Debatte um Lützerath-Proteste - "Was macht denn die Kohle? Ein bisschen Wärme und bringt letztendlich die Erde an den Rand des Ruins."

Fr 13.01.23 | 14:37 Uhr
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Braunkohletagebau Welzow-Sued (LEAG) in Brandenburg (Bild: picture alliance)
Audio: Antenne Brandenburg | 13.01.2023 | Iris Wussmann | Bild: picture alliance

In der Lausitz schaut man gerade mit besonderer Aufmerksamkeit auf das, was in Lützerath passiert. Denn auch hier wurden Dörfer für die Kohle abgebaggert oder waren davon bedroht. Betroffene und Kohlekumpel machen sich ihre Gedanken. Von Iris Wussmann

Horno, Klinge, Wolkenberg - viele weiße Holzkreuze mit den Namen von abgebaggerten Lausitzer Dörfern stehen in Lakoma bei Cottbus am Straßenrand. Auch Lakoma selbst musste 2006 dem Tagebau Cottbus -Nord weichen, der seit 2019 geflutet wird, um zum Cottbuser Ostsee zu werden.

Ernst-Peter Kühn, ehemaliger Arzt, musste zweimal wegen der Kohlebagger umziehen. (Quelle: rbb)
Ernst-Peter Kühn wohnte zweimal in Dörfern, die abgebaggert wurden. | Bild: rbb

Einer, der dort sein Haus und seine Praxis hatte, ist der Arzt Ernst-Peter Kühn. Jetzt lebt er auf der anderen Seite der Bundesstraße - und verfolgt, was in Nordrhein-Westfalen passiert. Er würde es sehr begrüßen, "wenn es gelingt, durch diese Aktion in Lützerath die Öffentlichkeit mal nachdenklich zu stimmen, 'Wo bekommen wir den Strom überhaupt her und was ist mit der Gewinnung zum Teil für menschliches Leid verbunden? Und wir denken nach, wie wir die Ressourcen unter der Erde behutsam oder gar nicht in Anspruch nehmen'?"

Protest ja - aber nicht so

Auch wenn Ernst-Peter Kühn die Form des Protestes nicht gutheißt, unterstützt der 86-Jährige das Ziel und plädiert dafür, Maß zu halten und nicht aus dem Vollen zu Schöpfen, als gäbe es kein Morgen. "Wir leben allesamt über unsere Verhältnisse. Es wird nicht gespart. Keiner denkt an die Natur, die wir hier irgendwann den Generationen nach uns hinterlassen."

Ulrich Schulz, Landwirt in Atterwasch bei Guben (Spree-Neiße) (Quelle: rbb)Der Hof von Ulrich Schulz war von Abbaggerung bedroht.

Ulrich Schulz, Landwirt in Atterwasch bei Guben (Spree-Neiße), war mit seinem Hof von der Abbaggerung bedroht, ist aber verschont geblieben. Er könne sehr gut nachempfinden, was die Menschen in Lützerath mitmachen. Radikalen Protest, wie er dort gerade laufe, hätten sie damals abgelehnt. Wenn er aber daran zurückdenkt, "dass Leute mit uns demonstriert haben, die heute diese Klimapolitik verantworten müssen, oder verantworten, dreht sich mir der Magen um."

Sie wären 2017 der Meinung gewesen, dass mit Blick auf den CO2-Ausstoß und den Klimawandel die Vernunft gesiegt habe, sagt Schulz. Damals im März war bekannt geworden, dass der Energiekonzern Leag den Tagebau in Jänschwalde nicht erweitern wird. Für die rund 900 Einwohner von Grabko, Atterwasch und Kerkwitz gingen damit Jahre der Ungewissheit zu Ende. Sie mussten nicht umgesiedelt werden, ihre Heimat blieb erhalten.

Archiv: 2006 wird das Dorf Lakoma abgebaggert - auch dort hatten Demonstranten Häuser besetzt. (Quelle: rbb)
Das Dorf Lakoma wurde 2006 endgültig für den Tagebau Cottbus-Nord abgebaggert - auch dort waren Häuser besetzt worden. | Bild: rbb

Landwirt Ulrich Schulz meint, dass die Kohle, die unter den Dörfern liegt, die Abbaggerung nicht wert sei. "Was macht denn die Kohle? Die macht ein bisschen Wärme und bringt uns letztendlich die ganze Erde an den Rand des Ruins."

