Fehlverhalten beim Springreiten - Berliner Fünfkampf-Trainerin Raisner von Olympischen Spielen ausgeschlossen

Kim Raisner, aufgenommen am 16.06.2021 in Kienbaum (Quelle: dpa/Frank May)
Bild: dpa/Frank May

Das olympische Fünfkampf-Drama um Annika Schleu hat erste Folgen. Wegen ihres Verhaltens geht nun der Weltverband gegen Bundestrainerin Kim Raisner vor. Sie soll das Pferd von Reiterin Schleu mit der Faust geschlagen haben.

Nach dem Olympia-Drama um Fünfkämpferin Annika Schleu hat der Weltverband die aus Berlin stammende Bundestrainerin Kim Raisner von den Olympischen Spielen in Tokio ausgeschlossen. Grund sei ihr Verhalten beim Modernen Fünfkampf der Frauen gewesen, teilte der Verband am Samstag mit. Raisner soll das bockende Pferd der Berlinerin Schleu mit der Faust geschlagen haben.

Wann genau das geschehen sein soll, war zunächst unklar. Während des Springreiten-Wettbewerbs war Raisner wegen eines verbalen Kommentars in die Kritik geraten: "Hau mal richtig drauf! Hau drauf!", hatte sie - im Fernsehen deutlich hörbar - Schleu zugerufen. Die sichtlich überforderte Athletin hatte daraufhin verzweifelt mit der Gerte auf das verunsicherte und verängstigte Pferd eingeschlagen. Danach gab es heftige Kritik an der Sportlerin und an Raisner.

Schleu lag im Modernen Fünfkampf nach den ersten zwei Disziplinen souverän auf dem ersten Platz, doch das ihr zugeloste Leih-Pferd Saint Boy verweigerte beim Springreiten mehrfach. Die 31-Jährige blieb deshalb ohne Punkte und kam am Ende auf Rang 31.

Weitere personelle Konsequenzen unklar

Zuvor hatte bereits der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mitgeteilt, dass Raisner beim Männer-Wettbewerb am Samstag keine offizielle Aufgabe wahrnehmen werde. Sie solle "weder am Parcours noch am Abreiteplatz eine Funktion" haben, sagte der DOSB-Chef Alfons Hörmann nach einer Besprechung des Vorfalls mit Schleu, Raisner und Susanne Wiedemann, Sportdirektorin des Deutschen Verbands für Modernen Fünfkampf.

Das sei die "beste Lösung", um keine "weiteren Fragezeichen" rund um die Trainerin aufkommen zu lassen. Es sei eine gemeinsame und einvernehmliche Entscheidung gewesen, so Hörmann. Ob es weitere personelle Konsequenzen geben könne, ließ der DOSB-Präsident zunächst offen. Hörmann sagte, dass das internationale Regelwerk im Fünfkampf "dringend" einer Überarbeitung bedürfe, konkrete Vorschläge wollte er aber nicht machen.

Kritik äußerte auch die siebenmalige Reit-Olympiasiegerin Isabell Werth. "Fünfkampf hat nichts, aber auch gar nichts mit Reiten zu tun", sagte Werth dem Sportinformationsdienst: "Die Pferde sind ein Transportmittel, zu denen die Athleten keinerlei Bezug haben. Denen kann man genauso gut ein Fahrrad oder einen Roller geben", kritisierte die Dressurreiterin.

Shitstorm im Netz wegen "Tierquälerei"

Bereits nach dem Springreiten war wegen der Bilder der überforderten Reiterin und des verängstigten Pferds ein regelrechter Shitstorm entbrannt. Auf Twitter und Instagram trendeten am Freitag die Hashtags "Schleu", "Fünfkampf" und "Tierquälerei". Darunter wird der Athletin nun Tierquälerei vorgeworfen und ihrer Trainerin Verantwortungslosigkeit. Die wies allerdings noch am Freitag jegliche Schuld von sich und ihrer Athletin. "Es ist nicht ihre Schuld. Das Pferd wollte immer nur zur Tür", sagte Raisner anschließend und erklärte, dass sie versucht hätten, das Pferd zu wechseln.

Die Regeln sehen vor, dass die Athletin das Pferd wechseln kann, wenn es zuvor vier Mal den Sprung verweigert hat. Saint Boy hatte tatsächlich auch vorher schon Probleme. Das Pferd wollte wenige Minuten zuvor bei Gulnas Gubaidullina vom Team des Russischen Olympischen Komitees nicht über die Hindernisse, verweigerte allerdings "nur" drei Mal. Ein Tierarzt erklärte das Pferd für einsatzbereit. Schleu musste auf Saint Boy. Dass sich weder Pferd noch Reiterin wohl fühlten, spielt den Regularien zufolge keine Rolle.

