Verdächtiger wieder freigelassen - IS bekennt sich zu Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt

Mi 21.12.16 | 00:29 Uhr
Der Tatort am Breitscheidplatz in Nacht vom 19. zum 20. Dezember. (Quelle: rbb)
Bild: rbb

Die Terror-Miliz "Islamischer Staat" hat den Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz für sich in Anspruch genommen. Das berichtet die IS-Propagandaagentur Amak am Dienstagabend. Einen ersten Verdächtigen hat die Bundesanwaltschaft wieder freigelassen. Der wahre Täter ist demnach noch auf freiem Fuß.

Was wir bislang wissen:

- Am Montag gegen 20 Uhr fährt ein Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Der Fahrer legt eine Strecke von 50 bis 80 Metern zurück, überfährt dabei viele Menschen.

- Zwölf Menschen sterben, darunter auch der polnische Beifahrer, der  später von der Polizei tot im LKW gefunden wird. Er wurde erschossen. Nach Polizeiangaben werden 45 Menschen verletzt.

- Unter den Toten sind bisher sechs Deutsche identifiziert, sowie der polnische Speditionsfahrer.

- Der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Er geht davon aus, dass der LKW vorsätzlich in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz gesteuert worden ist und der Anschlag einen terroristischen Hintergrund hat.

- Ein Verdächtiger flüchtet und wird nach am Montagabend nahe der Siegessäule festgenommen. In Vernehmungen streitet er die Tat ab. Am Dienstagabend teilt die Bundesanwaltschaft mit: Gegen den Verdächtigen wird kein Haftbefehl erlassen. Der Mann kommt frei.

- Am Dienstagabend reklamiert die Terror-Miliz "Islamischer Staat" (IS) den Angriff für sich.
 

 

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat den Angriff auf den Weihnachtsmarkt in Berlin für sich in Anspruch genommen. Das IS-Sprachrohr Amak meldete am Dienstag im Internet, ein "Soldat des Islamischen Staates" sei für den Angriff verantwortlich gewesen. Die Echtheit der Nachricht ließ sich zunächst nicht verifizieren. Sie wurde aber über die üblichen IS-Kanäle im Internet verbreitet. Auch die Form der Erklärung entspricht früheren Bekenntnissen der Extremisten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, nach der "angeblichen Bekennung" verfolgten die Ermittler mehrere Hinweise.

Viele Hinweise kamen auch aus der Bevölkerung. Polizeipräsident Klaus Kandt sagte rbb aktuell, es seien bisher mehr als 500 Bürgerhinweise eingegangen. 80 von ihnen seien ernstzunehmen, ihnen gehe man nun nach. Kandt erklärte weiter, die Polizei habe Videoaufzeichnungen gesichert und auch Suchhunde am Tatort im Einsatz gehabt. "Die Ermittlungen laufen auf vollen Touren und ich bin guter Dinge, dass wir zu einem Erfolg kommen", sagte Kandt.

Erster Verdächtiger nach einem Tag freigelassen

Kurz zuvor kam der Verdächtige frei, der nach dem Lastwagen-Anschlag in Berlin am Montagabend festgenommen worden war. "Die bisherigen Ermittlungsergebnisse ergaben keinen dringenden Tatverdacht gegen den Beschuldigten", teilte der Generalbundesanwalt am Dienstagabend in Karlsruhe mit. Der Mann habe zwar umfangreiche Angaben gemacht, eine Beteiligung an der Tat aber bestritten.

Der 23-jährige Pakistani war am Montagabend in der Nähe der Siegessäule festgenommen worden, nachdem ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren war und dabei viele Menschen überfahren hatte. Zwölf Menschen starben, mindestens 45 wurden verletzt.

Karte des Fahrverlaufs des LKW´s. (Quelle: rbb)

Verdächtiger hatte Vorwürfe bestritten

Ein Augenzeuge hatten angegeben, gesehen zu haben, wie der Verdächtige aus dem LKW gestiegen war. In Vernehmungen bestritt der Mann jedoch die Todesfahrt. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft war es dem Augenzeugen danach nicht möglich gewesen, den Verdächtigen auf seinem Weg durch den Tiergarten lückenlos zu verfolgen. Die kriminaltechnischen Untersuchungen hätten zudem nicht belegen können, dass der Beschuldigten während der Fahrt im Führerhaus des LKW anwesend gewesen ist.

Polizeipräsident Klaus Kandt hatte bereits am Dienstagnachmittag gewarnt, dass der wahre Täter möglicherweise noch in Berlin unterwegs sei. "Es könnte sein, dass die Ermittlungen noch sehr offen sind." Diese Vermutung bestätigte sich offenbar am Dienstagabend.

