Interview | Philipp Lahm - "Union Berlin steht völlig zurecht ganz oben in der Liga"

Fr 14.10.22 | 07:47 Uhr
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Philipp Lahm (Bild: IMAGO/imagebroker)
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Video: rbb24 | 13.10.2022 | S:Wenzel/U.Zahavi | Bild: IMAGO/imagebroker

Mit einer Feier und Philipp Lahm als Gast hat der FSV Luckenwalde an das Jahrhundertspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft im Jahr 2006 erinnert. Im Interview spricht Lahm über die Partie, die EM 2024 in Deutschland und Union Berlin als aktuellen Tabellenführer.

Am 14. Mai 2006, kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land, traf der FSV Luckenwalde auf die deutsche Nationalmannschaft. Am Donnerstag erinnerte man in Luckenwalde bei einer Jubiläumsveranstaltung an die Partie. Der ehemalige Nationalspieler Lahm, aktuell Turnierdirektor der Europameisterschaft 2024 in Deutschland, war damals einer der Gegner - und auch diesmal mit dabei.

rbb|24: Philipp Lahm, für Luckenwalde war das Spiel damals ein "Jahrhundertspiel", für die DFB-Elf natürlich eher nicht. Mit welcher Einstellung sind Sie ins Spiel gegangen?

Philipp Lahm: Für uns war es ein Vorbereitungsspiel für die WM 2006. Knapp drei Wochen vor dem Turnier ging es für uns auch in dem Spiel um die Kaderplätze. Deswegen ist man schon konzentriert und es war für uns Spieler auch etwas Besonderes – aber natürlich nicht die ganz große Herausforderung wie bei der WM dann.

Welche Erinnerungen haben Sie denn an das Spiel damals?

Ich glaube, wir haben damals nur zwei Mal 30 Minuten gespielt. Ich habe das Spiel leider in nicht so guter Erinnerung, weil ich mich ja damals verletzt habe. Ich bin nach einem kleinen Kontakt auf meinen Arm gefallen und musste dann kurz vor der WM noch operiert werden. Aber ich habe es ja gerade noch so rechtzeitig geschafft.

Wie war diese Zeit zwischen der Verletzung und der WM für Sie?

Es ist ja alles gut gegangen. Ich konnte das Eröffnungsspiel spielen, hab dann zufällig auch mal das Tor getroffen und deswegen kann ich locker darauf zurück blicken. So war es eine OP und viel Aufregung, weil ich mit Gips laufen und mir eine Schiene anfertigen musste. Aber am Ende hatten wir ein tolles Turnier und wochenlang eine tolle Atmosphäre in Deutschland. Das waren tolle Wochen, zu denen eben auch das Spiel gegen Luckenwalde gehört.

So eine Heim-WM mit dem dritten Platz und der ganzen Feierei am Brandenburger Tor – ist das für einen Spieler etwas Einmaliges?

Als Spieler erlebst du so eine Heim-WM allerhöchstens ein Mal. Ich erinnere mich aber auch noch an begeisterte Freunde und dieses Wir-Gefühl, das damals neu entstanden ist. Wie wir uns auch der Welt gegenüber zeigen konnten. Diese ganze Atmosphäre, die während des Turniers in Deutschland geherrscht hat, war sensationell. Das war beeindruckend und das wünschen wir uns natürlich auch für die Europameisterschaft 2024 im eigenen Land. Dass die Menschen aus ganz Europa bei uns zusammenkommen, wir ein tolles Fest feiern und die Gesellschaft mit einem neuen Wir-Gefühl wieder näher zusammenrückt.

Das ist die perfekte Überleitung: Was wird denn diese EM 2024 im eigenen Land zu einer besonderen machen und wie kann dieses Gefühl entstehen?

Ich glaube es ist sehr wichtig, dass wir solche Großveranstaltungen wie die WM 2006, aber auch die Weltmeisterschaft der Frauen 2011 ausrichten dürfen. Das waren tolle Ereignisse und es ist oft so, dass die Gesellschaft immer wieder solche Gemeinschaftserlebnisse braucht, um wieder näher zusammenzurücken. Jetzt wird Europa auch noch angegriffen und wir können unsere Werte, das wofür wir stehen, 2024 offen zeigen. Das ist eine große Chance.

Einer dieser Werte soll besondere Nachhaltigkeit sein. Wie sieht hier das Konzept aus und wie wollen Sie es umsetzen?

