Qualzuchten und Fehlhaltung - Das harte Los der Corona-Tiere

Di 19.03.24 | 06:10 Uhr | Von Margarethe Neubauer
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Eine Faltohrkatze Scottish Fold im März 2024 im Tierheim Falkenberg. (Quelle: rbb/Margarethe Neubauer)
Bild: rbb/Margarethe Neubauer

Entzündete Schlappohren, verformte Pfoten - im Tierheim Berlin landen zunehmend Tiere mit schweren gesundheitlichen Leiden. Auch die Psyche vieler Neuankömmlinge ist angeknackst. Nun zeigen sich die Folgen der Corona-Haustierkäufe auf dramatische Weise. Von Margarethe Neubauer

Mit beiden Armen trägt Tierpflegerin Celine Knörnschild eine Plastikkiste, randvoll mit Spänen und bunten Salatblättern. Hades und Megara erwarten sie schon. Die Widderkaninchen sind gerade im Katzenhaus zu Gast, denn die Station für die Nager ist voll belegt. "Die Flut an Kaninchen reißt nicht ab. Wir bekommen täglich Fundtiere, Tiere aus Sicherstellungen, Verwahrungen. Aus Platzmangel bringen wir sie jetzt hier unter, aber für die Katzen ist das natürlich Stress", sagt Celine Knörnschild, die sich vor allem um Mutterkatzen und Reha-Patienten kümmert.

Erst vor ein paar Tagen wurden 19 Kaninchen in das Tierheim in Berlin-Lichtenberg eingeliefert, sichergestellt in einer Einraumwohnung in Marzahn. Dort saßen die Nager dicht gedrängt im eigenen Kot. Insgesamt sind derzeit 1.300 Tiere auf dem Gelände des Tierheims untergebracht. Und der Andrang ist weiterhin groß. "Bei den Hunden zum Beispiel können wir keine Privatabgaben mehr annehmen", sagt Pressesprecherin Beate Kaminski. Rund 100 Hunde stünden zur Abgabe auf der Warteliste. "Das habe ich so noch nicht erlebt."

Illegaler Welpenhandel ist großes Problem

Seit etwa anderthalb Jahren hat sich die Situation im Tierheim verschärft. Die Tiere, die dort ankommen, sind oft krank oder verhaltensauffällig. Ein Problem: der illegale Welpenhandel. "In der Corona-Pandemie wurden viele kranke Tiere über das Internet vermittelt. Für die Besitzer kam dann die böse Überraschung", sagt Kaminski.

Auch werde es den Käufern zum Verhängnis, wenn sie ihr Haustier vor allem nach optischen Kriterien auswählen, sagt die Tierheim-Sprecherin. "Wenn ich als Laie nicht Bescheid weiß, habe ich dann einen Herdenschutzhund. Und der ist für die Zweiraumwohnung im vierten Stock ohne Aufzug natürlich nicht geeignet." Und landet dann etwa im Tierheim.

Tierpflegerin Nadine Lüdtke arbeitet am 15.03.2024 auf der ausgelasteten Kaninchenstation im Tierheim Falkenberg. (Quelle: rbb/Margarethe Neubauer)Tierpflegerin Nadine Lüdtke bei der Versorgung von Kaninchen im Berliner Tierheim

"Viele Tiere bleiben sehr lange hier"

Im Kaninchenhaus trägt Pflegerin Nadine Lüdtke Transportboxen aus der Krankenstation herein. "Ein gesundes Paar haben wir hier nicht", sagt sie mit Blick in die Gehege. "Die Leute haben sich zur Corona-Zeit Tiere angeschafft und den Aufwand unterschätzt: Man muss Kaninchen zu zweit halten, auf mindestens 2,5-Quadratmetern, mit sechs Stunden Auslauf täglich. Und dann kommen noch die Tierarzt-Kosten hinzu." Insbesondere die wegen ihrer Schlappohren beliebten Widderkaninchen seien anfällig für Krankheiten: entzündete Ohren, Zahnfehlstellungen. Und das geht ins Geld. Erst für die Besitzer, nun für das Tierheim.

