Interview | Klimaschutz-Protest in Jänschwalde - "Sich selbst einschränken ist nicht alles - es geht um die ganz großen Entscheidungen"

Mi 16.11.22 | 07:09 Uhr
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Klimaaktivisten blockieren eine Gleisverbindung für den Transport von Braunkohle zum Kraftwerk Jänschwalde (Foto: dpa/Pleul)
Audio: Antenne Brandenburg | 15.11.2022 | Nico van Capelle | Bild: dpa

Klima-Aktivisten blockieren im September Anlagen auf dem Kraftwerksgelände Jänschwalde, der Betreiber kritisiert das als "Angriff auf die Versorgungssicherheit". Protestierende nennen die Aktion im Interview eine "Notwendigkeit".

Am 19. September besetzen rund 20 Klimaaktivisten der Aktionsgruppe "Unfreiwillige Feuerwehr" Gleis- und Förderanlagen auf dem Gelände des Kraftwerks Jänschwalde (Spree-Neiße). Der Betreiber Leag nimmt aus Sicherheitsgründen vorübergehend zwei der vier aktiven Blöcke vom Netz.

Der Energiekonzern bezeichnet den Vorfall als "Angriff auf die Versorgungssicherheit". Brandenburger Innenminister Michael Stübgen (CDU) verurteilt den "Sabotageakt in Jänschwalde". Am 17. November müssen sich nun zwei der Klimaaktivisten vor dem Amtsgericht Cottbus verantworten, die nach wie vor nicht ihre Namen nennen.

Der rbb hat mit zwei anderen Teilnehmern der Blockade gesprochen, die sich Malte und Riko nennen und anonym bleiben wollen.

rbb|24: Was ist die "Unfreiwillige Feuerwehr"?

Malte: Wir haben uns ganz bewusst "Unfreiwillige Feuerwehr" genannt, weil wir es nicht freiwillig tun, sondern die Notwendigkeit sehen, jetzt auf die Klima-Katastrophe zu reagieren. Der Bezug zur Feuerwehr wurde gewählt, weil wir hier in Brandenburg sind und in diesem Jahr über 500 Waldbrände hatten. Zum Löschen der Waldbrände gehört auch dazu, dafür zu sorgen, dass Grundwasser da ist, dass die Welt sich nicht weiter erhitzt.

Zwei Klimaaktivisten der Gruppe "Unfreiwillige Feuerwehr" (Foto: rbb)
Die beiden Aktivisten beim Interview | Bild: rbb

Was sind die Ziele Eurer Aktionen?

Riko: Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass die Regierungen in Anbetracht der Klimakrise versagen und in keiner Weise den Anschein erwecken, angemessen auf die Klimakrise zu reagieren. Deswegen haben wir uns dazu entschieden, selbst dagegen vorzugehen und den Kohleausstieg selbst in die Hand zu nehmen. Eine Forderung ist der Kohleausstieg, aber auch der Ausstieg aus allen fossilen Energien, ein gutes Leben für alle und Klimagerechtigkeit.

Ihr werdet mit eurer Aktion wahrscheinlich nicht sofort Klimagerechtigkeit herstellen können. Ist das dann nur pure Symbolik oder was war konkret das Ziel am 19. September?

Malte: An dem Tag haben wir gezeigt, dass sich mit so einer konkreten Aktion etwas bewirken lässt, dass wir die Macht haben, ein Kohlekraftwerk für mehrere Stunden lahmzulegen [zwei der vier aktiven Kraftwerksblöcke, Anm.d.Red.] und damit ganz effektiv den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Bei dem CO2, das wir an dem Tag eingespart haben, könnten wir jetzt 14 Jahre lang am Stück warm duschen. Ich glaube, so eine Aktion ist mehr wert als jede individuelle Verhaltensänderung. Sich selbst einschränken ist nicht alles - es geht darum, dass endlich die ganz großen Entscheidungen getroffen werden. Braunkohleausstieg ist ein No-Brainer auf dem Weg zur Klimagerechtigkeit.

Die Aktion hatte zur Folge, dass Blöcke in einer Situation abgeschaltet werden mussten, in der Energiesicherheit ein großes Thema war. Habt Ihr auch in Kauf genommen, dass die Stromversorgung in der Region aussetzen könnte?

Riko: Kritische Infrastrukturen wie zum Beispiel Krankenhäuser sind immer über Stromzufuhren gesichert und darauf hat eine Aktion wie diese keinen Einfluss. Das heißt, wir gefährden damit keine Leben.

