Max Kruse im Trainingslager von Union Berlin. Quelle: imago images/MIS
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Interview | Transfermarkt-Experte Philipp Marquardt - "Kruse ist der größte Transfer der Vereinsgeschichte"

Union Berlin hat auf dem Transfermarkt ähnlich wie in der letzten Saison früh und fulminant zugeschlagen. Bereits acht Spieler kamen diesen Sommer neu nach Berlin. Transfermarkt-Experte Philipp Marquardt bewertet die Transferpolitik der Eisernen.

Das Internetportal transfermarkt.de ist in Sachen Transfers, Gerüchte und Ablösesummen eines der maßgebenden in Deutschland. Die im Jahr 2000 gegründete Webseite entwickelte sich kontinuierlich zu einer wichtigen Informationsquelle für Sportjournalisten und Fußballfans. Für die Transferpolitik von Union Berlin und die Arbeit von Manager Oliver Ruhnert findet transfermarkt.de-Reakteur Philipp Marquardt fast ausschließlich positive Worte. Gerade die Verpflichtung von Stürmer Max Kruse sieht er als echten Gewinn für die Eisernen.

rbb|24: Sebastian Griesbeck, Niko Gießelmann, Robin Knoche, Andreas Luthe, Nico Schlotterbeck, Keita Endo, Cedric Teuchert und Max Kruse - Union hat auf dem Transfermarkt schon wieder stark zugeschlagen. Wie bewerten Sie die Transferpolitik der Eisernen auf den ersten Blick?

Philipp Marquardt: In der Tat ist die Liste der Neuzugänge bei Union schon wieder sehr lang. Ähnlich wie im Vorjahr hat man auf dem Transfermarkt viel Gas gegeben und rüstet sich für das zweite Jahr Bundesliga. Das, was sich in der letzten Saison bewährt hat, soll so auch in diesem Jahr funktionieren. Man hat erneut erfahrene Kräfte dazugewonnen, die in der Bundesliga schon bewiesen haben, dass sie die Qualität haben, um zumindest einen Klassenerhalt sicherstellen zu können. Union hat die Abgänge nach der letzten Saison sehr gut aufgefangen und darüber hinaus gerade mit der Verpflichtung von Max Kruse ein deutliches Zeichen gesetzt.

Wie gelingt es Union, solche erfahrenen Bundesliga-Spieler für sich zu begeistern?

Union gilt deutschlandweit immer noch als besonderer Klub. Natürlich hat ein Spieler wie Max Kruse sicherlich auch andere Optionen gehabt und hätte eventuell sogar noch auf weitere Angebote warten können, bis etwas Spannendes dabei ist, auch eine Rückkehr zu Werder Bremen war ja Thema. Aber er hat sich relativ frühzeitig für Union entschieden, das Neue und Besondere macht Union als Klub einfach aus. Hinzu kommt, dass der Verein im ersten Bundesliga-Jahr gut abgeschlossen hat und schon da eine gute Mannschaft beisammen hatte. Es wurde deutlich, dass bei Union ruhig und vernünftig gearbeitet wird und niemand durchdreht. Das kommt bei möglichen Neuzugängen sehr gut an.

Andreas Luthe, neuer Torwart bei Union Berlin. Quelle: imago images/ContrastDer Neue im Tor: Andreas Luthe wechselte vom FC Augsburg zu Union.

Im Tor stand in der letzten Saison Rafal Gikiewicz. Kein absoluter Top-Keeper der Bundesliga, aber ein sicherer Rückhalt, beliebt bei den Fans und auch abseits des Platzes wichtig für die Mannschaft. Kann Andreas Luthe ihn ersetzen?

Man ist soweit aufgestellt, dass man sorgenfrei in die Saison gehen könnte. Auch Andreas Luthe ist ein erfahrener Mann, der in der Bundesliga schon seine Spiele gemacht hat. Der absolute Top-Keeper ist er vielleicht nicht, man kann ihn aber auf jeden Fall als zuverlässige Nummer eins zwischen die Pfosten stellen. Es ist aber durchaus möglich, dass im Tor noch etwas passiert. Eventuell verlässt der junge Lennart Moser noch den Verein, da würde man auf jeden Fall noch reagieren. In der Vergangenheit wurden bereits andere Namen wie Julian Pollersbeck vom HSV gehandelt.

Der Transfer von Max Kruse ist in diesem Sommer der wohl größte Coup bei Union Berlin. Der Stürmer gilt als extrovertierter Spieler. Bei Union ist allerdings eigentlich das Team der Star. Wie passt dieser Transfer zu den Köpenickern?

In der Tat ist die Verpflichtung von Kruse ein Farbtupfer, den es im Verein noch nicht gegeben hat. Man kann schon sagen, dass es der größte Transfer der Vereinsgeschichte ist. Trotzdem könnten Max Kruse und Union sehr gut zusammenpassen, weil beide Seiten wissen, worauf sie sich einlassen. Der Klub wird Kruse die Freiheiten zugestehen, die er benötigt, um sein Spiel durchzuziehen. Wenn er gestärkt wird und machen kann, was er möchte - um es salopp zu formulieren - dann ist er auch weiterhin richtig gut. Er ist zwar schon 32, hat aber allemal das Zeug, Union ein bis zwei Jahre richtig nach vorne zu bringen.

