihn völlig unnötig in die Katastrophe.

Boris' Schwesters Liebe für den Wissenschaftler dagegen ist gänzlich einseitig. Sie alle sind umgeben von Bediensteten und verrohten Handwerkern, der Schlosser Jegor etwa ist Alkoholiker und verdrischt regelmäßig seine Frau.

Es ist also kein leichtes Stück: Maxim Gorki konnte sich zum einen nicht recht entscheiden, ob er ein Sozialdrama erzählen möchte oder eine Beziehungskomödie; zum anderen wartet er nicht mit Sympathieträgern auf.

Egozentriker, Weltschmerz und Verbitterung

Der egozentrische Wissenschaftler lebt im Elfenbeinturm und blickt menschlich so überhaupt nicht durch – erst als seine Verehrerin ihn abküsst, sinniert er, ob sie etwa mehr wollen könnte als eine Freundschaft. Seine Frau hat sich frustriert mit ihrem Leben abgefunden. Ihre Schwester versinkt im Weltschmerz. Doch auch die arbeitende Schicht taugt nicht zur Identifikation: harte, zum Teil verschlagene, bittere Leute sind das.

Man muss also, wenn man dieses Stück inszenieren möchte, eine Schneise schlagen, zuspitzen, sich beherzt fürs Sozialdrama oder die Komödie entscheiden. Doch für diese Inszenierung passt das oft gebrauchte Wort "unentschieden" perfekt.

Auf der Bühne recken sich tatsächlich die obligatorischen weiß leuchtenden russischen Birken in den Himmel. Dazwischen stehen weiße Holztische, ein Stahlgitter mit ein paar Fensterscheiben dient als eine Art Raumteiler – das Bühnenbild wirkt wie ein Zitat der großen Tschechow-Inszenierungen in den 1970er und 1980er Jahre in Berlin.

Große, aber affektierte Emotionen

Hier spult das Geschehen zunächst reichlich bräsig ab. Die Elite beschreibt sich mit viel Ignoranz und Arroganz als die titelgebenden "Kinder der Sonne", die reinen Herzens zum Licht streben. Das Proletariat kanzelt diese Privilegierten als "abgestorbene Zellen des gesellschaftlichen Organismus" ab.

Von Liebe und Verzweiflung ist oft die Rede, doch die Emotionen, die auf der Bühne groß ausagiert werden, wirken affektiert. Kristin Muthwill als Ehefrau Jelena findet noch die meisten Zwischentöne. Eine pathetische, bedeutungsschwangere Klaviermusik unterteilt die getragenen Szenen.

Nach der Pause kommt etwas mehr Komik und Spannung auf. Schon bei Gorki stürmt "das Volk" das Haus des Wissenschaftlers: Er habe die Epidemie erfunden, um mit seiner Medizin Geld zu verdienen – welche Parallele zu heutigen Verschwörungsmythen!

In Potsdam hebt sich für diese Szene der Eiserne Vorhang und eine schwarze Meute (Mitglieder der Bürgerbühne) tritt Trommeln schlagend nach vorn. Mit Pistolen und Würgegriffen wird nun der große Showdown geprobt.

Der Hass treibt die Menschen immer weiter auseinander, soll das zeigen. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich. Das ist zwar allgemein bekannt, trotzdem eine legitime Zustandsbeschreibung – wenn sie einen denn packen würde.

Doch die Figuren und ihr äußerliches Spiel, die fehlende Zuspitzung und Interpretation halten auf Distanz. In der Pause wird ein bisschen Wein getrunken, am Ende ein bisschen geklatscht, das war's mit der Revolution.

Sendung: rbb Kultur, 18.09.22, 07:45 Uhr

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