Malte: Uns ist durchaus bewusst, dass wir damit den Normalbetrieb stören können. Aber dieser Normalbetrieb sollte eben nicht normal sein. Uns ist es wichtig zu zeigen: Es geht nicht darum, unseren jetzigen Lebensstandard und Energieverbrauch so beibehalten zu können - es geht auch darum, zu überlegen, was es überhaupt braucht. Wenn hier BASF die ganze Zeit weiterläuft oder Tesla anfängt, in Brandenburg Elektroautos zu produzieren, dann geht es auch darum, auf wessen Kosten dieser Wohlstand überhaupt verursacht wird. Denn dieser Wohlstand verursacht weltweit Folgeschäden und mittlerweile auch hier, wie wir es beispielsweise im Ahrtal gesehen haben.

Ihr bekommt viel Gegenwind. Könnt Ihr nachvollziehen, dass so eine Aktion bei vielen Menschen auf Ablehnung stößt, die sagen: Die haben den Anspruch auf die Wahrheit und nehmen uns mit ihren Aktionen sozusagen in Sippenhaft?

Riko: Ich glaube, dass es eine Mehrheit in Deutschland gibt, die für mehr Klima-Maßnahmen ist, und die Regierung handelt trotzdem nicht. Es gibt natürlich Leute, die solche Aktion scheiße finden. Aber die werden wir auch nicht mit friedlicheren Aktionen überzeugen können.

Malte: Wir hatten auch am Rande der Blockade ganz gute Gespräche - auch mit Leuten, die aus der Region kommen und eigentlich gekommen sind, um ihre Meinung zu sagen. Wir haben uns eine lange Zeit unterhalten und am Ende haben sie verstanden, warum wir das tun. Wir sind nicht die einzigen, die so etwas tun. Weltweit gehen Menschen für so etwas hohe Risiken ein. Wir in Deutschland haben eine relativ privilegierte Position, während woanders indigene Bevölkerungen zum Beispiel vertrieben werden und sich dagegen wehren - aber damit rechnen müssen, auch getötet zu werden, wenn sie sich wehren. Dagegen ist das hier einfach ein Zeichen: Das ist unsere Solidarität und das Mindeste, was wir tun können.

Für Euch ist es nicht ganz ungefährlich, wenn Ihr Euch an Schienen kettet. Wieso geht ihr beiden diese Gefahren ein?

Riko: Wir treffen auf jeden Fall alle Sicherheitsmaßnahmen, die notwendig sind, um unser Leben nicht zu gefährden. Und das letzte Risiko, das bleibt, gehen wir bewusst ein, um ein Zeichen zu setzen gegen die Klimakrise.

Es gibt sehr viele Protest-Aktionen, die auch ein Zeichen setzen wollen: Leute, die Suppe an eine Glasscheibe werfen, die "Letzte Generation", die sich an Autobahnzubringer festklebt. Was haltet Ihr von diesen Aktionen und warum habt Ihr Euch für Eure Form entschieden?

Malte: Ich glaube, wir können erstmal sagen, dass wir mit der "Letzten Generation" solidarisch sind und gut finden, dass sie das tun - und, dass sie - im Gegensatz zu ganz vielen anderen Menschen - etwas tun. Sich an die Autobahnen zu kleben, finden wir eine sehr sinnvolle Sache, denn der Autoverkehr ist eben auch ein großes Problem, genauso wie Kohlekraftwerke. Wir haben uns hierfür entschieden, weil hier ein Großkonzern, die Leag, auf Kosten der Umwelt enorme Profite macht. [...] Deshalb haben wir uns entschieden, hier direkt an die Großkonzerne und den großen Stellschrauben zu drehen.

Was müsste passieren, damit Ihr aufhört, Euch des zivilen Ungehorsams schuldig zu machen?

Malte: Das ist eine gute Frage. Wir würden auf jeden Fall wollen, das sofort der Braunkohleausstieg in Planung genommen und im nächsten Jahr umgesetzt wird - und, dass endlich eine Klimapolitik erkennbar ist, die das 1,5-Grad-Ziel anvisiert. Gleichzeitig bestehen so viele andere Ungerechtigkeiten in dieser Welt, die nicht mit der Klimapolitik direkt zusammenhängen, aber trotzdem angegangen werden müssten. Ich glaube: Grundsätzlich werden wir immer weiter für eine bessere Welt kämpfen, weil diese Welt nie perfekt sein wird. Wir arbeiten an einer gerechten Welt für alle. Das braucht noch ganz, ganz viele Schritte.

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte Nico van Capelle für rbb24 Brandenburg Aktuell. Es handelt sich um eine redigierte und gekürzte Fassung.

Sendung: Antenne Brandenburg, 15.11.2022, 16:40 Uhr

39 Kommentare

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  1. 39.