Auch Hades, der flauschige weiße Widder mit den bodenlangen Ohren, hat eine krankhaft abstehende Pfote und Zahnprobleme. Qualzüchtungen wie er werden besonders häufig im Tierheim abgegeben oder ausgesetzt, weil sie ihren Haltern zur Last werden. Ähnlich ist es bei den sogenannten Faltohrkatzen, die zwar niedlich aussehen, aber zu Gendefekten neigen. Für das Tierheim ist der Aufwand enorm, auch weil sich die Tiere schlecht vermitteln lassen. "Gerade ist das Problem, dass viele Tiere sehr lange hierbleiben", sagt Beate Kaminski. "Die Langzeitversorgung ist natürlich aufwendiger, weil wir gucken müssen, wie wir den Tieren gerecht werden können."

Tierpflegerin Celine Knörnschild am 15. März 2024 im Tierheim Falkenberg. (Quelle: rbb/Margarethe Neubauer)Tierpflegerin Celine Knörschild

Die Katzen sind früh dran

Rund zehn Millionen Euro kostet der Betrieb des Tierheims pro Jahr. Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich durch Spenden, Mitgliedschaften, Nachlässe. Das Land Berlin gibt drei Millionen Euro dazu. Aber das Tierheim brauche mehr Unterstützung, so Sprecherin Kaminski. Etwa in Form einer Pauschale von einem Euro pro Einwohner, die das Land zahlen könnte. "Schließlich sorgen wir dafür, dass es in Berlin nicht so aussieht wie in Rumänien." Zu Präventionszwecken kümmert sich das Tierheim um die Kastration wildlebender Katzen. Eigentlich sind auch Halter verpflichtet, ihre freilaufenden Katzen zu kastrieren. Doch die Realität sieht anders aus.

Im Katzenhaus bereitet Pflegerin Celine Knörnschild die Futterschälchen vor. Tabletten für Diabetiker Mäxchen und die frisch operierte Bicky, Extra-Trockenfutter für die Faltohrkatzen. Noch schafft sie ihr Pensum auf der Reha- und Mutter-Kind-Station. Aber die kommenden Wochen werden hart. "Wir haben jetzt, Mitte März, einen Stand, den wir sonst von Mitte Juni kennen. Die Mütter mit ihren Babys sind schon da. Im Februar hatten wir über 90 Katzen auf der Krankenstation, das ist komplett ungewöhnlich."

Kaninchen am 15.03.2024 auf der ausgelasteten Kaninchenstation im Tierheim Falkenberg. (Quelle: rbb/Margarethe Neubauer)Kaninchenstation im Berliner Tierheim

"Wir sind wie eine Partnervermittlung"

Interessenten für die Katzenwelpen gibt es immer, bei Vierbeinern mit Auffälligkeiten ist es schwieriger. "Wir haben mehr verhaltensauffällige Katzen, was wir sonst eher von den Hunden kennen. Mehr Katzen, die zubeißen, kratzen, traumatisiert sind. Das macht die Vermittlung schwer", sagt Pflegerin Celine Knörnschild. Etwa 50 hauptberufliche Tierpflegerinnen und Tierpfleger arbeiten im Tierheim Berlin. Unterstützt von 500 Ehrenamtlichen. Die Tierpfleger schätzen auch ein, ob ein Tier zum Interessenten passt.

Die Dialog-Sendung "Wir wollen reden" läuft am Dienstagabend ab 20:15 Uhr im rbb Fernsehen. Es wird um das Tierheim in Berlin-Lichtenberg gehen - und um eine Brache, auf der eigentlich schon seit Jahren 1.200 günstige Mietwohnungen stehen sollten.

"Wir sind im Prinzip wie eine Partnervermittlung", sagt Beate Kaminski. "Eine Frau und ihre Töchter haben zum Beispiel auf unserem Tiktok-Kanal Welpen gesehen. Am Ende sind sie mit einer alten Hündin nach Hause gegangen, die nur ein Auge hatte. Ich will nicht jedem einen alten Hund mitgeben, aber es muss einfach passen." Deshalb gebe es zum Beispiel mit Hunden eine Probewoche. Auch bei Nagetieren werden vorab die Haltungsbedingungen geprüft. Aber nicht immer kommt ein Match fürs Leben zustande.

