Interview | Sportpsychologin Monika Liesenfeld - "Es gibt mehr Aufmerksamkeit für psychische Nöte der Spitzensportler"

US-Turnerin Simone Biles bei den Olympischen Spielen in Tokio im Gespräch mit ihrer Trainierin. Quelle: imago images/UPI Photo
Bild: imago images/UPI Photo

Bei Olympia machen mehrere Spitzensportler ihre psychische Belastung öffentlich: Simone Biles bricht einen Wettkampf ab, der Berliner Wasserspringer Hausding spricht von großem Druck. Für Sportpsychologin Monika Liesenfeld Schritte in die richtige Richtung.

rbb|24: Frau Liesenfeld, bei den Olympischen Spielen in Tokio sprechen mehrere Athleten öffentlich von ihren mentalen Belastungen: US-Turnstar Simone Biles befindet sich eigenen Angaben zufolge in einem "Kampf mit bösen Geistern", die japanische Tennis-Goldhoffnung Naomi Osaka sagte, es sei alles etwas viel gewesen, und auch der deutsche Bronzemedaillen-Gewinner im Wasserspringen, Patrick Hausding, sprach von großem Druck. Überrascht Sie die Häufung der Fälle?

Monika Liesenfeld: Es überrascht mich nicht. Es zeigt, dass sich etwas gewandelt hat in der Welt des Spitzensports, auch in der Betreuung. Spätestens seit dem Tod von Robert Enke gibt es mehr Aufmerksamkeit für psychische Nöte der Spitzensportler. Es ist normaler geworden, über Druck und Ängste zu sprechen, auch wenn da noch Luft nach oben ist. Je mehr Sportler offen darüber sprechen, umso deutlicher wird: Es herrscht Bedarf nach mentaler Fürsorge. Das sind ja keine Maschinen, sie haben einen Alltag, in dem es Sorgen, Nöte und Ängste gibt - wie bei jedem anderen auch.

Zur Person

Sportpsychologin Monika Liesenfeld. Quelle: Peter Grundmann
Peter Grundmann

Die Berlinerin Monika Liesenfeld ist Diplom-Psychologin und Diplom-Sportlehrerin.

Sie studierte Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule in Köln und Psychologie an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn.

Seit 2005 ist Liesenfeld Sportpsychologin am Olympiastützpunkt (OSP) Berlin.

Hauptaufgaben am OSP: sportpsychologische Beratung und Betreuung von Spitzensportlern und Trainern aus verschiedenen Sportarten zur Vorbereitung auf nationale und internationale Wettkämpfe

Ist es nicht ironisch, dass ausgerechnet bei den Olympischen Spielen, die vor leeren Rängen stattfinden, plötzlich Themen wie Versagensängste und öffentlicher Druck angesprochen werden?

Nein. Nur weil Zuschauer fehlen, ist der Druck ja nicht weniger. Etwa der eigene Druck, den man sich macht, Druck von Verbänden, von Geldern, die an Medaillen geknüpft sind. Und die Zuschauer sind ja trotzdem da, nur ebem vor den Fernsehern.

Lässt sich am Fall Simone Biles etwas über die Psyche von Spitzenathleten erklären?

Das kann ich nicht pauschal beurteilen, denn ich bin eine Verfechterin davon, jede Athletin und jeden Athleten einzeln zu betrachten. Man muss genau hinhören, genau hinschauen, welche Erfahrungen sie oder er gemacht hat. Ich würde wahnsinnig gern mit Simone Biles sprechen, aber ich kenne sie nicht. Ich finde es großartig, dass sie offen über ihren Rückzug spricht und ihr Ding durchzieht.

Biles erntete viel Anerkennung für ihren offenen Umgang. Zeigt dies, dass mentale Probleme im Sport beim Publikum kein Tabuthema mehr sind?

Was das Publikum anbetrifft, beobachte ich jedenfalls eine positive Entwicklung. Da hat sich in der Gesellschaft viel getan. Aber das Sportsystem ist noch nicht so weit. Spitzenathleten haben Druck, weil sie allein über ihre Leistung abgerechnet werden. Es geht um Ergebnisse, an denen Gelder hängen. Es gibt zwar hier und da neue Konzepte, gerade in der Förderung des Jugendbereichs, damit nicht alles Logik der Leistung folgt. Aber das ist natürlich auch ein Spagat: Im Leistungssport geht es logischerweise um Leistung. Ich finde: Es muss auch um die psychische Gesundheit der Athletinnen und Athleten gehen. Dies rückt zurzeit immer mehr in den Fokus und es sind Initiativen zur psychischen Gesundheit von Sportlern und Sportlerinnen entstanden, zum Beispiel "Mentalgestärkt".

Der ehemalige Fußballspieler Dietmar Hamann kritisierte die positiven Reaktionen auf Biles’ Offenheit nach ihrem Rückzug: "Wenn Aufgeben und Scheitern das neue Gewinnen sind, bin ich raus". Er machte geltend, dass man im Sport seine Teamkollegen nicht hängenlassen dürfe.

Das höre ich jetzt zum ersten Mal, und ich finde die Aussage schon heftig. Da werden viele Dinge in einen Topf geschmissen. Ich kenne keine Spitzenathletin oder Spitzenathleten, der leichtfertig bei Olympia aufgeben würde. Die Sportler, die ich kenne, wollen alles geben. Das gilt sicherlich auch für Simone Biles. Diese Entscheidung wird sie sich nicht leicht gemacht haben. Aber gerade in ihrer Sportart ist es immens wichtig, zu einhundert Prozent fit zu sein. Sonst kann man sich beim Turnen ganz übel verletzen. Und da sprechen wir nicht nur von einem Kreuzbandriss.

Mit welchen Problemen kommen Spitzensportler zu Ihnen?

Da ist alles dabei, es geht um private, familiäre Themen, die Beziehung zum Trainer. Manchmal geht es darum, aus einer Verletzung wieder rauszukommen. Oder um Druck, den man sich selbst macht. Leider gibt es gegenüber der Sportpsychchologie das Vorurteil, man arbeite hier nur an mentalen Kniffen zur Performance-Steigerung. Dagegen wehre ich mich. Es geht um sehr viel mehr. Sportpsychologen unterstützen bei der Persönlichkeitsentwicklung, sie begleiten die Athleten bei ihren Problemen. Der Arbeitsbereich ist weitaus komplexer.

Nehmen auch kerngesunde Athleten beziehungsweise Trainer Ihre Beratung in Anspruch, weil sie vorbeugen wollen?

Diejenigen, die zu mir kommen, sind grundsätzlich nicht krank. Ich arbeite mit gesunden Menschen. Aber wenn ein Sportler oder eine Sportlerin eine klinische Diagnose entwickelt, vermittle ich ihn oder sie auch an entsprechende Psychotherapeuten weiter.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Shea Westhoff, rbb sport.

Sendung: Inforadio, 29.07.21, 14:15 Uhr

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