    Sie möchten hier also gerne mitdiskutieren, sind aber nicht in der Lage in einer Suchmaschine "Rundfunkstaatsvertrag" einzugeben!? - Mein herzliches Beileid für dieses schwere Schicksal!
    Hier der Link: https://www.die-medienanstalten.de/fileadmin/user_upload/Rechtsgrundlagen/Gesetze_Staatsvertraege/RStV_22_nichtamtliche_Fassung_medienanstalten_final_web.pdf

    Nachzulesen in § 11 Abs. 2.

  2. 38.

    Belege für diese Ihre Behauptung finden sich wo? eine kurze überlegung reicht, fängt bei Villen, Autos usw an u hört evtl bei Privatjets auf wenn überhaupt.
    und zu den Rest brauch ich nicht viel sagen, kommt bei mir nicht vor.

  3. 37.

    "... Geht zu den milliardären und treibt dort euren unfug da weiter, jeder einzelne verbaraucht in allen belangen mehr als eine Kleinstadt ..." Belege für diese Ihre Behauptung finden sich wo?
    "...lasst die Masse endlich in Ruhe ..." Die Masse macht's: ist ja nur eine Lampe die ich stundenlang brennen lasse, ist ja nur ein Kaffeebecher, denn ich achtlos wegwerfe, ist ja nur ein Flug pro Jahr nach Mallorca, ist ja nur ein Handy, dass ich mir einmal im Jahr hole, ist ja nur ein T-Shirt, dass ich bei Primark kaufe...... die Masse macht's.

    Gruß
    Navan

  4. 36.

    Die Aktivisten sind super. Brandenburg gräbt sich selbst das Wasser ab, wenn das Land nicht endlich klimaneutral wird. Gerade hier noch Kohle zu verfeuern, ist eine absolute Katastrophe und nicht mehr hinnehmbar! Bin den Aktivisten sehr dankbar, dass sie protestieren. Sie verdienen eine Ehrenmedaille. Unser Ministerpräsident nicht.

  5. 35.

    Was für Maßnahmen schweben Ihnen denn so vor u. bedenken Sie, hätte m/w ja (ja so Klimaaktivisten, die zählemn auch dazu) früher mit den evtl. Maßnahmen begonnen ......

  6. 34.

    Ewige Subventionsstützerei auf Kosten aller Steuerzahler?
    Nach Hunderten Miilliarden sollten die EEs in der Marktwirtschaft angekommen sein.

  7. 33.

    "Insgesamt gingen zwischen 2011, als die Beschäftigung in den Erneuerbaren ihren Höhepunkt hatte, und 2019 rund 117.000 Jobs verloren. Natürlich hatte das in der Solarindustrie seinerzeit auch mit Managementfehlern und der harten internationalen Konkurrenz zu tun.

    Doch ganz überwiegend waren Regierungsmaßnahmen die Ursache, wie die plötzliche und sehr drastische Absenkung der Vergütungssätze für Solarstrom 2011 und die Windenergie feindliche Politik ab 2017."
    https://www.heise.de/tp/news/Arbeitsplaetze-vernichtet-um-Klimaschutz-zu-verhindern-6180486.html

  8. 32.

    In Ihrem Link steht nix zur Solarindustrie. Ich muss Ihnen wieder mal wie so oft über die Jahre auf die Sprünge helfen: "Doch ganz überwiegend waren Regierungsmaßnahmen die Ursache, wie die plötzliche und sehr drastische Absenkung der Vergütungssätze für Solarstrom 2011 und die Windenergie feindliche Politik ab 2017."
    https://www.heise.de/tp/news/Arbeitsplaetze-vernichtet-um-Klimaschutz-zu-verhindern-6180486.html

  9. 31.

    Zählt zu den Entscheidungen auch, dass 8 Milliarden Menschen, Konsumenten, Verbraucher schlicht zu viel für den Planeten sind? Solange man sich da nicht ehrlich macht, erübrigt sich jedwede Diskussion.

  10. 30.

    1. Auf anderen Radiosendern läuft sber die selbe o. noch schlimmere Musik ;-) - 2. Zum Thema - So ein Interview (kritisch genug o. nicht) ist doch notwendig, solange sich der I., der Sender, sich nicht gemein macht (u. dies ist bei diesem Sender wie auch bei anderen S, als auch Zeitungen online bei manchen Themen leider der Fall). Das ist eben die Quelle (Steinmeir-Rede im Ori. liest sich anders als die Zitate, Aufbereitungen) und so kann jeder über die Denke (mit oder ohne ' ' ) ungefiltert urteilen.

