Radsport - Berliner Sechstagerennen kämpft an zwei Tagen um seine Zukunft

Di 02.01.24 | 19:16 Uhr | Von Lynn Kraemer
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Theo Reinhardt und Roger Kluge beim Berliner Sechstagerennen (Bild: Imago/frontalvision.com)
Bild: Imago/frontalvision.com

Das Berliner Sechstagerennen findet 2024 nur an zwei Tagen statt. Das klingt komisch, ist für die Veranstalter aber der einzige Weg, um weiter Radsport im Velodrom zu zeigen. Warum das "Six Day Berlin" nicht mehr so zieht und was anders werden soll. Von Lynn Kraemer

Es gab Zeiten, in denen das Sechstagerennen die ganze Wochenplanung der Berliner Radsportfans einnahm. Nach drei Tagen im Vorjahr müssen sie sich 2024 aber nun sogar nur noch zwei Tage im Kalender einkreisen: den 26. und 27. Januar. Die Veranstaltung im Velodrom wurde auf einen Freitag und Samstag eingekürzt.

Auf der Suche nach der Identität

"Das Format Sechstagerennen sucht seine neue Identität", sagt Valts Miltovics, Geschäftsführer der Berliner Six Days. Hauptgrund für die Zweitagesvariante, die als "Six Day Weekend" beworben wird, sind die Finanzen. Die Madison Sports Group aus London, die 2015 bei dem Traditionsrennen einstieg und es zum Teil der "Six Day Series" machte, wurde nach der Corona-Zwangspause für all ihre Rennen liquidiert. Das finanzielle Sicherheitsnetz im Hintergrund fehlt.

Viel günstiger wird das Sechstagerennen in der Kurzvariante allerdings nicht. Rund 200.000 Euro kostet ein Renntag. Und dadurch, dass sich das Programm im Vergleich zum Vorjahr auf zwei Tage verdichtet, steigen die Kosten. Damit sich ein Renntag trägt, muss das Velodrom zu 80 bis 90 Prozent ausgelastet sein. Miltovics spricht von 6.000 bis 7.000 Zuschauenden, die mindestens angelockt werden müssen: "Wir könnten auf dem Alexanderplatz Freikarten verteilen, aber dann finanzieren wir es nicht."

Ein Event unter vielen

Doch was bewegte die Menschen früher dazu, ins Velodrom zu kommen und hält sie jetzt davon ab? Das Starterfeld ist weiter hochkarätig. Als regionale Gesichter sind die Topfahrer Roger Kluge und Theo Reinhardt dabei. Am Charme hat sich nur wenig geändert: "Die Jungs fahren da mit 60, 70 Kilometern die Stunde um die Bahn. Ein Fahrrad ohne Bremsen – das ist schon eine starke Sache", sagt der sportliche Leiter Dieter Stein.

Er selbst gewann als die "schwarze Sieben" in der DDR einige Sechstagerennen, mehrmals das Rennen "1001 Runden". Stein sagt: "Zu meiner Zeit hatten wir eine Fangemeinschaft, die sich auch entsprechend angezogen hat. Da hat der eine den anderen angesprochen und alle sind mitgekommen." Der "Kult" sei größer gewesen.

Und das Sechstagerennen hob sich von anderen Sportveranstaltungen ab: "Es ist eine ungewöhnliche Kooperation zwischen dem Teilnehmer und dem Zuschauer. Ich würde sogar sagen, der Zuschauer ist auch Teilnehmer des Events", sagt Valts Miltovics. Und das, ein Radsport-Event, will das Sechstagerennen auch sein: "Beim klassischen Rennen wird keine Musik gespielt. Bei uns legt der DJ auf und der Sprecher schreit eher, als das er spricht."

Doch was früher noch Alleinstellungsmerkmal war, ist inzwischen nicht mehr sonderlich spektakulär. Wummernde Bässe und Action bieten auch andere junge Sportarten. Fannähe wird über Social Media von den Sportlerinnen und Sportlern selbst ermöglicht.

