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Quelle: imago images/Fotostand/Gelhot

Brandbrief der amtierenden Schulleiterin

Reformen an Berliner Ballettschule kommen nicht voran

Vier Jahre nach dem Skandal ist die Berliner Ballettschule in Grabenkämpfen erstarrt. Die Reformen stecken fest. Ein internes Schreiben der amtierenden Schulleiterin gleicht einem Hilferuf. Von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

Das Staatsballett und die Berliner Staatliche Ballettschule haben die für Ende Mai geplanten Galatermine der Ballettschülerinnen und -schüler aus organisatorischen Gründen abgesagt. Das ist für die meisten Menschen in der Hauptstadt höchstens eine kulturelle Randnotiz. In der Parallelwelt der Berliner Ballettschule aber verursachte diese Nachricht große Aufruhr. Teile des Kollegiums sahen die amtierende Schulleiterin Martina Räther überfordert und wandten sich hilfesuchend an die Senatsverwaltung. So steht es in internen Dokumenten, die rbb24 Recherche vorliegen.

Amtierende Leitung sieht Risiko für Kindeswohl

Auslöser ist ein Brief, den Räther am Tag nach der Gala-Absage an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule, Teile der Elternschaft, und an die Senatsverwaltung für Bildung geschrieben hat. Darin erläuterte sie die Hintergründe der Gala-Absage. Der Brief, der rbb24 Recherche vorliegt, offenbart: Die Schule steckt vier Jahre nach der Neuausrichtung in der Krise. Reformen kommen nur schleppend oder gar nicht voran.

Vor vier Jahren hatte der rbb über Vorwürfe von Machtmissbrauch und Kindeswohlgefährdung durch Überlastung, Body-Shaming und Psychodruck berichtet. Die damalige Senatorin Sandra Scheeres (SPD) berief daraufhin den seinerzeitigen Schulleiter Ralf Stabel und den künstlerischen Leiter Gregor Seyffert von ihren Funktionen ab. Der Versuch, den beiden ehemaligen Führungskräften zu kündigen, scheiterte vor den Arbeitsgerichten. Eine Expertenkommission bestätigte später die Missstände und machte umfangreiche Reformvorschläge.

Schule handelt eigenverantwortlich

Dennoch scheint es laut Schulleitung auch heute nicht möglich zu sein, Auftritte unter einer adäquaten Sicherung des Kindeswohls zu organisieren. So heißt es in Räthers Brief: "Wir haben es zu Beginn des Reformprozesses in neuer Konstellation geschafft, zwei erfolgreiche Schulgalas in der erwarteten hohen Qualität auf die Bühne zu bringen. Aber auch schon diese beiden Galas haben uns gezeigt, dass die künstlerisch-fachliche Qualität einerseits und Kinder- und Gesundheitsschutz andererseits zum momentanen Zeitpunkt nicht gewährleistet ist."

Die Bildungsverwaltung äußert sich zu dem Schreiben ebenso wenig wie zu irgendeinem der von Räther aufgeworfenen Probleme. Mit einem umfangreichen Fragenkatalog zum Thema konfrontiert, verweist sie lediglich auf die Pressemitteilung zur Gala-Absage und lässt einen Sprecher ausrichten: "Die Schule handelt hier eigenverantwortlich im Rahmen der schulgesetzlichen Bestimmungen."

Dabei war es die heutige Schulsenatorin selbst, Katharina Günther-Wünsch (CDU), die noch vor gut einem Jahr mit mehreren parlamentarischen Anfragen nachhaltige Reformen an der Schule eingefordert hatte. Damals war sie noch Abgeordnete der Opposition.

Heftiger Streit um Reformwille

Insider berichten rbb24 Recherche davon, dass es nach wie vor im Ausbildungsalltag zu überlastungsbedingten Verletzungen kommen soll, wenn auch seltener als vor dem Beginn der Veränderungsprozesse. Auch psychischer Druck und cholerische Ausbrüche durch Lehrer sollen den Schilderungen nach immer noch vorkommen.

Der Brief der amtierenden Schulleiterin gibt Hinweise auf die möglichen Gründe dafür. "Wir nehmen immer wieder eigenmächtiges Handeln im Praxisunterricht wahr; Abneigung gegenüber notwendigen Veränderungen bei Kinder- und Gesundheitsschutz, Ablehnung von Fortbildungen, Widerstand gegenüber zukunftsweisenden Ideen, Unterlaufen von gemeinsamen Absprachen."

Interne Papiere, die rbb24 Recherche vorliegen, bestätigen die von Räther genannten aktuellen Probleme. Darin wird beispielsweise von Lehrkräften die Zusammenarbeit mit einer Tanzmedizinerin kritisiert. Sie kümmert sich unter anderem um die laufende gesundheitliche Kontrolle der Schülerinnen und Schüler. Im Aufnahmeverfahren an die Schule stellt sie sicher, dass die angehenden Tänzerinnen und Tänzer körperlich für die Ausbildung geeignet sind. Einige Tanzpädagoginnen und -pädagogen fordern Insidern zufolge trotzdem, die Zusammenarbeit zu beenden.

