"Tag der Pflegenden" in Berlin - "Oft ist nur eine Minimalversorgung der Pflegebedürftigen durchzuführen"

Do 12.05.22 | 16:30 Uhr | Von Jenny Barke
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eilnehmer der Aktion «Der Pflege geht die Luft aus» der Bundespflegekammer und des Berliner Walk of Care gehen mit Krankenhausbetten am Reichstagsgebäude vorbei. (Quelle: dpa/Fabian Sommer)
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Audio: Inforadio | 12.05.2022 | Jenny Barke | Bild: dpa/Fabian Sommer

Klatschen gegen Corona: Dass das den Pflegenden als Zeichen der Wertschätzung nicht reicht, sollte inzwischen klar sein. Doch die Belastung am Limit ist geblieben. Drei Pflegefachfrauen haben mit Jenny Barke über Wunsch und Wirklichkeit gesprochen.

Für Mia Wolter kollidiert täglich ihre Idealvorstellung mit der Realität. Die 22-Jährige Berlinerin ist noch in Ausbildung, bekommt dort gelehrt, wie sie medizinisch korrekt, sorgfältig und empathisch pflegt. Das umzusetzen gelingt ihr in der Praxis allerdings kaum, weil die Rahmenbedingungen fehlen. "Oft ist es so, dass nur eine Minimalversorgung der Pflegebedürftigen durchzuführen ist, weil wir zu wenig Zeit für die Bedürfnisse der einzelnen Menschen haben", sagt Wolter.

Werde jemand aus ihrem Team krank, gebe es keinen Puffer, sagt die Auszubildende. "Man muss dann noch mehr Menschen als Pflegekraft betreuen oder auf den freizeitlichen Ausgleich verzichten." Und mit dem demografischen Wandel verschlechtere sich die Lage noch: Eigentlich bräuchte der Berufsstand dringend mehr Personal. Doch die Anreize würden weiterhin fehlen.

Täglich grüßt das Murmeltier

Um gegen die Missstände zu demonstrieren, hat sich Mia Wolter mit anderen Auszubildenden sowie jungen Berufseinsteigern hat sie sich zum "Walk of Care" zusammengeschlossen. Zum Tag der Pflegenden demonstrieren sie im Invalidenpark.

Dabei sind ihre Forderungen nicht neu, sie würden nur Jahr für Jahr gestellt und kaum umgesetzt, sagt Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats. Ihren Frust kann sie nur noch mit Humor deckeln: "Der Tag der Pflegenden ist fast wie der Weihnachtstag. Wir können nur jedes Jahr immer wieder die selben Dinge sagen: Wir brauchen verbindliche Personalbemessungsinstrumente, wir brauchen eine vernünftige Entlohnung."

Ihre Liste an Forderungen ist lang: Auch ein vernünftiges Bildungskonzept mit Studiengängen und einer Pflegeassistenz-Ausbildung sei notwendig. Zudem fehle es an Mitspracherechten im Gesundheitswesen. Kurzum: "Wir brauchen Strukturen, in denen wir auch als Pflegende mit unseren Kompetenzen finanziert werden."

Finanzierung nach dem Gießkannenprinzip

Der Koalitionsvertrag der Ampelregierung habe viel versprochen, doch Vogler fehlen die Signale der Umsetzung [PDF: Koalitionsvertrag / spd.de]. Einzig ein Pflegebonus ist bisher beschlossen - insgesamt eine Milliarde Euro will der Bund an Beschäftigte von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ausschütten.

Für Pflegerin Silvia Habekost, die sich bereits seit 30 Jahren für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege, unter anderem in der Berliner Krankenhausbewegung einsetzt, eine Finanzierungsspritze nach dem Gießkannenprinzip, es sei ungerecht verteilt und würde so Pflegende untereinander ausspielen. Für faire Tarife hingegen sei nie Geld da, ärgert sich Habekost. "Also 100 Milliarden Euro für die Aufrüstung der Bundeswehr sind da. Das geht, ganz schnell. Aber in den Bereichen, wo wir schon lange sagen, dass das endlich ausreichend auskömmlich finanziert werden muss, da schaffen sie es nicht", sagt Habekost.

Der Teufelskreis profitorientierter Krankenhäuser

Habekost hält die aktuelle Gesundheitspolitik im Pflegebereich für einen Systemfehler. Sie fordert, dass nicht mehr der Markt das Gesundheitswesen regelt. "Es darf mit Gesundheit kein Profit gemacht werden." Zwar gebe es inzwischen einen Entlastungstarifvertrag, der Vivantes und Charité einen Personalschlüssel vorschreibt. Allerdings: Der Vertrag könne oft nicht vernünftig umgesetzt werden.

Denn um einen Personalschlüssel durchzusetzen, braucht es ausreichend Personal. Fehlt es, wie es oft in der Praxis der Fall ist, müssen Betten gesperrt werden, um den Schlüssel zu halten. Das können sich die profitorientierten Krankenhäuser aber nicht leisten. Fehlt Geld, kann kein Personal eingestellt werden. Habekost hält das für einen Teufelskreis.

Dass sich das Infektionsgeschehen durch Corona beruhigt hat, habe es nicht besser gemacht: "Es war ja schon vor Corona schlecht. Und jetzt müssen wir auch bei weniger Corona-Kranken bei jedem Patienten schauen, ob der nicht Covid-positiv ist. Wir tragen weiter Masken. Der Aufwand ist im Grunde genauso hoch."

40 Prozent der Pflegenden denken über Aufgeben nach

Gebetsmühlenartig wiederholen Pflegekräfte seit Jahren ihre Forderungen. Leider noch immer mit mäßigem Erfolg. Deutschland hat noch immer die schlechteste Personalbemessung bei Pflegekräften im gesamteuropäischen Vergleich. Eine Pflegekraft betreut hier im Durchschnitt 14 Patientinnen und Patienten.

Dass sich so wenig bewegt, führt zu anhaltendem Frust. 40 Prozent der Pflegekräfte können sich mittlerweile vorstellen, ihren Beruf aufzugeben, hat eine bundesweite Umfrage der Alice Salomon Hochschule ergeben [thieme-connect.com]. Mia Wolter und Silvia Habekost gehören nicht dazu. Noch nicht.

Sendung: Inforadio, 12.05.2022, 15:30 Uhr

Beitrag von Jenny Barke

2 Kommentare

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  1. 2.

    Tja so ist es, es gab Zeiten wo die pflegenden Angehörigen eine Selbstverständlichekeit waren, und es gab nicht einmal das Pflegegeld.
    Jetzt bekommen die pflegenden Angehörigen wenigstens ein finanziellen Opulus, immerhin.

  2. 1.

    …und dann gibt es noch uns pflegende Angehörige, die keinerlei Gewerkschaft haben. Keinen Feierabend, kein Wochenende, keinen Urlaub, keine Entlohnung (das Pflegegeld, welches übrigens das letzte Mal im Jahr 2017 erhöht wurde, bekommt der Pflegebedürftige, der dann entscheiden kann, was mit dem Geld passieren soll)… Die hauptamtlichen Pflegefachkräfte haben es tatsächlich sehr schwer, doch die pflegenden Angehörige werden erst recht nicht beachtet.

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