Interview | Ex-Hertha-Spieler Änis Ben-Hatira über den tunesischen Fußball - "Das muss man erlebt haben, um es zu verstehen"

Sa 24.09.22 | 13:15 Uhr
Der gebürtige Berliner und Ex-Herthaner Änis Ben-Hatira auf einer Pressekonferenz (imago images/Matthias Koch)
Bild: imago images/Matthias Koch

Letzte Saison kämpfte er noch mit dem BAK in der Regionalliga um den Aufstieg, jetzt spielt er mit dem tunesischen Klub US Monastir in der afrikanischen Champions League. Änis Ben-Hatira spricht im Interview über die neue Heimat, Abenteuer und Hertha BSC.

rbb: Herr Ben-Hatira, haben Sie sich in Tunesien schon gut eingelebt?

Änis Ben-Hatira: Ich kenne das Land, seitdem ich klein bin. Jedes Jahr haben meine Eltern das Geld zusammengekratzt, um dort bei der Familie Urlaub zu machen. Ich kenne die Mentalität, die Kultur und die Sprache. Aber wenn man hier ist, und es um das Geschäft und den Fußball geht, dann braucht man natürlich ein paar Tage, um sich an die Umstellung zu gewöhnen.

Zur Person

Änis Ben-Hatira jubelt im Hertha-Trikot (imago images/Eibner)
imago images/Eibner

Änis Ben-Hatira

Ben-Hatira wurde 1988 in Berlin geboren und machte seine ersten Fußball-Erfahrungen beim BSC Reinickendorf.

2009 wurde er mit der deutschen U21-Nationalmannschaft Europameister, bestritt über 100 Bundesliga-Partien - unter anderem von 2011 bis 2016 für Hertha BSC - und war tunesischer Nationalspieler.

2017 endete seine Bundesliga-Karriere bei Darmstadt 98, nachdem er für eine Organisation Werbung machte, die von Verfassungsschutzbehörden als salafistisch eingestuft wurde.

Seitdem spielte Ben-Hatira in der Türkei, Tunesien, Ungarn, Griechenland und zuletzt in der Regionalliga Nordost beim Berliner AK.

Wie unterscheidet sich ihr Leben in Monastir von dem in Berlin?

Ich bin in einem komplett anderen Land. Das fängt schon mit dem Wetter und dem Meer an. Am Ende des Tages bin ich dort, um Fußball zu spielen. Ich genieße es aber aufgrund der Bedingungen mehr. Was das Sportliche betrifft, geht es hier härter und rustikaler als in der Bundesliga zu. Das ist für mich anstrengender als in Deutschland. Auch die Leidenschaft und die Passion für Fußball ist in der Bevölkerung unfassbar groß. Tunesien hat in Folge der Revolution immer noch wirtschaftlich eine schwierige Zeit und viele sind unzufrieden. Da ist der Sport eine gute Ablenkung und es wird die ganze Leidenschaft und Liebe reingesteckt. Das muss man erlebt haben, um es zu verstehen.

Sie sind gebürtiger Berliner und haben große Teile Ihres Lebens in der Hauptstadt verbracht. Vermissen sie die alte Heimat auch ein bisschen?

Ich habe die letzten Monate viel Zeit in Berlin verbracht, mich beim BAK fitgehalten und die Luft der Stadt geschnuppert. Aber jetzt, wo es kälter wird, bin ich auch froh, dass ich wieder nach Tunesien fliegen kann. Berlin bleibt natürlich meine Heimat und mein Zuhause. Noch vermisse ich es nicht so sehr, aber wenn ich dann länger weg bin, wird das bestimmt anders sein.

Wie kam es zu Ihrem Wechsel nach Tunesien?

Ich war dort schon einmal bei einem großen Klub. Esperance Tunis ist in Afrika so etwas wie Real Madrid. Und auch durch die Nationalmannschaft hatte ich immer eine Bindung nach Tunesien und genieße dort einen sehr hohen Stellenwert. Ich wurde mit offenen Armen empfangen. Eigentlich war es anders geplant und ich wollte nach Österreich zum SCR Altach wechseln, wo Miroslav Klose Trainer ist. Das scheiterte aber an der Ausländerreglung, weil dort nicht mehr als sieben Nicht-Österreicher spielen dürfen und diese Plätze im Team noch belegt waren. Miroslav wollte mich unbedingt, aber das hat sich dann sehr lange gezogen und die Zeit lief davon. Als ich in Tunesien war, um meine Mutter zu besuchen, habe ich mich spontan mit dem Präsidenten meines jetzigen Vereins getroffen und das Gespräch hat mir sehr gut gefallen. Bei Monastir fühle ich mich wohl und habe auch eine Perspektive. Ich bin immer noch mit Miroslav in Kontakt und vielleicht klappt es ja zu einem späteren Zeitpunkt.

Beim Berliner AK hatten Sie in der Regionalliga letzte Saison große Ziele und wollten aufsteigen. Was ist schiefgelaufen?