Auch die Arbeit des wöchentlich tagenden, im Zuge der Reformen eingerichteten Präventionsteams wird als unbefriedigend kritisiert, weil sich beispielsweise Tanzlehrkräfte in künstlerischen Entscheidungen übergangen fühlen. Das Präventionsteam wurde eingeführt, um frühzeitig mögliche Kindeswohlgefährdungen wahrzunehmen und beispielsweise Überlastung oder Essstörungen vorzubeugen.

Harte Fronten im Kollegium

Ein Großteil der Tanzlehrkräfte wiederum schickt wenige Tage später ein Rundschreiben an die gesamte Schulgemeinschaft, in dem sie sich von den Vorwürfen Räthers "vollumfänglich" distanzieren. "Das Kindeswohl ist klar im Fokus der Tanzpädagog*innen, die sich verpflichtet haben nach dem Schulcodex zu handeln und die Unterrichtspraxis stetig durch Schülerbefragungen zu evaluieren", schreiben die Praxis-Lehrkräfte und kritisieren, dass die amtierende Schulleitung ihren Reformvorschlägen zu wenig Gehör schenke.

Der Konflikt wird an vielen Stellen hinterrücks ausgetragen, wie mehrere Recherche-Gespräche ergeben. Räther schreibt in ihrem Brief von anonymen Dienstaufsichtsbeschwerden und Anzeigen. Die Bildungsverwaltung bestätigt weder Dienstaufsichtsbeschwerden noch Anzeigen. "Zu anonymen Dienstaufsichtsbeschwerden verhält sich die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie grundsätzlich nicht", heißt es.

Das Ballett-Kollegium ist nach übereinstimmenden Schilderungen gespalten. Nur wenige unterstützen die Reformen und beteiligen sich an Weiterbildungen und Feedback-Runden. Selbst reformwillige Lehrkräfte bemängeln unklare Kommunikation der Schulleitung, und sehen die Schulaufsicht in der Pflicht, eine Lösung der Probleme herbeizuführen. Als Räther die Gala absagte, wendeten sich einige schriftlich an die Senatsverwaltung und forderten die Rückkehr des ehemaligen interimistischen Schulleiters Dietrich Kruse als Berater. Die von mehreren Personen unterzeichnete E-Mail liegt rbb24 Recherche vor.

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Rückkehr der Leitung ungeklärt

Wie und von wem die Schule geführt werden soll, ist in der aktuellen Gemengelage die entscheidende Frage. Eine amtierende Schulleiterin hat weniger Entscheidungsbefugnisse als eine ordentlich eingesetzte. Und auch eine kommissarisch eingesetzte künstlerische Leitung kann gegenüber alteingesessenen Ballettpädagogen weniger resolut auftreten, als wenn ihre Stelle durch die Bildungsverwaltung legitimiert wäre.

Ursächlich für die schwierige Lage des derzeitigen Führungsteams ist, dass bis heute nicht abschließend geklärt ist, ob Ralf Stabel und Gregor Seyffert wieder an der Schule eingesetzt werden könnten. Hintergrund ist, dass die Bildungsverwaltung ihre Kündigungen arbeitsrechtlich nicht durchsetzen konnte. Danach gefragt, ob eine Rückkehr der ehemaligen Führungskräfte im Raum stehe, sagt die Bildungsverwaltung, sie kommentiere keine Personaleinzelangelegenheiten.

Hohe Kosten bei wenigen Schülerinnen und Schülern

Wieviel Stabel und Seyffert seit ihrer Abberufung 2020 an Gehaltsfortzahlungen erhalten haben, ist nicht bekannt. Auch Katharina Günther-Wünsch bekam 2023 auf diese Frage in ihrer parlamentarischen Anfrage keine Antwort.

Die Ausgaben des Landes Berlin für die Staatliche Ballett- und Artistikschule liegen laut Berliner Haushaltsplan 2024/25 bei rund 8,3 Millionen Euro im Jahr, davon. Bei derzeit 230 Schülerinnen und Schülern erhält die Staatliche Ballettschule also mehr als 36.000 Euro pro Kopf. Zum Vergleich: Die Technikerschule, so wie die Staatliche Ballettschule zentral verwaltet, erhält bei mehr als 660 Studierenden rund sechs Millionen Euro, also rund 9.000 Euro pro Kopf.

Einige denken an Schließung

Nach Informationen von rbb24 Recherche glauben selbst langjährige Unterstützer der Institution inzwischen nicht mehr daran, dass an einer staatlichen Ballettschule eine hochwertige Ausbildung unter Wahrung des Kindeswohls gewährleistet werden kann. Einige fordern in vertraulichen Gesprächen sogar, die Schule zu schließen und neu zu konzipieren. Andere sagen, ebenso vertraulich: Um Reformen durchzusetzen, müssten diese auch vom gesamten Personalkörper gelebt werden.

Räther fordert in ihrem Brief, "dringend" "endlich" zu klären, wie Tradition und Reformbedarf an der Ballettschule unter einen Hut gebracht werden können. "Wir nehmen wahr, dass von vielen Seiten Veränderungen gefordert werden, aber niemand möchte selbst von den Veränderungen betroffen sein."

Sendung: rbb24 Inforadio, 22.03.2024, 6 Uhr

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Beitrag von Tina Friedrich und Torsten Mandalka

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