Konzertkritik | Tocotronic in der Columbiahalle - Rockende Denker

So 21.08.22 | 11:35 Uhr | Von Hendrik Schröder
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Rick McPhail, Arne Zank, Dirk von Lowtzow und Jan Müller, v.l., von der Band Tocotronic bei einem Konzert in der Columbiahalle in Berlin, 20. August 2022. (Quelle: imago images/Martin Müller)
Audio: rbb24 Inforadio | 21.08.2022 | Hendrik Schröder | Bild: imago images/Martin Müller

Tocotronic gibt es seit bald 30 Jahren. Und immer noch entwickeln sie sich mit jedem Album weiter und spielen grandiose Liveshows. So auch am Samstag in der Berliner Columbiahalle, findet Hendrik Schröder.

Auf dem Weg zum Tocotronic-Konzert herrscht erst mal kurze Irritation: Hunderte von Menschen mit T-Shirts der Toten Hosen sind unterwegs. Wer hat sich nun im Datum geirrt? Ach nein, die Düsseldorfer spielen ja zeitgleich nur einen Steinwurf entfernt auf dem Tempelhofer Feld vor ein paar zehntausend Menschen ein riesiges Konzert.

Während Tocotronic schon mit ihrem Aufbau in der Columbiahalle versuchen, das Konzert noch intimer aussehen zu lassen, als es eine Halle für 3.000 Menschen eigentlich zulassen würde: Ihre Verstärker und sie selbst stehen nämlich so dicht beieinander, dass mehr als die Hälfte der Bühne ungenutzt bleibt. Das ist stark. Greifbar wirken sie so, aber auch wie eine Gang, die eben sich und dem Publikum sehr nah ist. Zu einem pompösen Vorspiel aus Streichern und Pauken kommen sie vor gleißend blauem Licht raus und recken die Arme.

Solidarität mit allen Geflüchteten

"Als wir das folgende Lied 2018 geschrieben haben, hatten wir keine Ahnung, in was für einer Welt wir 2022 leben würden", beginnt Sänger Dirk von Lowtzow seine Ansage zum ersten Song "Nie wieder Krieg". Die Band würde sich mit allen Geflüchteten überall solidarisieren, sagt er weiter. Es klingt ein bisschen gestanzt, aber so ist es seine Art, die Halle klatscht zustimmend Beifall. Tocotronics Gitarren hängen an Regenbogengurten.

Vor dem dritten Song fragt er, ob man nun gemeinsam einen agnostischen, antifaschistischen Sommerhit singen wolle. "Ich denke ja", beantwortet er die Frage einfach selbst. Also an Tocotronics politischer Haltung gibt es schon nach ein paar Minuten Konzert keine Zweifel. Unwahrscheinlich zwar, dass im Zuschauerraum Leute sind, die diese nicht so ungefähr teilen. Tocotronics Fans kommen ja traditionell aus eher links-intellektuellen Kreisen und so hat es auch an diesem Abend den Anschein. Aber mal Position zu zeigen, kann in diesen Zeiten ja auch nicht schaden.

30 Jahre, viele Stile

Tocotronic gibt es seit bald 30 Jahren. Mehrmals hat die Band in dieser Zeit ihren Stil verändert und es dabei geschafft, was viele Bands nicht schaffen: Trotz neuer Ideen die alten Fans zu behalten. Und für all das, die Haltung, den Sound, die Ideen, muss man die Band einfach lieben.

Dieses Kluge, Smarte, Reflektierte und dabei sind sie immer selbstironisch, nie abgehoben, immer witzig - und, bei allen politischen Texten, bei aller Melancholie in so vielen der Songs, sind sie Typen, die auch richtig Spaß am Abrocken haben. Als sie mit "digital ist besser" headbangend den ersten älteren Song spielen und die Lightshow die Bühne in ein fordernd buntes Farbengewitter taucht, geht die ausverkaufte Halle so richtig ab. Die Fans sind mit der Band mitgealtert, 20-Jährige sieht man kaum. Dafür Mittvierziger, die jede Zeile Finger reckend mitsingen, Mittdreißiger, die sich in die Menge schmeißen, bis die Brillen beschlagen.

Der lässige Gegenentwurf zum Bühnenmackertum

Und wie sich alle freuen, ihre "Tocos" wiederzusehen. Sänger Dirk von Lotzwow, schlaksig, mit ergrauter Tolle, Basser Jan Müller mit seiner sympathischen teddybärhaften Freundlichkeit, Drummer Arne Zank, der in so einer ungewöhnlichen beiläufigen Körperhaltung spielt, dass man manchmal Sorge hat, er kippe gleich vorne rüber und Rick Mc Phail, der mit seinem eisgrauen Bart, der Hornbrille und der Gitarre fast am Hals hängend aussieht wie ein verrückter Professor.

