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Quelle: IMAGO / Matthias Koch

Die schwere Kaderplanung von Hertha BSC

Blau-weißes Wimmelbild

Das frisch geschossene Mannschaftsfoto von Hertha BSC sorgt für Aufsehen. Gespickt mit Spielern, die in wenigen Wochen, Tagen oder sogar nur Stunden womöglich gar nicht mehr in Berlin sind, zeigt es: Die Kaderplanung des Zweitligisten ist komplex. Von Marc Schwitzky

Früher gehört es zu den größten Freuden des geneigten Fußball-Fans, vor Beginn der neuen Bundesliga-Spielzeit das Sonderheft des "Kicker"-Magazins zu kaufen. Wie haben sich die Bundesliga-Mannschaften verstärkt? Was war in der Vorbereitung so los? All jenes Wissen kompakt auf etwa 180 Seiten gedruckt. Es war die Bibel für die quälend langen Wochen vor dem Ligastart, der ständige Begleiter im Sommerurlaub.

Doch mit den Jahren hat die Faszination für das Saisonheft rapide abgenommen. Zum einen sorgt die voranschreitende Digitalisierung dafür, dass all die Informationen über die Aktivitäten der Fußballvereine taufrisch im Internet abzurufen sind. Zum anderen hat der völlig überhitzte Transfermarkt zu einem Poker der Klubs geführt, der erst sehr spät seine Früchte trägt. Verpflichtungen werden oftmals erst offiziell, wenn die neue Saison bereits begonnen hat. Wozu also ein Saisonheft kaufen, wenn noch nichts feststeht?

Transfer-Ticker für Berlin und Brandenburg

Ex-Herthaner Jovetic schließt sich Olympiakos Piräus an

Nach seinem schon länger verkündeten Abschied von Hertha BSC hat Offensivspieler Stevan Jovetic einen neuen Verein gefunden. Der Montenegriner steht ab sofort beim griechischen Erstligisten Olympiakos Piräus unter Vertrag. Alle Zu- und Abgänge der Top-Vereine aus der Region im Transfer-Ticker.

"Der spielt noch bei Hertha?!"

Einen ähnlichen Mehrwert bietet der DFL-Media-Day. An jenem Tag werden die Spieler der ersten beiden deutschen Profi-Ligen vor die Kamera gebeten. Es entstehen Portraitbilder, GIFs, kurze Videos, Jubel-Posen – und ein Mannschaftsfoto. Auch hier entflammt die Nostalgie, denn früher zierten diese Bilder unzählige deutsche Kinderzimmer. Doch auch das Mannschaftsbild ist mittlerweile nahezu wertlos – und Hertha BSC das perfekte Beispiel dafür. Denn 20 Tage vor Saisonstart ist der Kader eine riesige Baustelle.

Das am vergangenen Mittwoch geschossene Mannschaftsfoto kommt einem Wimmelbild gleich, es gibt überall etwas zu entdecken. Mehr als nur einmal werden Fußball-Fans bei diesem Anblick verwundert die Augen zugekniffen haben. Krzysztof Piatek, Alexander Schwolow, Myziane Maolida, Deyovaisio Zeefuik – längst vergessene Namen, die durch eine Leihe aus dem Hertha-Kader verschwunden waren, tauchen urplötzlich wieder auf. Die Frage "der spielt noch bei Hertha?!" wird beim Betrachten nicht nur einmal gefallen sein.

Spieler, die für die großen europäischen Träume zu Windhorst-Zeiten geholt wurden, stehen direkt neben jenen, die nach dem Absturz nun beim Neuaufbau in Liga zwei helfen sollen. 33 Spieler, sechs (!) Torhüter, Ablösesummen zwischen 25 Millionen und null Euro. Fehleinkäufe, wechselwillige Spieler, Neuankömmlinge, womöglich verbleibende Spieler, Eigengewächse – alles auf einem Bild. Und so ist der Schnappschuss eigentlich kein Mannschaftsfoto, sondern vielmehr ein Festhalten der noch völlig verzerrten Kaderplanung von Hertha BSC.

Schwierige Bedingungen für das Trainerteam

Mit Dodi Lukebakio, Suat Serdar, Agustin Rogel, Peter Pekarik und der frischesten Verpflichtung, Innenverteidiger Toni Leistner, fehlen auf dem Mannschaftsfoto sogar fünf weitere Spieler. Damit stehen momentan 38 Spieler im Kader der "alten Dame". Eine Zumutung für das Trainerteam, das die Aufgabe hat, eine schlagfertige und eingeschworene Truppe zu formen. Von einer Einheit kann aufgrund der schieren Anzahl von Spielern und den so unterschiedlichen Karriereplanungen jedoch keine Rede sein.