Sowohl Kruse als auch Robin Knoche haben in den letzten Jahren bei größeren, auch international vertretenen Vereinen gespielt. Sie dürften nicht geringe Gehaltseinbußen in Kauf genommen haben, oder?

Durch Corona sind viele Vereine eher in einer schwierigen Situation. Es kann also sein, dass sich für die Spieler in diesem Sommer auch andere Optionen zerschlagen haben, weil andere Vereine auch nicht mehr so viel zahlen können. Sicherlich werden da Gehaltsabstriche in Kauf genommen, das Geld wird nicht der Hauptgrund für die Wechsel gewesen sein - davon ist auszugehen. Ohnehin ist bei Union aber das Gesamtpaket entscheidend und nicht das Geld.

Union-Manager Oliver Ruhnert ist in der Bundesliga ins Rampenlicht gerückt, seine Arbeit wird von allen Seiten gelobt. Wie stufen Sie seine Arbeit ein?

Das, was seit dem vergangenen Jahr passiert ist, spricht natürlich für sich. Ruhnert macht einen absolut unaufgeregten und guten Job. Man darf aber nicht vergessen, dass auch nicht alle Spieler, die geholt wurden, am Ende eingeschlagen haben- das ist aber bei allen Vereinen so. Bei Union könnte man da als Beispiel Yunus Malli nennen, der überraschend verpflichtet wurde, aber keine große Rolle spielte.

Keita Endo in einem Testspiel für Union Berlin. Quelle: imago images/Camera 4Der Japaner Keita Endo soll Union in der Offensive variabler machen.

Mit der bewährten Taktik aus der abgelaufenen Saison wird Union nicht mehr überraschen können, Urs Fischer möchte sein Team weiterentwickeln und gerade in der Offensive variabler werden. Wie können die Neuzugänge dabei helfen?

Vieles steht und fällt wahrscheinlich mit der Personalie Kruse. Um ihn herum muss ein stabiles Gebilde entstehen. In der Offensive ist man - wenn alles so bleibt, wie es ist - sehr gut aufgestellt. Sebastian Andersson wurde oft mit einem Abgang in Verbindung gebracht, sollte er aber bleiben, hat man einen weiteren sehr guten Stürmer. Auch auf den Außenbahnen hat man gute Spieler. Keita Endo muss sich zwar noch an die Bundesliga gewöhnen, man hat aber auch bei ihm schon sehr gute Ansätze gesehen.

Was trauen Sie Union mit diesem Kader in der neuen Saison zu?

Man wird sehr glücklich sein, wenn man den elften Tabellenplatz aus der letzten Saison bestätigen kann. Man muss sich erst in der Liga stabilisieren, um dann vielleicht auch neue Ziele ausrufen zu können. Man darf nicht vergessen, dass oft gesagt wird, dass das zweite das schwierigste Jahr für einen Aufsteiger, der zuvor noch nicht in der Liga war, ist.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jonas Bürgener, rbb Sport.

5 Kommentare

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  1. 5.

    Ich sehe das nicht so. Meiner Meinung nach berichtet der rbb ausgewogen über Hertha und Union. Manchmal gibt es eben mehr Meldungen zu dem einen Verein, manchmal zu dem anderen. Eine Perteilichkeit konnte ich hier noch nie feststellen. Ich könnte ja hier auch rumplärren, warum nicht mehr über Altglienicke berichtet wird. Oder den BFC. Zumal das ja auch nicht stimmen würde. Und der Vergleich zu St.Pauli hinkt gewaltig. Ich finde Kruse ist ne geile Sau, die auch mal das Maul aufmacht.

  2. 4.

    Sehr schön, dass über zwei Bundesligisten aus Berlin berichtet werden kann. Aber es nervt mittlerweile, dass in fast jedem Artikel betont wird, wie anders Union ist. Bei Union hat der Kommerz auch schon längst Einzug gehalten. Dieses Anderssein ist ähnlich wie bei St. Pauli auch nur noch Folklore. Bei der Verpflichtung von Kruse hat man den Eindruck, dass man damit nur gegenseitig seine Außendarstellung werbewirksam steigern wollte, siehe Kruses Einstand auf seinem Motorrad.

  3. 3.

    Nunja, die Hertha Fans müssen sich schon dran gewöhnen, dass ihr Club nicht mehr der einzige Berliner Vertreter in der Bundesliga ist und nun nicht mehr allein von den Medien hofiert wird. Aber für die Sportstadt Berlin können zwei Derbys im Jahr nur sehr belebend sein!

  4. 1.

    Hofberichterstattungen über Union. Jeden Tag ... Ihr macht das echt toll.

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