Also was für Typen auch. Was für ein lässiger Gegenentwurf zum proto männlichem Bühnenmackertum. Und wie eingespielt sie dabei sind. Das punkige "die Welt kann mich nicht mehr verstehen" spielen sie, das hymnische "Let there be Rock", das treibende "Electric Guitar".

Tocotronic spielen sich echt durch alle Phasen und Stile ihrer Karriere. Ganz zum Schluss dann das legendäre "Freiburg" und noch mal Lightshowgewitter. Ein toller Abend. Auf dem Rückweg grölen am Columbiadamm ein paar Hosen Fans "an Tagen wie diesen" ...ach, wenn die wüssten, was es da draußen sonst noch gibt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 21.08.2022, 8:10 Uhr

Beitrag von Hendrik Schröder

8 Kommentare

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  1. 8.

    Nun mal piano, Lothar-Hans-A-Charlottenburg-Plast. Sie haben geschrieben, dass Tocotronic für Sie "Agitprob", was übrigens mit "p" am Ende geschrieben wird, IST. Und da ich genau das, also den Jetztzustand, in meinem Beitrag thematisiert habe, spielt es keine Rolle, was Sie irgendwann mal von der Band hielten. Geht Ihnen das logisch rein?

    Und dass Sie Tocotronic quasi mit dem Oktoberklub gleichsetzen, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Sie sollten vlt. eher bei wirklich wahren kritischen Großkünstlern wie Xavier Naidoo oder Nena Kerner bleiben - die trauen sich noch was!!1!1!

  2. 7.

    "Auf dem Weg zum Tocotronic-Konzert herrscht erst mal kurze Irritation: Hunderte von Menschen mit T-Shirts der Toten Hosen sind unterwegs."

    Und ich frage mich ob das Geld beim rbb nicht für einen Konzertbesuch bei den DTH gereicht hat.

  3. 6.

    Nicht verstanden, Gerd Glaudino? Früher war es Punk und Rock, heute ist es Agitprob.
    Und ja, in diesem Zusammenhang war wohl doch früher alles besser.
    Wenn das aber für Sie "nach wie vor oder sogar mehr denn je für relevant" ist, fällt ja diese Art vom "Musik" bei Ihnen auf fruchtbaren Boden. Vielleicht finden Sie ja auch den Oktober-Club schau - wie sich die Zeiten ähneln.

  4. 5.

    Nach 5 Titeln keine Luft mehr gekriegt.
    Wollte die Band in der Columbiahalle mal live erleben. Aufgrund der nicht vorhandenen Luft in der Halle, musste meine Frau und ich das Konzert nach 5 Titeln verlassen.
    Vorher hielt ich noch ein wenig eine Tür offen und wurde von dem glatzköpfigen Ordnerchef laut angeranzt" die Türen müssen wegen der Nachbarn geschlossen bleiben"
    Sehr schwachsinnige Begründung, einen Steinwurf entfernt spielten die "Toten Hosen" auf dem Tempelhofer Feld. Lautstärke ?????
    Nun, sehr schwach von den Organisatoren, auch RADIOEINS, hätten wir nicht gedacht. Na ja, RBB, da wird das Geld für was Anderes gebraucht
    Hauptsache Kohle machen, ist doch egal, in welchem Zustand der Veranstaltungsort ist.
    Die Columbiahalle wird uns nicht wiedersehen, abreißen und neu bauen.

  5. 4.

    Na ist doch schön, wenn die Meinungen so dermaßen auseinandergehen. Der eine hält Tocotronic nach wie vor oder sogar mehr denn je für relevant, ein anderer findet sie irgendwie Bausparkassen-mäßig und ein weiterer hält sie wiederum für Agitatoren und Propagandisten. Nur das mit dem "Früher war alles besser" ist ein bisschen öde, Folks.

  6. 3.

    Früher Punk und Rock, heute Agitprob. Das ist Tocotronic heute. Und ja, die Tote Hose Campino machte es vor, wie man sich anbiedert.

  7. 2.

    Der gelangweilte Sound westdeutscher Eigenheim-Siedlungen. Wollte sich der rbb nicht mal verjüngen? Graue Männer für graue Fans. Macht mal was Neues!

  8. 1.

    Für mich sind Tocotronic eine der relevantesten Bands, die die deutsche Musikszene zu bieten hat. Nach der anfänglichen Indie Punk Ausrichtung haben sie immer mal wieder "Metamorphosen" durchgemacht, sind aber immer ihrer Grundlinie, wahrhaftig zu sein, treu geblieben. Und für mich verströmen sie nach wie vor mehr Punk als viele die gerne Punk wären und auch allgemein so tituliert werden, es aber nicht sind.

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