Ein Jahr bedingungsloses Grundeinkommen - "Die Leute schlafen besser, sie treffen klügere Entscheidungen"

Di 17.05.22 | 12:14 Uhr
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1.000 Euro, die monatlich vergeben wurden (Bild: rbb)
1.000 Euro, die monatlich vergeben wurden | Bild: rbb

Ein Jahr lang hat Jeremy Scheibe ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.000 Euro monatlich bekommen - vergeben von einem Berliner Verein. Der hofft auf Erkenntnisse für ein Grundeinkommen für alle - und zieht ein positives Fazit.

So richtig glauben konnte es Jeremy Scheibe aus Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) nicht, als er die Nachricht bekam: ein Jahr lang sollte er ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten - 1.000 Euro monatlich zur freien Verfügung. Jetzt, ein Jahr später, zieht er sein Fazit.

"Beruhigt hat mich das schon. Einfach das Gefühl zu haben, da ist noch etwas, auf das man sich stützen kann, das hat mich schon positiv begleitet", erzählt er.

Arbeiten war Jeremy Scheibe in der Zwischenzeit trotzdem. Sein Grundeinkommen hat er aber nicht etwa gespart, sondern für etwas verwendet, mit dem viele Berufsanfänger nach dem Studium zu kämpfen haben. "Ich hatte Bafög-Schulden, die ich so möglichst schnell zurückzahlen konnte, nicht wie sonst über mehrere Jahre", sagt der Lübbenauer.

Einen Teil des Geldes hat er zudem gespendet und er hat einige Reisen unternommen. Seine Arbeit aufzugeben, wenn auch nur für ein Jahr, kam für Scheibe hingegen nicht in Frage.

Verein ermöglicht Grundeinkommen

Ermöglicht hat das Ganze ein Verein aus Berlin, der Jeremy Scheibe im vergangenen Jahr ausgelost hat. Der Verein "Mein Grundeinkommen" begleitet die Aktion mit einer Studie. Er will unter anderem herausfinden, ob die Begünstigten positiver in die Zukunft schauen, so Michael Bohmeyer vom Verein.

"Wir haben das jetzt schon über 1.000 Mal gemacht und haben gelernt, dass die Leute besser schlafen, dass sie klügere Entscheidungen treffen, dass sie teilweise ihre Jobs wechseln und dann Jobs finden, die besser zu ihnen passen und man kann insgesamt sagen, dass sie als Persönlichkeiten aufblühen", zieht Bohmeyer ein positives Fazit. Die Teilnehmer würden zudem gesünder und verhielten sich sozialer.

Bohmeyer ist ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens für alle. Die Aktion soll eine Diskussionsgrundlage liefern. Denn unumstritten ist das Grundeinkommen nicht. Unklar ist weiterhin, ob Menschen dann überhaupt noch Jobs im Niedriglohnsektor übernehmen.

Jeremy Scheibe im Gespräch (Bild: rbb)Jeremy Scheibe im Gespräch

Viele Unklarheiten, aber positive Auswirkungen

"Es gibt ein paar Leute, die wahrscheinlich früher oder später eh gekündigt hätten. Die können sich jetzt die Zeit nehmen, den richtigen Job zu finden. Wir erleben aber, dass es einen großen Motivationssprung gibt. Sowohl bei den Leuten, die in ihrem Job bleiben, als auch bei denen, die nun einen neuen Job haben", sagt Michael Bohmeyer.

Den richtigen Job hat auch Jeremy Scheibe gefunden. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitet jetzt im Potsdamer Landtag. Dort kann er seine Erfahrungen mit dem Grundeinkommen zukünftig direkt einbringen.

Sendung: Antenne Brandenburg, 17.05.2022, 14:12 Uhr

24 Kommentare

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  1. 24.

    "Morgens 4 oder 5Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen???"
    Das ist das erste,was dir bei 'Ausbeutung' einfällt?
    Wer keine Lust hat zu arbeiten,der schafft es auch jetzt schon durchzukommen.

  2. 23.

    Eine Wirkung,die wohl garantiert gesamtgesellschaftlich erhalten bleibt,ist,dass man mehr Sicherheit bekommt,mit all den beschriebenen Auswirkungen.
    Wozu sollte es dann noch ein System wie Hartz4 geben und warum sollte ein Empfänger vom BGE schlechter gestellt sein als ein ALG2-Empfänger? Da fehlt mir die Begründung.
    Das Hauptziel muss sein möglichst wenige Bedürftige zu haben und nicht deren bestmögliche Betreuung.

  3. 22.

    Der 500 Euroschein auf dem Bild wird bereits als Sammlerstück weit höher gehandelt. Also schon die erste gute Investition!

  4. 21.

    Was bitte verstehen sie unter Ausbeutung?? Morgens 4 oder 5Uhr aufstehen und zur Arbeit gehen??? Natürlich muss dann auch noch ein zusätzlicher freier Tag her und keinesfalls 7 oder 8 Std. am Stück arbeiten. Aber genau dazu haben viele keinen Bock und da wäre das bedingungslose Grundeinkommen völlig deplatziert.