Unverständnis und Mitgefühl

Das sehen die Kumpel, die am Donnerstag bei Schichtende aus dem Tagebau Jänschwalde (Spree-Neiße) kommen, größtenteils anders. Auch sie verfolgen das Geschehen in Nordrhein-Westfalen. "ich finde, das ist Quatsch", sagt einer von ihnen. "Wir wollen ja auch unsere Energie haben und jeder möchte den Schalter umdrehen und Strom haben. Wenn wir jetzt überall sparen wollen - wo soll es am Ende herkommen?" Ein Kollege ergänzt, dass es eine Verstromung brauche, die für ganz Deutschland da ist - "und die nicht nur auf dem Fahrrad ertreten wird." Manche Kohlekumpel sind zwiegespalten. "Protestieren können sie ja, aber nicht so radikal", sagt einer. Ein anderer meint: "Ich kann beide Seiten verstehen. Aber es ist schwierig."

Skepsis, Unverständnis, Mitgefühl und der Wunsch, dass sich etwas ändert - all das begleitet in der Lausitz das Geschehen in Lützerath.

Sendung: Antenne Brandenburg, 12.01.2023, 16:40 Uhr

18 Kommentare

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  1. 18.

    Sie wollen doch jetzt nicht allen Ernstes den Niedrigwasserstand bei französischen AKWs 1:1 mit Deutschland vergleichen?
    Und wie wurde mal gemeint - die Behälter in den aktuellen Zwischenlagern sind aktuell (20 Jahre) noch sicher.
    Das kann auch ruhig nebenan wohnen - natürlich nur solange da Niemand einbricht...
    Und mit dem "Endlager Weltraum" könnte man Raketen noch sinnvoller nutzen.

  2. 17.

    In Tirol sollte auch wie im benachbarten Österreich mit Wasserkraft was zu holen sein.

  3. 16.

    Thema Industrieland ohne Kohle und Atom:
    Beispiel Italien. Kein AKW, sehr wenig Kohle, viel Gas. Ja, Stromimport aus AKW Ländern.
    Wenn die bei Wind und PV mal mehr Tempo machen würden, hätten sie das inverse zur deutschen Strategie weil sie beim Gas schon weiter sind, müssen dieses nur sukzessive ersetzen.

  4. 15.

    30GW im Saldo oder nur Neubau.
    Wenn unterm Strich dafür viele uralte KW ersetzt wurden ist es nicht gut aber besser als nix.
    Wind weht in China aber auch. Wasser fließt auch dort nach unten selbst wenn da eine Turbine im Weg ist.

    Thema Versorgungssicherheit
    https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Fachthemen/ElektrizitaetundGas/Versorgungssicherheit/Versorgungsunterbrechungen/Auswertung_Strom/start.html
    Dauer der Stromausfälle sinkt seit Jahren. 2021 nur wegen 2 außergewöhnlichen Ereignissen.

  5. 14.

    Danke für die Info.
    Solche weltweiten Vergleiche würde ich viel häufiger bei vielen Themen in den deutschen Medien wünschen, wir schwimmen hier informationstechnisch zu oft nur im eigenen Saft und schaffen es meist nicht einmal über den Tellerrand wenigstens in die EU zu blicken (von weltweit ganz zu schweigen).

  6. 13.

    "China installiert im übrigen auch mehr PV in einem Jahr als Deutschland in 20 Jahren geschafft hat."
    Zur komplexen Warheit gehört auch der Zubau von 30GW Kohlekraftwerke alleine im Jahr 2021.
    Damit haben die Chinesen die mühevollen deutschen Bemühungen (Kohleausstieg 2038) innerhalb eines Jahres ausgeglichen haben. Erschreckend, wie ich finde...

  7. 12.

    Ja, das stimmt schon, bin auch soweit der Ansicht, dass die Kohle wohl wirklich nicht mehr gebraucht wird. Vor allem ist es Braunkohle, die eh weniger Energie bringt als Steinkohle und dann noch dafür mehr CO2 produziert. Aber die Leute haben schon ihre neuen Häuser und sind umgesiedelt und das Geld zur Entschädigung ist auch schon geflossen. Das jetzt so einfach rückgängig zu machen, das stell ich mir auch problematisch vor. Hätte man eher protestieren müssen.

  8. 11.

    Absolut. Den chinesischen Energiemarkt kenne ich nicht. Fehlt mir die Muße mich genauer damit zu beschäftigen.
    In 2022 wohl etwas über 100GW im Zubau. Ähnliche Nachrichten finden sich einige.
    https://www.pv-magazine.de/2022/06/03/photovoltaik-zubau-von-108-gigawatt-in-china-2022-erwartet/
    Wieweit man diesen Zahlen vertrauen kann?
    Auch die IEA sieht, dass China nicht auf der Bremse steht.
    https://www.iea.org/reports/renewables-2022
    Ob die Daten korrekt sind, keine Ahnung aber wenn die IEA es nicht besser weiß wer dann?
    Auch in der EU ist DEU der IEA zu Folge lange nicht allein auf dem Weg, auch wenn das immer wieder behauptet wird.