Déjà-vu für deutsche Modernen Fünfkämpferinnen

"Ich kann es kaum glauben, dass uns das zwei Olympische Spiele hintereinander passiert", gestand Bundestrainerin Raisner in der ARD und fing selbst an zu weinen. Ein komplett misslungener Ritt und null Punkte im Springreiten hatten 2016 auch die Träume vom zweiten Olympia-Gold nach 2008 von Lena Schöneborn beendet.

Es sei tragisch, sagte die grenzenlos enttäuschte Schleu: "Ich werde wohl eine Weile brauchen, um darüber hinwegzukommen."

Schleu deaktiviert Instagram-Account nach Hasskommentaren

Am Samstag reagierte Schleu auf die vielen Hasskommentare und deaktivierte ihren Instagram-Account. Es seien "teilweise Worte gewählt worden, wo Leute sich angeblich für
das Tierwohl und für Lebewesen einsetzen, aber dann in einer Art und Weise mit mir oder auch meinen Angehörigen sprechen, wo ich sage, das ist nicht ok, das geht viel zu weit", sagte die Berlinerin der Deutschen Presse-Agentur.

Die Vereinigung "Athleten Deutschland" sicherte Schleu bereits zuvor Unterstützung bezüglich der Beleidigungen im Netz zu. "Die Anfeindungen und der teils offene Hass, der ihr seit dem gestrigen Reit-Wettkampf in den sozialen Netzwerken entgegenschlägt, ist inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen", teilte die Organisation am Samstag mit.

Sendung: Inforadio, 07.08.2021, 10:00 Uhr

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43 Kommentare

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  1. 43.

    Der Vergleich mit Deusser ist daneben, Killer Queen ist sein eigenes Pferd. Das kennt er nunmal

  2. 42.

    Mit einer Peitsche prügelt man üblicherweise auch nicht auf die Tiere ein, sondern nutzt den Knall in der Luft. Eine Peitsche ist als verlängerter Arm zu verstehen und bestenfalls nicht als Prügelinstrument.

  3. 41.
    Antwort auf [No] vom 07.08.2021 um 18:26

    Alles was aus einem „Euter“ gemolken werden kann ist Milch. So mal grob gesagt. Die Abgrenzung geht meistens ggü. pflanzlicher Milch

  4. 40.

    Schleu kam in den 20 min vorher mit dem Pferd klar. Erst im eigentlichen Stadion scheute das Pferd.

  5. 39.

    "Natürlich muss jeder Reiter irgendwie mit jedem Pferd klarkommen. Aber in einem Wettbewerb ist dafür keine Zeit."
    Fehler im System. Hätte der Tierarzt das Pferd nicht freigegeben,hatte ja wohl schon vorher Probleme, wäre Pferd und Reiterin viel erspart geblieben. Die Verantwortlichen können froh sein, dass keiner von beiden körperlich verletzt wurden.

  6. 38.

    Natürlich gehen Morddrohungen etc gar nicht. Da sind die Leute dann eben nicht besser, als die, die sie beschimpfen. Aber sachliche Kritik, auch deutlich, muss man aushalten können. Frau Schleu und Frau Raisner geben alles und jedem die Schuld, nur sich selbst nicht. Wobei ich die Trainerin weitaus kritischer sehe, als die Athletin. Die war mit dem Pferd sichtlich überfordert, und statt beruhigend auf Reiterin und Pferd einzuwirken, hat sie die Situation noch angeheizt. Und da hält sich mein Mitleid über die Reaktionen der Öffentlichkeit arg in Grenzen.

  7. 37.

    Ich kenne die Vita von Isabell Werth. und gerade weil ich sie kenne, zitiere ich sie. Und es gibt genug nicht-prominente Pferdesportler, die sich geäußert haben in diversen Foren. Moderner Fünfkampf muss reformiert werden. So geht es nicht weiter. Nicht für Tiere und auch nicht für Athleten. Und um etwas zu ändern, sollte man mit der Kritik bei sich selbst anfangen. Selbstreflexion gibt es aber bei Schleu und Co anscheinend nicht.

  8. 36.

    Das Schlimme ist, dass die gesamte Leistung der Sportlerin durch dieses Pferd zunichte gemacht wurde. Es hätte aus dem Wettbewerb genommen werden sollen. Die Regel mit 4x Verweigerung scheint nicht zu reichen. Bereits nach einer Verweigerung sollte ein Pferd ausgetauscht werden. Die Leidtragende ist Schleu. Ein Pferd in diesem Zustand in den Griff zu bekommen ist schwierig, wenn man es nicht kennt. Natürlich muss jeder Reiter irgendwie mit jedem Pferd klarkommen. Aber in einem Wettbewerb ist dafür keine Zeit.