Gerade haben sich 50 Wellensittiche angekündigt. Wo die Vögel Platz finden werden, ist noch unklar. "Und selbst, wenn der Platz reicht, ist das keine Garantie, dass wir genügend Pfleger haben, um den Tieren gerecht zu werden", sagt Pflegerin Celine Knörnschild. Sie bereitet sich nun auf die Wurfsaison der Katzen vor. Dann wird sie auf jeden Fall eine Stunde eher zur Arbeit kommen.

Sendung: Wir wollen reden, 19.03.2024, 20:15 Uhr

Beitrag von Margarethe Neubauer

45 Kommentare

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  1. 45.

    Aus meiner Sicht haben Sie mit jedem einzelnen Kommentar Recht! Hat Spaß gemacht, mal was Vernünftiges zu lesen:-)!

  2. 44.

    Vielleicht kommen jetzt mal Alle wieder runter. Ein bisschen Recht haben ja alle und auch wenn hdittmars Antwort nicht unbedingt super freundlich rüber kam, ein Angriff sieht dann doch noch mal etwas anders aus.
    Es ist aber gerade im Fall von Haustieren tatsächlich so, dass die Wenigsten die Tiere absichtlich oder fahrlässig quälen. Viele Menschen tun es schlicht aus Unwissenheit und weil viele Unwahrheiten da drauß0en herumgeistern. das kann man am Beispiel von Katzen gut veranschaulichen. Man soll angeblich mindestens zwei davon halten, damit sie sich nicht langweilen. Das ist aber leider falsch bzw. trifft nur auf Kitten zu. Erwachsene Katzen spielen nicht mehr miteinander, zumindest nicht im Normalfall. Im schlimmsten Fall hat man dann zwei Katzen zuhause, die sich zu Tode langweilen. Man muss dann sogar beide Tiere beschäftigen. Wer glaubt, mit einer zweiten Katze seine Aufgaben abgeben zu können, tut beiden Tieren nichts Gutes und quält sie seelisch.

  3. 43.

    Ich fühle mich nicht angegriffen - wie kommen Sie darauf? Ich habe lediglich Lothi verteidigt, den SIE angegriffen haben. Der hat einen uralten Vers zitiert - na und? Wenn Sie bei allem so überempfindlich sind - ein Mops kam in die Küche ... und schlug den Mops zu Brei - dann weiß ich wirklich nicht ...
    Auch wenn nicht alle alten Texte von Kinderliedern/Versen pc sind - Sie können nicht alles verbieten lassen, was nicht gegen das StGB verstößt. Kinder haben wenigstens Humor und verstehen, was ernst gemeint ist und was nicht.

  4. 42.

    Es geht mir nicht um Kinder und wie man sie erzieht, es geht mir um um den Respekt gegenüber der Natur und allen anderen Lebewesen auf dieser Erde. Dafür darf man solche Sprüche durchaus auch mal hinterfragen. Es lesen auch Erwachsene mit. Allerdings: früh übt sich....
    Warum fühlen Sie sich persönlich angegriffen? Habe ich Ihnen vorgeschrieben, wie Sie ihre Kinder erziehen sollen?

  5. 41.

    Das sehe ich auch so, ich denke, der Verkauf von Tieren in "Zoohandlungen" ist nicht mehr zeitgemäß, und sollte dringend, ebenso wie der unsägliche Verkauf auf Online-Portalen, verboten werden.

  6. 40.

    Tatsächlich sind Vögel und die meisten Nagetierarten wie Meerschweinchen Gruppentiere, es gehört zu ihren Grundbedürfnissen, nicht alleine gehalten zu werden. Stellen Sie sich vor, Sie lebten alleine und sehen nie eine einzigen anderen Menschen?

  7. 39.

    Meine Güte - Schmerz reimt sich nun mal gut auf Scherz! Fällt Ihnen was besseres ein, wie man Kindern mit einem Reim beibringen kann, wie sie Tiere behandeln sollen?
    Man muss nicht immer gleich alles auf die Goldwaage legen, um irgendwas zum Kritisieren zu finden!

  8. 38.

    @Lothi
    Selbstverständlich ist mir der Vers geläufig. Nur finde ich den nicht weitgehend genug bis zynisch.
    Es gibt einfach keinen Grund, ein Tier zu quälen. Es nur auf "zum Scherz" zu reduzieren und alle anderen Gründe zuzulassen, ist eben: zynisch.

  9. 37.