  11. 29.

    Lesen sie meinen Kommentar noch mal. Es war Altmaier und ich bin zu alt für ihre spätpubertären Spielchen. Suchen sie sich dafür einen anderen.

    https://www.sfv.de/artikel/wie_wirtschaftsminister_peter_altmaier_die_deutsche_energiewende_verhindert

  12. 28.

    Können Sie diesen Staatsvertrag verlinken oder wo kann ich das nachlesen?
    Selbst wenn, sehe ich KEINE Verletzung einer neutralen Berichterstattung mit diesen Beitrag des RBB.

  13. 27.

    "Die PV-Industrie hat vor allem die FDP auf dem Gewissen." Aha, was wurde genau gemacht, damit die PV-Industrie sich aus DE verabschiedet? Haben Sie richtige Fakten dazu? Jetzt nicht so was wie: "Man hätte jede PV-Anlage zu 100% staatlich fördern müssen." Das zählt nicht. Bitte um Fakten. Danke.

  14. 26.

    Die Solarbranche hat niemand kaputt gemacht. Die zog selber in Richtung Osten. An PV ist nichts dran, was irgendwie mit Technologie oder so Ingenieurswesen zusammenhängt. Das war einfach nur Zusammenbau von Teilen was hier in DE passiert - Zusammenbauen könnne wohl die Asiaten am besten / am kostengünstigsten.

    Zum Interview: Es gab bereits ein paar Tage, an denen Deutschland sich ausschließlich mit Wind-und Sonnenenergie versorgt hatte! Was wir jetzt brauchen, sind Importeure und Installeure von PV-Anlagen, Batteriespeichern und Steuerelektornik damit die Eigenheimbesitzer und "die ein paar m2 Land Übrig-haber" ihren Strom selber erzeugen können. Da sollten die Klimaterroristen mal anfangen, anstatt andere in ihre Geiselhaft zu nehmen! Wenn sie sich doch selber als Macher sehen, sollen die auch machen! Zu tun gibt es so viel!

  15. 25.

    Die PV-Industrie hat vor allem die FDP auf dem Gewissen. Altmaier war erst viel später für die Energiewende zuständig. „Da treffen sich einige rote Kohlebefürworter mit schwarzen Masterplanern“, ahnte zudem im September 2013 Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energien mit Blick auf das damalige Wahlergebnis.

    Brandenburgische Linke wie Christoffers, Domres und Loehr plädierten im Juli 2017 für ein „Aufweichen des Klimaziels der Energiestrategie 2030“. Frisch in Erinnerung müsste auch der Kampf von AfD und Linke für den Erhalt der Raffinerie in Erinnerung geblieben sein.

  16. 24.

    Man sollte anderen nicht vorwerfen nicht rechnen zu können wenn man selbst Milchmädchenrechnungen präsentiert.

    Hätte ein Herr Altmaier nicht dafür gesorgt dass fast die gesamt PV Branche zusammenbricht und nun in chinesischen Händen ist wären wir schon längst weiter.

  17. 22.

    Der ganze Schwachsinn der Energiewende und der Dekarbonisierung und die geplante Umstellung auf 100% Erneuerbare wird anhand folgender Zahlen deutlich:
    In 2021 wurden 1715 TWh Energie aus fossilen Energieträgern produziert, das entspricht bei angenommenen 8500 Betriebsstunden pro Jahr einer installierten Kraftwerksleistung von ca. 200GW im Dauerbetrieb.
    Derzeit beträgt die gesamte installierte Kraftwerksleistung über alle Energieträger 223GW. davon gut die Hälfte Wind und Solar (ca. 120GW).
    Bei einer angenommenen Verfügbarkeit von 60% für Solar- und Windkraftwerke müssten also 333GW zusätzlicher regenerativer Kraftwerksleistung installiert werden, d.h. die bestehenden Solar- und Windparks vervierfacht werden.
    Daraus folgt: Klima Aktivisten sollten lieber lesen und rechnen lernen, statt sich irgendwo festzukleben.

  18. 21.

    Hoffentlich werden die Brüder zu Schadensersatz verurteilt. 30 Jahre zahlen wäre angebracht. Die Gerichtsvollzieher wollen schließlich auch leben. Dann können ihre Freunde ja für sie sammeln.Die Schadenssumme dürfte erheblich sein.

  19. 20.

    Unglaublich was bei denen in den Köpfen abgeht.
    Geht zu den milliardären und treibt dort euren unfug da weiter, jeder einzelne verbaraucht in allen belangen mehr als eine Kleinstadt also was wollt ihr lasst die Masse endlich in Ruhe.

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