Sechstagerennen kämpfen fast überall ums Überleben

Das Zuschauerproblem beschränkt sich nicht nur auf die deutsche Hauptstadt. Dortmund, Stuttgart und München tragen gar keine "Sechstage"-Rennen mehr aus. In Deutschland wird es neben Berlin in diesem Jahr zumindest in Bremen wieder ausgetragen. Nachdem sie im Vorjahr wegen zu großer finanzieller Ungewissheiten ausfallen musste, kehrt die Bremer Ausgabe als Viertagesversion zurück. Auf der Website wird noch vor den Sportlerinnen und Sportlern mit Sängerin Vanessa Mai geworben.

Auch im europäischen Ausland ist die große Zeit vorbei: In Dänemark wurde eine gekürzte Variante über drei Tage veranstaltet, die jedoch auch nicht an alte Publikumserfolge anknüpfen konnte. Lediglich in Rotterdam und Gent findet das Sechstagerennen noch über die volle Länge statt.

Wir haben sehr, sehr loyale Zuschauer, können aber nur ein Mal pro Jahr mit ihnen reden.

Valts Miltovics, Geschäftsführer der Berliner Six Days

Die Veranstaltung in Gent profitiert auch davon, dass die Konkurrenz durch andere Sportveranstaltungen nicht so groß ist. "Bei der Informationsvielfalt, die es in Berlin aufgrund der vielen, vielen Sportarten und Veranstaltungen gibt, erreichen wir unsere Radsportfans nicht mehr", sagt Dieter Stein. Auch Valts Miltovics sieht das als eines der Probleme: "Wir haben sehr, sehr loyale Zuschauer, können aber nur ein Mal pro Jahr mit ihnen reden." Für mehr Aufmerksamkeit sei allerdings die gesamte Radsportfamilie gefragt. Bei der 111. Ausgabe in diesem Jahr ist deswegen auch der Berliner Radsport-Verband als Ausrichter dabei.

Der Name und die Hoffnung bleiben

Trotz der Identitätskrise gibt sich Miltovics optimistisch: "Zurzeit haben wir einen hervorragenden Ticketverkauf." Für den Freitag liege die Auslastung bei 50 Prozent und für Samstag seien etwa 70 Prozent der Tickets bereits verkauft worden. Nachdem das Publikum beim Sechstagerennen lange immer älter wurde und 2016 ein Altersschnitt von über 62 Jahren festgestellt wurde, konnte sich die Veranstaltung eigenen Angaben zufolge zuletzt auf ein Durchschnittsalter von 43 Jahren verjüngen. Das passt zur angepeilten Zielgruppe, die im Schnitt etwa 35 bis 55 Jahre alt sein soll.

Miltovics glaubt auch an eine Rückkehr zu sechs Tagen: "Zu 100 Prozent! Das ist der Grund, warum wir immer noch so ein bisschen naiv an dem Namen hängen. Es klingt komisch 'Sechstage' zu heißen, wenn es nur zwei oder drei sind. Aber wir bleiben bei dem Namen, weil es wieder sechs Tage werden müssen."

Dazu brauche es aber einen Investor, der die schwächeren Tage auffange: "Wenn wir nächstes Jahr jemanden finden, kann es wieder anders aussehen", so Miltovics.

Sendung: rbb24 Inforadio, 02.01.2024, 17:15 Uhr

Beitrag von Lynn Kraemer

5 Kommentare

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  1. 5.

    Wie jetzt? Stehen die unter Drogen und dürfen die Halle auch nicht verlassen?

  2. 4.

    Leider habe ich den Eindruck , das unsere Jugend anderes im Terminkalender zu stehen hat.
    Wir werden es leider erleben , vieles was wir geliebt haben wird wegfallen.

  3. 3.

    Immerhin werden richtige Fixies gefahren, ohne Freilauf!

    Schade dass es erst erst Abends los geht, nachmittags wäre ich bestimmt dabei

  4. 1.

    Vll. fehlt auch dieses schrecklich schöne, verranzt verruchte Deutschlandhallenfeeling ;-).

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