In wenigen Tagen reist Hertha ins Trainingslager nach Österreich. "Ich nehme höchstens 26 Feldspieler und vier Torhüter mit", stellte Trainer Pal Dardai bereits klar. "Da müssen einige zu Hause bleiben und Lauftraining absolvieren. Wir achten drauf, dass alle auch etwas Balltraining bekommen – unter Aufsicht eines Pro-Lizenz-Trainers." Was einer unpopulären "Trainingsgruppe 2" gleichkommt, ist schlichtweg notwendig, um sich vernünftig auf die Saison vorzubereiten, die am 28. Juli beginnt.

Die letzten Medienrunden Dardais ergaben wenig Erkenntnisse – unüblich für den sonst so deutlichen Ungarn. Mit Begriffen wie Trainingsrückstand, Sonderurlaub oder Belastungssteuerung druckst Dardai bei Nachfragen, weshalb Spieler XY nicht das Mannschaftstraining oder die Testspiele absolviert, herum. Teilweise weicht der 47-Jährige regelrecht aus. Seine Antworten sind das Produkt der unklaren Personalsituation: Er weiß teilweise schlichtweg nicht, wann er mit welchem Spieler noch rechnen kann und bei denen, wo er es weiß, kann er Herthas Verhandlungsposition nicht dadurch schwächen, indem er öffentlich über bevorstehende Abgänge philosophiert.

Großer Umbruch steht bevor

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Sportdirektor Weber in einer undankbaren Situation

Denn Herthas Verhandlungsposition ist überaus schwach. Der Hauptstadtverein braucht aufgrund der massiven wirtschaftlichen Schieflage dringend Einnahmen. Die Kaderkosten sollen um mindestens 30 Prozent gesenkt werden und ohne Einkünfte aus Spielerverkäufen und deren eingespartes Gehalt können keine Verpflichtungen festgezurrt werden. Wenig überraschend hat Hertha mit Jeremy Dudziak, Toni Leistner und Marius Gersbeck bislang nur ablösefreie oder durch eine Sonderklausel überaus günstige Spieler verpflichtet. Der Wechsel eines Diego Demme zieht sich bereits seit vielen Wochen, weil die für ihn benötigten Geldmittel noch nicht freigeworden sind.

Und all das wissen die anderen Vereine, sodass sich Herthas Sportdirektor Benjamin Weber in einer überaus undankbaren Lage befindet. Herthas Abstieg, die wirtschaftlichen Probleme, die nach wie vor horrende Gehaltsstruktur, der kurz bevorstehende Saisonstart – all das sind Faktoren, die den Preis von Hertha-Spielern drücken. Für Weber und sein Team ist es ein ständiger Balanceakt aus dem Versuch, einen möglichst guten Preis für Abgänge zu erzielen und gleichzeitig möglichst schnell zu verkaufen, um die Kaderplanungen vorantreiben zu können. Herthas Sportdirektor könnte jenen Prozess nur dadurch eklatant beschleunigen, indem er Spottpreise akzeptiert, was ebenfalls zu Kritik führen würde. Ein klassisches Dilemma.

Ob Lukebakio, Serdar oder Piatek - bei keinem offensichtlichen Abgangskandidaten sitzt Hertha am längerel Hebel und kann aus einer Position der Stärke agieren. Ein "na gut, dann behalten wir sie halt und erhöhen unsere Aufstiegschancen" wie einst bei Spielern wie Raffael oder Adrian Ramos kann es dieses Mal aufgrund der wirtschaftlichen Konsolidierung nicht geben. Früher oder später müssen jene Spieler verkauft werden.

Hertha geht mit einem unfertigen Kader in die neue Saison

Womöglich kommt in den nächsten Tagen Bewegung in Herthas Personalbemühungen. Die Abgänge von Jessic Ngankam, Tolga Cigerci oder auch einem Oliver Christensen sollen näher rücken, wodurch die Blau-Weißen selbst aktiv werden könnten. Dennoch bleibt Herthas Saisonvorbereitung problematisch. Denn in wenigen Tagen beginnt das für die Berliner so wichtige Trainingslager in Österreich, in welchem Trainer Dardai die spielerischen Abläufe für die neue Saison implementieren will. Und zahlreiche etwaige Neuzugänge, die in der Warteschleife stehen, werden nicht dabei sein und damit Elementares verpassen.

Im Kader von Hertha gibt es derzeit keine einzige Position, die personell bereits vollständig abgeschlossen ist. Das liegt auch daran, dass Spieler wie Marco Richter oder Marc Oliver Kempf bleiben könnten, es aber nicht sicher ist, da sie womöglich doch noch den Absprung in eine sportlich attraktivere Liga schaffen. Es bleiben unzählige Fragezeichen, die nicht bis zum Saisonstart geklärt sein werden. Das Transferfenster im Sommer endet erst am 1. September. Daher ist davon auszugehen, dass Hertha mit einem weitestgehend unfertigen Kader in neue Spielzeit gehen und Dardai zwangsläufig improvisieren wird. Eine schwere Bürde für einen Saisonauftakt, der bei einem Absteiger ohnehin stets mit viel Druck verbunden ist.

Sendung: rbb24 inforadio, 22 Uhr, 08.07.2023

Beitrag von Marc Schwitzky

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