Ich mag den Begriff "schiefgelaufen" nicht. Ich glaube, der Kader in der letzten Saison hatte eine Qualität, die es so vorher in der Regionalliga noch nicht gab und ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass wir aufsteigen. Ich bin dann in einer unruhigen Phase dazugekommen, in der es auch einen Trainerwechsel gab. Und da hatte der BAK schon ein paar Niederlagen in der Rückrunde kassiert und war in einer Negativspirale. Es ist nicht so einfach, da wieder rauszukommen. Irgendwann haben wir uns dann gefangen und unseren Rhythmus gefunden, aber leider war es dann schon zu spät. Trotzdem habe ich meine Zeit dort sehr genossen und die haben sich wirklich gut um mich gekümmert.

In der neuen Saison läuft es für den BAK bisher richtig gut. Nach sechs Spieltagen stehen sie an der Tabellenspitze. Verfolgen Sie das Geschehen in der Regionalliga noch?

Ja, ich habe noch gute Freunde im Team und tausche mich mit denen aus. Ich freue mich sehr für sie. Gerade weil sie von der individuellen Qualität nicht so stark besetzt sind, wie im letzten Jahr und viele junge Spieler dazu geholt haben. Und sie haben an dem Trainer festgehalten und damit Kontinuität und Stabilität reingebracht. Aber das wird in der Liga nicht einfach. Letztes Jahr hat der BAK auch gut angefangen. Jetzt gilt es, das Niveau zu halten. Für Berlin wäre das eine gute Sache, weil der Verein ein großes Potenzial vom Standort, Image und dem multikulturellen Aspekt hat.

Für Sie ging es aus der Regionalliga in die afrikanische Champions League. War das sportlich ein großer Schritt nach oben?

Selbstverständlich. Wir Europäer haben immer nur den europäischen Fußball und die Top-Ligen im Blick und können deshalb nur schwer einschätzen, wie hoch die Qualität in Afrika ist. Und Tunesien hat eine der besten Ligen des Kontinents. Das merkt man auch bei den internationalen Spielen in der CAF. Für mich ist das ein riesiger Sprung, um wieder auf höchster Profi-Ebene zu spielen.

Im Rahmen der CAF gibt es auch die ein oder andere aufregende Reise über den Kontinent. Zuletzt flogen Sie mit Ihrer Mannschaft in einem Militärflugzeug nach Ruanda. War das auch ein kleines Abenteuer?

Nicht nur ein kleines. Wenn man in Afrika unterwegs ist, versteht man viel besser, wie der Kontinent historisch und politisch vom Westen ausgebeutet worden ist. Von Ruanda war ich sehr positiv überrascht. Nach dem Bürgerkrieg gehört es mittlerweile zu den sichersten Ländern Afrikas und das merkt man auch. Alles ist neu und extrem modern. Es hatte sich dann so ergeben, dass wir zehn Stunden über Nacht geflogen sind, um die Zeit zum Schlafen zu nutzen. Da gab es keinen Linienflug. Es war auf jeden Fall ein großes Abenteuer und ein bisschen wie eine Klassenfahrt. Auch, wenn ich ein mulmiges Gefühl am Anfang hatte, weil es in dem Militärflugzeug aussieht, wie im Film und überall Kabel raushängen. Trotzdem habe ich überwiegend schlafen können.

Mit diesem Militärflugzeug flogen Ben-Hatira und seine Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Ruanda (Instagram/a.b.h.10)Mit diesem Militärflugzeug flogen Ben-Hatira und seine Mannschaft zum Auswärtsspiel nach Ruanda | Bild: Instagram/a.b.h.10

Was sind Ihre Ziele mit Monastir?

Wir wollen so erfolgreich wie möglich sein. Der Verein hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und hat einen guten Präsidenten. Wir sind immer noch in einer Findungsphase, haben aber den ersten Schritt in der CAF gemacht und es stehen uns jetzt zwei großes Spiel gegen Al Ahly Kairo bevor. Die gehören zu den größten Vereinen in Afrika liegen vom Budget und der Professionalität über dem europäischen Standard. Da steht jetzt erstmal im Fokus und ich will mit dem Verein international so weit kommen, wie möglich.

Zum Abschluss noch eine Frage zu Ihrem Herzensverein Hertha BSC. Wie bewerten Sie die Leistung bisher?

Das ist für mich schwer zu sagen. Die letzten Jahre mit dem Misserfolg hängen noch im Gedächtnis. Ich finde, dass so wie Hertha gerade spielt, es eigentlich normal sein sollte. Von der Qualität sind sie gut besetzt, aber sie hatten auch in den Saisons davor eine gute Mannschaft. Es wäre schlimm, wenn sie jetzt keine Schritte nach vorne machen würden. Aber ich wäre da erstmal vorsichtig. Am Ende des Tages wirst du an den Ergebnissen gemessen und ich hoffe, dass sie die Siege so langsam einfahren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lukas Witte, rbb Sport.

Sendung: rbb24, 23.09.2022, 18 Uhr

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