    Ist Ihnen dieser Vers nicht so geläufig? Als Kind wurde mir schon früh beigebracht Tiere nicht zu quälen. Schon gar nicht aus Spaß an der Freud. Darunter zählen u.a. auch Kleininsekten.

  10. 36.

    Das weiß ich doch, dass manche Kurzschnauzen aus Tierheimen sein können. Deshalb schrieb ich "Wer Qualzucht durch Nachfrage fördert" und ich verurteile deswegen auch nicht per se alle Halter von solchen qualgezüchteten Rassen.

  11. 35.

    Das stimmt schon, Käufer von Qualzuchttieren sollten zur Kasse gebeten werden können. Es gibt aber oft Leute, die solche Tiere, sozusagen Second Hand aus dem Tierschutz oder Tierheim übernehmen, wo sie von ihren ignoranten Erwerbern abgeliefert wurden. Also nicht jeder Halter eines Mopses oder einer Faltohrkatze muss ein Tierquäler sein!

    Ansonsten ist der Umgang von Menschen mit Tieren manchmal erschreckend. Ich muss zugeben, dass ich anlässlich Corona mir auch Katzen aus dem Tierschutz geholt habe, allerdings nicht ohne mir vorher Gedanken darüber zu machen, was das bedeutet. Erschreckend, fand ich, dass ich oft gefragt wurde, ob ich die Tiere nach dem Ende des Lockdown wieder weggeben würde, da ich doch so gern verreise… Himmel! Das sind doch keine Wegwerftiere!

  12. 34.

    @Lothi: Ich reduziere mal auf: Quäle niemals ein Tier.
    Weder zum Scherz (dafür schon mal gar nicht) noch aus anderem Grund.

  13. 33.

    Tja - und dann war da noch die Ausgangssperre und der "Alibihund".
    https://www.rbb24.de/politik/thema/2020/coronavirus/beitraege/ausgangsbeschraenkung-kontaktverbot-berlin-was-ist-erlaubt.html
    ... und wenn ich mich recht erinnere, wurden sogar Katzen "Gassi" geführt.

  14. 32.

    Ach Gottchen mir kommen die Tränen. Echt ey! Tiere sind zum Essen da.

  15. 31.

    Sehr aufmerksam !
    Sie bekommt laktosefreie Milch oder Katzenmilch .

  16. 30.

    Was besseres konnte nicht passieren, als die Tierarztgebühren nach >20 Jahren anzuheben. Und es ist absolut richtig, dass Tierärzte für die Behandlung von Tieren aus Qualzuchten das 2-3-fache berechnen dürfen. Wer Qualzucht durch Nachfrage fördert, soll auch für Tierquälerei zur Kasse gebeten werden!
    Qualzucht und illegaler Tierhandel muss endlich aufhören. "Statt nem Gucci-Täschchen kauf ich mir ne Franözische Bulldogge oder einen Mops" hat nichts mit Tierliebe und schon gar nichts mit Tierschutz zu tun!

  17. 29.

    Wenn Sie befürchten, eine neue Katze nicht auf Dauer versorgen zu können - Freigänger sollten in verkehrsreichen Gegenden sws nicht gehalten werden - melden Sie sich auf nebenan.de an. Auf diesem Nachbarschaftsportal suchen öfter Leute temporäre Betreuung sowohl für Katzen, als auch für Hunde.
    Jemand auf diese Weise zu unterstützen ist auf alle Fälle besser, als die illegale Tiervermehrung zu fördern.

  18. 28.

    An deiner Stelle würde ich mir auf Jedenfalls eine neue Katze holen, so schenkst du ihr ein paar schöne Jahre und sie wird es dir Sicher Danken.

  19. 26.

    Seit die Tierarztkosten vorletztes Jahr so stark angehoben wurden, bekomme ich jedesmal Schnappatmung wenn ich mit den Widderkaninchen meines Kindes beim Arzt bin. Und letzteres passiert immer öfter. Beide aus unterschiedlicher Herkunft, haben Zahnfehlstellungen, Ohrenprobleme, uvm Was wir die letzten Jahre an Behandlungskosten hatten, geht inzw in 4 stellige Bereiche. Ich kann verstehen, dass Leute, die vermeintlich gesunde Tiere gekauft haben, an ihre Grenzen kommen.

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