  5. 20.

    „Den richtigen Job hat auch Jeremy Scheibe gefunden. Der studierte Politikwissenschaftler arbeitet jetzt im Potsdamer Landtag.“
    Niedriglohnsektor

    + 1000 Euro mtl. bedingungsloses Grundeinkommen.

    Objektiv also kein Niedriglohnsektor + Bezuschussung.

    Die Sache ist tot, bevor sie erst richtig begonnen hat.

  6. 19.

    über 1000 mal 1000 monatlich macht knappe 12 millionen ;)

    dieser verein, den es schon etwas länger gibt, versteht auch relativ gut für seine - ja durchaus sinnvolle und gute - sache zu werben

    gestaltet ist das ganze so, dass leute - welche die idee eben gut finden - dem verein kleinbeträge spenden können und immer dann, wenn das töpfchen volle 12.000 gesammelt hat verlost wird

    und auf der website des vereins sieht man z.B dass aktuell knapp 200.295 "crowdhörnchen" (privatpersonen die monatlich spenden)knapp 881.197 euro im monat beitragen (war anfangs natürlich weniger und wird mit steigender bekanntheit dieser idee naturgemäß immer mehr) ... also knapp 4 euro pro spendender person

    dazu kommen dann noch einmal spenden und großspenden von unternehmen (z.B zu weihnachten) ...


    und jetzt stelle ich dir einfach mal - just for fun - eine frage:
    wieviele mitglieder hat denn dein tanzverein?

  7. 18.

    Der fundamentale Fehler ist es, Menschen in einem Niedriglohnsektor auszubeuten. Aber auch das wird nicht von Dauer sein...

  8. 17.

    Der fundamentale Fehler und Fehlschluss bei jedem solcher Versuche liegt darin begründet, dass man aus einem Individualexperiment mit entsprechender Wirkung auf ein gesamtgesellschaftliches Projekt schließt. Das BGE kann es nicht ohne begleitende und tiefgreifende Sozialsicherungssysteme geben. Ferner erteilt gerade die Idee, sich selbst verwirklichen zu wollen, dem Anspruch an gesellschaftliche Solidarität - Hilfe für Bedürftige, existenzsichernder Lohn, Bekämpfen von Diskriminierungen - eine Absage. Denn man schafft mit einer - angenommenen - Gruppe von BGE-Beziehenden nur eine neue Gruppe Ausbeutbarer, eine Kaste, die durchaus noch unter jetzigen Alg-II-Beziehenden anzusiedeln ist. Zudem unterhöhlt das Prinzip des BGE das Sozialversicherungssystem, falls sich Arbeitegeber*innen durch die garantierten BGE-Vermögen ihrer Arbeitnehmer*innen dazu verleiten lassen, die Lohnkosten auf letztere abzuschieben.

  9. 16.

    Ich frage mich, wo ein Verein 1000 mal 1000, also 1 Million Euro her hat.
    Gibt es da einen Fond oder sind die Vereinsmitglieder Millionäre, die das Geld als Spenden absetzen?
    Unser Tanzverein wäre jedenfalls an solchen Vermögen auch interessiert!

  10. 15.

    Nur weil Sie faul und bequem werden würden, heißt das nicht, dass das auch alle anderen so machen würden. Studien haben ergeben, die große Mehrheit würde weiterhin arbeiten gehen, allerdings ohne sich ausbeuten zu lassen...

  11. 14.

    Die Finanzierung wäre einfach: Man bräuchte nur diesen riesigen, unnötigen Bürokratie-Apparat abschaffen, der sich mit der Bearbeitung von Hartz4, ALG 1, ALG2, BerlinPass, Bafög, WBS-Schein und und und befasst. Da schlummern Millionen! Und, wie der Beitrag ganz gut beschreibt: Die Leute wären glücklicher! Und jetzt für jeden traditionell denkenden Menschen: Ein glücklicher Arbeiter ist ein produktiverer Arbeiter!

  12. 13.

    Alle bisherigen (außer vielleicht #4) Kommentatoren haben bewiesen,dass sie das Prinzip Grundeinkommen nicht verstanden haben. Da ist also noch viel Aufklärung von Nöten.
    Die Zeichen reichen auch nicht aus,um hier alle Vorbehalte zu zerpflücken.

    Nur so viel,wo steht,dass man nicht mehr arbeiten soll? Keiner zwingt dich aufzuhören. Wem reichen bitte 1000 Euro zum guten Leben?

    "Unklar ist weiterhin, ob Menschen dann überhaupt noch Jobs im Niedriglohnsektor übernehmen."
    Da liegt nämlich der Hund begraben. Es lässt sich mit einem (vernünfitgen) Grundeinkommen viel schwieriger Leute ausnutzen.

    Ein Grundeinkommen würde funktionieren. Die Frage ist nur,wie hoch soll es ausfallen,wie wird es finanziert und wie schafft man eine Einführung?

  13. 12.

    Wenn ich Geld für nix tun bekommen würde, würde ich auch „aufblühen“. Auf jeden Fall ist es schlecht angelegtes Geld, denn es erzieht zur Faulheit und Bequemlichkeit.