  9. 10.

    Die Frage ist ernst gemeint? Da wo Polizisten noch vor betreten des zu räumenden Ortes mit Pflastersteinen, Gehwegplatten, Raketen etc. beschossen werden? Wow...

  10. 9.

    "China installiert im übrigen auch mehr PV in einem Jahr als Deutschland in 20 Jahren geschafft hat." Absolut oder relativ zum Gesamtbedarf? Ich bin da etwas vorsichtig geworden nach so manchen Zahlenveröffentlichungen zu Corona hier während der Pandemie.

  11. 8.

    Man kann die Aussage ohne weiteres auf die globale Kohleverbrennung beziehen, wenn man seinen Tellerrand etwas absenkt. Und dann ist Kohle wohl doch das große Problem der Welt zumindest, wenn sie verbrannt wird.

    Desweitern kehrt jeder vor seiner eigenen Haustür. Und Deutschland hat leider 2 der größten CO2 Schleudern weltweit im eigenen Land stehen. Eine davon in der Lausitz (Jänschwalde). Die andere (Niederaußem) im Kohle Revier unweit Lützerath.
    China installiert im übrigen auch mehr PV in einem Jahr als Deutschland in 20 Jahren geschafft hat.

  12. 7.

    Dann hätten wir aber erst recht noch größere Protestaktionen
    Wer will schon diesen Mist vor der Haustür haben
    Wie sicher AKW sind zeigt Frankreich, jedes zweite Schadhaft, Wartungsstau
    Für mich sind Länder wie Frankreich, Polen, China usw. Verantwortungslos weiterhin auf diesen Mist zu bauen

  13. 6.

    Neu in Deutschland? Der Atomausstieg wurde 2011 von CDU/CSU und FDP beschlossen, danach aber auch die Energiewende sabotiert. Wie toll Atomkraft ist, konnten wir vergangenen Sommer in Frankrei live miterleben. Die haben so viel Strom importiert, was die Leitungen hergeben und damit bei uns die Strompreise in die Höhe getrieben.

    Neue AKW wäre nicht nur sündhaft teuer, sondern brauchen auch Jahrzehnte für Planung und Bau. Mitte der 90er wurden z.B. die Planungen für den Reaktortyp aufgenommen, der in Flamanville vielleicht ggf. demnächst zu explodierten Kosten in Betrieb gehen könnte. Der BER ist nix dagegen. Ähnliche Reaktoren in UK und Finnland hängen eher Jahrzehnte den Jahre hinter dem Zeitplan. Bis hierzulande ein neues AKW in Betrieb gehen würde, hätte wir vielleicht schon Fusionkraftwerke mit Takomak oder Stellerator. Sie haben nicht zufällig ein für ein Endlager geeignetes Grundstück?

  14. 5.

    Wo genau sind diese Proteste noch mal "radikal"?

    Welche Seite gefährdet /missachtet gerade bewusst Menschenleben? Etwa, wenn SanitäterInnen eingekesselt werden?

  15. 4.

    Es ist mir unverständlich, warum jetzt nicht erst mal nur das genutzt wird, was da ist und die Situation in ein paar Monaten neu bewertet wird. Solange bleibt die Kohle einfach im Boden. Mein Gefühl sagt mir, dass gerade so viel Solaranlagen aufs Dach kommen (inklusive bei uns), dass der Verbrauch sich ggf. gänzlich verändert und wir uns die Augen reiben, warum wir geglaubt haben, diese Kohle zu benötigen.

  16. 3.

    Die Diskussion mit Kohle abbaggern würde sich nicht stellen,wenn die jetztige Regierung nicht auf Kohle setzen würde. Die einzige Lösung ist Atomstrom, dies wird aber aus Ideologie abgelehnt. Alle anderen Länder in Welt haben es gelernt und agieren mit Vernunft und bauen kräftig Atomkraftwerke.

  17. 2.

    .....bringt letztendlich die Erde an den Rand des Ruins. Nun reicht es aber langsam, jetzt wird ja wohl maßlos übertrieben! Diese tollen Klima Aktivisten sollten nach China oder Russland demonstrieren gehen, genau da wo hunderte neue Kohlekraftwerke entstehen! Ich kenne viele die umgesiedelt wurden, schöne neue und moderne Häuser haben Sie bekommen keiner hat sich beschwert. Wenn es in Deutschland so weiter geht mit diesem Klimawahn dann gehen hier die Lichter aus, aber das Klima ändert sich dadurch mit Sicherheit nicht! Glück Auf!

  18. 1.

    „Ein bisschen Wärme“

    Klingt für Leute ohne Heizung in der Ukraine wie Hohn.

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