  9. 35.

    Sorry, aber Dressur ist ebenso unnatürlich und die Pferde werden auch behandelt. Kandare zB. Diese Tage wurde in Tokio eine Disqualifizierung ausgesprochen weil ein Pferd beim Wettbewerb geblutet hat. Werth bezog sich nur darauf, dass es Leihpferde sind und die Reiter sich nur 20 min mit einem fremden Pferd vertraut machen können. Aber das ändert nichts daran, dass sowohl Springreitpferde als auch Dressurpferde abgerichtet werden. Werth hat sogar mal eines gedopt und war gesperrt.

  10. 34.

    Was ist los? Wen meinen Sie? Schleu und ihre Familie haben die Hasskommentare bekommen! Was hat das mit ihrem Beruf zu tun?

  11. 33.

    Wurst und Frikadellen ist auch nur eine Bezeichnung der Form des Lebensmittel und hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Auch Milch ist nur eine Bezeichnung für einen äußerlichen Zustand. Milchglas, Scheuermilch ect.alles keine Eutererzeugnisse und würde ich nicht empfehlen zu trinken! Genauso wie Teewurst, Leberkäse und so weiter.

  12. 32.

    Die Handlungen der Reiterin sowie der Trainerin erwecken den Eindruck, Tierquälerei sei anerkannter Teil ihres "Sports", als gäbe es die Möglichkeit der Gewaltlosigkeit nicht. Pferde für sich arbeiten lassen, 'rumschießen, das wirkt nicht nur wie das aristokratische Vorgestern, es verwundert nicht, dass soetwas Autoritäre mit verschrobenen Ansichten anlockt. Andererseits muss sich eine Gesellschaft schon fragen, wie sehr sie solche Einstellungen begünstigt, wenn es Alltag ist, dass jährlich Abermillionen an Tieren für den Konsum gezüchtet und getötet werden, wo doch vor allem Massentierthaltung ohne Tierquälerei nicht zu machen sein scheint. Wenn die Gewalt öffentlich ist, ist es eher ein Eklat - auch eine verzerrte Welt, wenn man es genau nimmt.

  13. 31.

    Wenn man einen Hund besitzt, der Jagdverhalten aufweist, sollte man ihn an der Leine führen und eine Hundeschule besuchen. Natürlich sollte der Mensch die Kontrolle in einer Tier-Mensch Beziehung haben. Aber das geht sogar ganz ohne Gewalt. Auch im Reitsport, den ich nicht verbieten will. Wenn man mit Gewalt Gehorsam erzwingen will, erreicht man jedenfalls nicht, dass das Tier einem noch vertraut, im Gegenteil, es wird Angst haben. Und auf Vetrauen sollte jede Beziehung aufgebaut werden.

  14. 29.

    Wann das geschehen sein soll, wäre unklar? Äh, nein? Man sieht es sogar. Nun, außer der rbb. Wie man mit seinem Pferd umgeht, das verweigert, hat man heute bei Daniel Deußer gesehen. Keine Gerte, kein Gebrülle, ruhig geblieben.

  15. 28.

    Wer Tiere peitscht und boxt, sollte verbale Angriffe ertragen.

  16. 27.
    Antwort auf [Haha] vom 07.08.2021 um 16:19

    Genau!!! Wenn Vegetarier, dann benutzt ehrliche Begriffe für eure Nahrung, keine Wurst, kein Käse keine Frigadellen usw..

  17. 26.

    Egozentrisch? Also, erstens ist sie ja nur eine Sportlerin, zweitens startet sie nur für Deutschland und drittens ist der Vorfall eine Ausnahme. Egozentrisch würde ich es nennen, wenn sie daraus nun fordern würde, dass sich international alles danach richten muss. Eine deutsche Haltung, der Welt zu erklären, was richtig und falsch ist, ist immer fatal.

  18. 25.

    Kritik an Tierquälerei ist kein Hass, sondern Ausdruck von Repelt für das Leben. Wer soetwas tut, und dann mit 31 Jahren auch noch selbstmitleidig rumbläddert muss nun mal mit Kritik rechnen. Und wer das nicht sushält sollte keinen öffentlichen Beruf wählen. Augen auf bei der Berufswahl!

  19. 24.

    Die beiden Frauen sind eine Schande für Berlin. Die ganze Szenerie gestern war einfach nur unwürdig. So ein Verhalten hat im Sport nichts verloren. Das Schlimme war, dass Annika Schleu im Interview danach der Meinung war, dass am Regelwerk keine Änderungen vorgenommen werden müssten. Einfach nur armselig und egozentrisch.

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