  14. 11.

    Das bedingungslose Grundeinkommen an EInzelpersonen zu "testen", die von der "normalen" wirtschaftlichen Umwelt umgeben sind, ist SINNLOS und stellt nur eine Art Geschenk an die betreffenden dar!
    Erst, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen in der gesamten Volkswirtschaft umgesetzt wird, werden sich weitreichende Veränderungen im Lohn/Preis-Verhältnis gegenüber den jetzt üblichen Bedingungen ergeben.

    Werden Löhne steigen oder fallen? Werden hohe Einkommen noch höher und niedrige auch?
    Was ist mit Mieten oder Preisen für Nahrungsmittel und Luxusartikeln?
    Welcher minderqualifizierte wird noch schlecht bezahlte Tätigkeiten ausüben wollen?
    Werden aus anderen Ländern mehr Menschen zuwandern, um in den Genuss des bedingungslosen Grundeinkommens zu kommen?

    All das kann man NICHT an Einzelfällen untersuchen!

  15. 10.

    Ich würde es wichtiger finden, dass erst mal Care-Arbeit bezahlt wird. Denn die wird tatsächlich geleistet und nicht anerkannt.

  16. 9.

    Richtig Anne Meier! Da bin ich absolut bei Ihnen.
    Und ich setze da mal noch einen grundsätzlichen Gedanken drauf: Dieses Projekt geht von der Annahme aus, dass Arbeit zum Lebensunterhalt Zwang ist. Das ist der falsche Ansatz. Arbeit mit idealer Weise ausreichend Geld für den Lebensunterhalt ist für den Geist und für die Geschicklichkeit eine kreative Angelegenheit. Sowohl für den Fließbandarbeiter, den Müllkutscher oder einen Künstler. Und Arbeit ist auch ein sozialer Mittelpunkt im Leben. Sicher könnte man das auch einfach so aus Spaß machen, weil der Lebensunterhalt geschenkt ist. Dann kann man es aber gleichartig erst Recht für den eigenen Lebensunterhalt machen.
    Also ich für meinen Teil muss nicht zur Geldverdienarbeit, ich will! Weil ich es für mein Leben und meine persönliche Entwicklung und auch mein Selbstbewusstsein so will. Deshalb habe ich mir auch immer Jobs gesucht, die zu meinem Lebensentwurf passen und mir sowie der Gesellschaft auch was geben. Das kann fast jeder!

  17. 8.

    Wenn man in der Lage ist zu arbeiten, dann sollte man das tun. Und, auf diese Weise für den eigenen Lebensunterhalt sorgen und der Gesellschaft zurückgeben, was man über die Jahre erhalten hat. Z.B. durch Inanspruchnahme von Subventionen aller Art: öffentl. NV, Kultur, Bildung , Gesundheitsversorgung ect. Das bedingungslose Grundeinkommen ist unsozial
    und fördert Faulheit. Unterstützung sollten nur d. Menschen erhalten, die nicht für sich selbst sorgen können. Kranke, Kinder...

  18. 7.

    Solange es noch genug Doofe gibt, die dieses Geld Erwirtschaften, ist die Welt doch in Ordnung!

  19. 6.

    "Die Leute schlafen besser, sie treffen klügere Entscheidungen"
    Ach was! Wieso schlafe ich dann richtig gut, wenn ich nach einem erfüllten Arbeitstag und einigen anderen ausgleichenden Tätigkeiten den Tag verlasse? Und dass ich am Tage allermeist gute Entscheidungen getroffen habe, lässt mich noch viel besser in den Schlaf gleiten.
    Allso wegen besserem Schlaf und klügeren Entscheidungen nur Geschenke nehmen zu wollen ohne für die Gesellschaft eine adäquate Gegenleistung oder Beteilung zu bringen, ist für mich jetzt kein Argument für "bedingungslos" geschenkt. Dass Menschen in außergewöhnlichen Lebenslagen Unterstützung bekommen, teile ich ohne Gegenfrage. Eben weil solche Menschen es wirklich brauchen! Nicht weil sie es wollen.

  20. 5.

    "verhielten sich sozialer"? Ist es nicht sozialer uns gegenüber, wenn man sein Bafög aus vollem Einkommen zurückzahlt? Ist es nicht gerechter, wenn man für seine Rentenpunkte selbst sorgen muss, um nicht "Almosen" zu bekommen? Dies berührt auch die Frage der Lebensarbeitszeit. Ist die Gefahr, dass diese noch mehr sinkt als bisher, nicht zu groß und zu teuer für uns alle? Ist es nicht für das Selbstwertgefühl besser, wenn man als Ergebnis von Anstrengungen belohnt wird, statt "Geschenke" zu erhalten, die mit der Zeit an Wert verlieren (durch Gewohnheit) und Neid wecken? Führt dieser "Neid" im Umfeld nicht zur Ablehnung, was für die eigene Stimmung sehr schlecht ist? Und dann schläft man nicht mehr so gut...

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