Nachhaltig ist ein großer Begriff und beinhaltet verschiedene Bereiche. Etwa die soziale Nachhaltigkeit, die beschreibt, dass wir die Basis, das Ehrenamt und das Engagement stärken wollen – nicht nur im Fußball, sondern allgemein in der Gesellschaft. Das machen wir mit einem Beteiligungskonzept, indem wir die Bürgerinnen und Bürger fragen, was eigentlich gut bzw. weniger gut läuft.

Das andere ist, auch ökologisch nachhaltig zu sein. Das spielt bei allem, was wir rund um das Turnier machen, eine Rolle. Das fängt beim Spielplan an, indem wir versuchen, dass die Mannschaften und Fans innerhalb unseres Landes nicht so weit reisen müssen. Hinzukommen die Becher im Stadion, das Thema Müll und die Frage, ob wie wir auch die Essensreste weiterverwerten können. Es ist unsere Hoffnung, dass wir Standards für weitere Großveranstaltungen setzen können.

Lassen Sie uns den Blick einmal kurz auf den aktuellen Fußball richten: Luckenwalde ist nicht weit entfernt von Berlin, wo bekanntermaßen aktuell der Tabellenführer vom 1.FC Union spielt. Sie waren lange Spieler des FC Bayern und somit gewohnt an der Tabellenspitze zu stehen. Wie gucken Sie auf den Tabellenführer Union Berlin?

Ich glaube, nach zehn Jahren mit Bayern-Meisterschaften tut es der Liga gut, dass immer mal wieder auch andere Mannschaften oben stehen. Ich glaube am Ende wird trotzdem der FC Bayern deutscher Meister werden, aber wenn es bis zum Ende spannend wäre, würde das der Bundesliga wirklich helfen. Genauso wie das Beispiel Freiburg, zeigt Union, wie wichtig Kontinuität ist. Bestimmte Positionen sind seit langem gleich besetzt und man sieht auch bei beiden Trainern ein Konzept.

Was macht denn den FC Union aus Ihrer Sicht so stark im Moment?

Sie sind eine Einheit auf dem Feld und die Spieler wissen, was sie zu tun haben. Sie konzentrieren sich in erster Linie auf das Verteidigen, machen das aber sehr, sehr gut. Sie haben eine klare Vorgehensweise und wenn die sich über Jahre hinweg eingespielt hat, dann kann man auch Abgänge verkraften und neue Spieler integrieren. Das macht Union Berlin sehr gut und deswegen stehen sie völlig zurecht nach neun Spieltagen ganz oben in der Liga.

Was trauen Sie Union Berlin in dieser Saison noch zu?

Wenn es so weiterläuft, können sie lange oben bleiben. Ich glaube, für die Meisterschaft wird es nicht reichen, aber man könnte den Erfolg bestätigen und wieder international spielen. Und wer weiß, vielleicht steht man am Ende ein oder zwei Plätze weiter oben und spielt auf einmal in einem anderen internationalen Wettbewerb. Das kann schnell gehen, wenn man 34 Spieltage konstant guten Fußball spielt.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lahm.

 

Das Interview führte Uri Zahavi.

Sendung: rbb24, 13.10.2022, 22:25 Uhr

3 Kommentare

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  1. 3.

    Wossi, Sie scheinen tatsächlich nicht besonders interessiert zu sein. Die Armbinde vom DFB wurde längst vorgestellt. Hauptsache Sie haben einen Kommentar geschrieben, der das Wort Regenbogen enthält.

  2. 2.

    Sie stellen gerne "Fragen", scheinen an Antworten aber nicht sonderlich interessiert zu sein.

    https://www.rbb24.de/sport/beitrag/2022/10/berlin-fussball-bundesliga-hertha-bsc-iran-ali-daei-spruchband-solidaritaet.html

  3. 1.

    Eine Frage hat gefehlt: Läuft M. Neuer in Katar mit der Regenbogenarmbinde auf?
    Das wäre insofern ein wichtiges Zeichen, weil damals in Moskau man sportlich nicht weit gekommen ist, die Armbinde also nicht oft zu sehen war, aber in Moskau drohte ihm keine Gefahr und sein Gehalt war auch nicht in Gefahr. In Katar entscheidet sich seine Moral und die einiger anderer auch...

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