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Audio: rbb24 Inforadio | 02.03.2024 | Interview: Alexander Soyez/Ilker Çatak | Quelle: dpa/Chris Pizzello

Oscar-Nominierung für "Das Lehrerzimmer"

Regisseur Çatak: "Muss man wirklich einen typisch deutschen Namen haben?"

Regisseur İlker Çatak ist mit seinem Film "Das Lehrerzimmer" für den Auslands-Oscar nominiert. Doch in vielen deutschen Medien ist das quasi ignoriert worden. Das hat Çatak öffentlich kritisiert. Im Interview erklärt er wieso.

rbb|24: Erst einmal herzlichen Glückwunsch zur Oscar-Nominierung!

İlker Çatak: Danke.

Das ist eine kurze Dankesäußerung. So ganz ungetrübt scheint Ihre Freude im Moment nicht zu sein. Sie haben auch schon Posts dazu in den sozialen Medien veröffentlicht: Im Gegensatz zu Sandra Hüller und Wim Wenders werden Sie tatsächlich etwas übergangen.

Also zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich sowohl Sandra Hüller als auch Wim Wenders verehre für das, was sie tun, und ich drücke ihnen alle Daumen. Ich habe Wim bereits gesagt, dass ich mich wirklich schlecht fühlen würde, wenn ich gewinne und er nicht, weil er sein Leben diesem Beruf gewidmet hat. Als ich zur Welt kam, hat er "Paris Texas" gemacht, "Der Himmel über Berlin" kam, als ich drei war.

Ich gönne beiden alles. Ich habe mich jedoch letzte Woche entschieden, auf einige Zustände unserer Medienlandschaft aufmerksam zu machen und habe damit eine Welle losgetreten, mit der ich jetzt umgehen muss.

Preisverleihung im März

"Das Lehrerzimmer" von Berliner Çatak für Auslands-Oscar nominiert - auch Wenders im Rennen

Drei Deutsche können sich im März Hoffnungen auf einen Oscar machen: Die Schauspielerin Sandra Hüller sowie die Regisseure Wim Wenders und Ilker Çatak. Für "Das Lehrerzimmer" des in Berlin geboren Çatak wäre es nicht die erste Auszeichnung.

Was waren denn ihre ganz persönlichen Auslöser?

Es ging darum, dass die beiden immer als die Deutschen erwähnt wurden und wir, also das Team des "Lehrerzimmers", immer nur als die anderen. Man fragt sich dann schon: Warum ist das so? Wieso werden Sandra Hüller und Wim Wenders als die Deutschen erwähnt, und ich, der ja auch Deutscher ist, als der andere?

Es geht mir nicht wirklich um mich, sondern darum, dass ich gemerkt habe, dass viele Menschen im Rahmen dieser Oscar-Nominierung zu mir aufschauen und ich Nachrichten wie "Du bist ein Vorbild" bekomme. Ich habe dann gemerkt, dass das jetzt auch meine Verantwortung ist, dazu Stellung zu nehmen und auf diesen Missstand hinzuweisen. Deshalb habe ich ein paar Artikel und Screenshots auf Instagram gepostet, genau in dieser Art formuliert waren.

Entweder wurde mein Name nicht genannt oder es hieß nur Sandra Hüller, Wim Wenders und "Das Lehrerzimmer". Dann habe ich einfach die Frage in den Raum gestellt: Muss man wirklich einen typisch deutschen Namen haben, um als Filmemacher in dieser Headline erwähnt zu werden?

Wann ist Ihnen das zum ersten Mal aufgefallen, dass Sie übersehen wurden?

Am 23. Januar, als die Oscar-Nominierungen herauskamen, hat mich mein Produzent Ingo Fliess gleich auf einen Artikel aufmerksam gemacht, in dem ich nicht erwähnt wurde. Ich habe das zunächst von mir weggeschoben, weil ich dachte, es ist doch egal, ob mein Name dort steht. Aber es hat sich dann in den folgenden Wochen durchgezogen, und ich habe mit ein paar Kollegen darüber gesprochen und gemerkt, dass ich nicht der Einzige bin, der hier vernachlässigt wird in der Berichterstattung.

Es hat sich schrittweise aufgestaut, man kann ein Frustgefühl vielleicht eine Zeit lang verdrängen, aber dann platzt es doch raus. Es wird Leute geben, die sagen, ach, dessen Name wurde nicht genannt, jetzt regt er sich auf. Es geht mir allerdings um all die Menschen, von denen ich Nachrichten bekomme, die sagen: Ja, genau aus diesem Grund haben wir unseren Kindern deutsche Namen geben müssen, weil wir Angst hatten, dass sie diskriminiert werden.

Ich habe den Luxus, in Zukunft auch woanders arbeiten zu können. Ich muss hier nicht bleiben. Aber ich dachte, in dem Moment, wo man im Rampenlicht steht und diese Sichtbarkeit hat, kann man sie auch für etwas Sinnvolles nutzen. Ehrlich gesagt ist es mir lieber, über diese Themen zu sprechen als zum 100. Mal über meine Freude über diese Oscar-Nominierung oder über "Das Lehrerzimmer".

Ist das Ihrer Ansicht nach mehr ein Salonrassismus oder systemischer Rassismus?

Rassismus ist ein großes Wort und man muss vorsichtig damit umgehen. Aber ich habe viel darüber nachgedacht und ich glaube, in der Wurzel von Rassismus liegt Nachlässigkeit, Ignoranz und Faulheit. Es ist nicht so anstrengend, über den weißen Tellerrand hinauszublicken, es ist nicht so schwierig, aber es bedeutet viel.

Deshalb habe ich auch in den sozialen Medien gesagt: Hier geht es um strukturellen Rassismus. Wenn man bedenkt, wie Menschen mit Migrationsgeschichte vernachlässigt oder ignoriert werden, wie ihre Namen falsch geschrieben werden, dann zeugt das von Blödheit, Ignoranz und Nachlässigkeit, die ich von Journalisten in diesem Land, vor allem in den Leitmedien, nicht erwarte.

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Was erwarten Sie?

Ich erwarte, dass sie ihre Arbeit richtig machen, dass sie ihren Ethos hochhalten und dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst sind, wenn sie schreiben "Wir Deutschen bei den Oscars" oder wenn ein Magazin titelt: "Germany schlägt Greta Gerwig". Es geht doch nicht darum, jemanden zu schlagen. Das ist keine Weltmeisterschaft. Wir arbeiten im Kunstbetrieb. Dass das aber so oft in einem nationalistisch-patriotischen Ton geschieht oder dass diese Headlines so sind, das ekelt mich nicht nur an, sondern ich finde es auch fahrlässig angesichts unserer politischen Situation.

In Deutschland haben wir ein schwieriges Verhältnis zum Patriotismus, insbesondere aufgrund unserer Geschichte. In anderen Ländern ist das eine Selbstverständlichkeit, die Menschen feiern es und hinterfragen es nicht. Aber wir stehen in der Pflicht, es zu hinterfragen.

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Es sind erst zwei Generationen seit dem Holocaust vergangen, wir stehen immer noch in der Pflicht, es zu hinterfragen. Ich hinterfrage es, weil mir etwas an dieser Gesellschaft liegt, weil ich glaube, dass Deutschland ein tolles Land ist und man hier auch etwas bewegen kann.

Und wenn man schon sagt "Deutschland bei den Oscars", dann erwarte ich, dass man zumindest sagt: Hey, schaut her! Es ist auch die Geschichte einer Migration in die Erfolgsgeschichte von Migration. Wir haben einen türkischen Gastarbeiter in den 1960ern aufgenommen, der mit seiner Familie herkam, der Analphabet war. Hier hat er Lesen und Schreiben gelernt. Er hat einen Sohn großgezogen, der wiederum seinen Sohn großgezogen hat - und der bringt uns jetzt den Oscar.

Das hätte eine schöne Geschichte über Migration sein können. Aber das ist eben das Problem: dass solche Geschichten in unseren Medien nicht von Interesse sind.

Wie sind die Reaktionen darauf ausgefallen, dass Sie Ihrer Wut Luft gemacht haben?

Ich habe jetzt noch weniger Zeit, weil wir jetzt natürlich noch mehr Anfragen haben. Ich habe viele Interviews gemacht, ich habe einen Essay zu dem Thema geschrieben. Es kommt etwas auf mich zu, aber ich bin ja auch damit in die Offensive gegangen, und deswegen muss ich jetzt auch dazu stehen.

Aber ich habe zum Glück ein gutes Team, das mich unterstützt, und ich hoffe einfach, dass wir durch diese Oscar-Nominierung mehr bewirken können als Glamour - und dass ich mit dieser Aufmerksamkeit wirklich ein paar Menschen mit Migrationsgeschichte in diesem Land Balsam auf der Seele sein kann.

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Glauben Sie, dass Sie das bei der Oscar-Verleihung oder auch den Tagen davor trotzdem einigermaßen genießen können?

Ja, ich bemühe mich natürlich sehr, diesen Ärger nicht zu sehr an mein Gemüt ranzulassen, aber es ist gerade schwierig. Ich weiß nicht, wie es ab nächster Woche wird, wenn wir rüberfliegen. Ich glaube, dass in dem Moment, wo man dann in der Sonne steht und das alles ein bisschen weiter weg ist, dass das dann auch kommt. Die Freude ist momentan eher eine Verantwortung, die ich spüre.

Viel Glück trotzdem und eine schöne Zeit in Los Angeles

Danke.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Alexander Soyez, rbb24 Inforadio.

Sendung: rbb24 Inforadio, 01.03.2024, 10:03 Uhr

Beitrag von Alexander Soyez

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