Die "Welt" hatte auf ihrer Webseite unter Berufung auf hohe Sicherheitskreise bereits am Dienstagnachmittag berichtet, dass der Mann, der in der Nacht festgenommen wurde, nicht der Fahrer des LKW sein soll. Die Angaben des Verdächtigen seien überprüft und für richtig befunden worden, so die Zeitung.

Ermittler gehen von terroristischem Anschlag aus

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz einen terroristischen Hintergrund hatte. Das sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Dienstag. Vermutet wird, dass ein bisher Unbekannter den polnischen Sattelschlepper in seine Gewalt gebracht, und dann den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin-Charlottenburg verübt hat.

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei gegen 20 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt, zerstörte dabei mehrere Buden und überfuhr dutzende Menschen. Sechs deutsche Todesopfer wurden bisher identifiziert.

Speditionsunternehmer identifiziert seinen Cousin

Ein weiterer Toter befand sich auf dem Beifahrersitz des LKW. Er ist polnischer Staatsbürger und wurde nach Erkenntnissen der Ermittler erschossen. Den Erkenntnissen zufolge ist er der ursprüngliche Fahrer des LKW. Sein Cousin, der Besitzer des Speditionsunternehmens, identifizierte den Toten.

Seit 16 Uhr habe er keinen Kontakt mehr zu seinem Cousin gehabt, berichtete er. Nach Angaben des Spediteurs hätte der LKW Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt.

14 Menschen nach wie vor in Lebensgefahr

Unter Toten sind nach Angaben von Innenminister Thomas de Maizière (CDU) keine Kinder, aber möglicherweise Jugendliche und auch Ausländer. Die Identifizierung der Toten sei zum Teil sehr kompliziert. Bei dem Anschlag wurden nach Angaben des Generalbundesanwalts zudem 45 Menschen verletzt, 30 davon schwer. Die Berliner Gesundheitsverwaltung berichtet dagegen von 49 Verletzten, von denen 25 die Krankenhäuser bis zum Dienstagnachmittag wieder verlassen konnten.

De Maizière fügte hinzu, dass 14 Menschen in Berliner Krankenhäusern nach wie vor mit dem Tod ringen. Auch unter ihnen könnten sich auch Ausländer befinden.

Merkel legt weiße Rosen nieder

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte den Anschlag als "grausame und letztlich unbegreifliche Tat". "Ich weiß, dass es für uns alle besonders schwer zu ertragen wäre, wenn sich bestätigen würde, dass ein Mensch diese Tat begangen hat, der in Deutschland um Schutz und Asyl gebeten hat", sagte sie am Dienstag in Berlin. Am Nachmittag legte sie weiße Rosen am Tatort nieder und trug sich in das Kondolenzbuch in der Gedächtniskirche ein.

Merkel kündigte ein hartes Vorgehen des Rechtsstaats an. Die Tat werde aufgeklärt werden, "in jedem Detail, und sie wird bestraft werden, so hart es unsere Gesetze verlangen".

Um 18 Uhr wurde ein Gedenkgottesdienst für die Opfer in der Gedächtnis-Kirche abgehalten. Zur selben Zeit wurde das Brandenburger Tor in den Farben schwarz-rot-gold (für Deutschland) und rot-weiß (für Berlin) angestrahlt.

Große Weihnachtsmärkte in Berlin bleiben zu

In Berlin wurden unterdessen die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Die Zahl der Einsatzkräfte an Bahnhöfen sowie an den beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld sei verstärkt worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei.

Zudem wurde die Fahndung in einem 30 Kilometer breiten Streifen an der Grenze zu Polen intensiviert. Die Beamten seien teils mit Maschinenpistolen und Schutzwesten ausgerüstet und zeigten diese auch offen.

Der Berliner Innensenator Andreas Geisel kündigte an, im Laufe des Dienstags an den Berliner Weihnachtsmärkten Steinbarrieren zum Schutz gegen ähnliche Anschläge errichten zu lassen. Die Weihnachtsmärkte in Berlin sollten am Dienstag zunächst geschlossen bleiben. Darum hatten der Regierende Bürgermeister Michael Müller und Innensenator Andreas Geisel (beide SPD) gebeten. Rechtlich könne das nicht vorgeschrieben werden, aber er wünsche sich diese Konsequenz aus Gründen der Pietät, ergänzte Geisel.

Der Breitscheidplatz bleibt auch am Mittwoch für die Tatortarbeit des LKA weiträumig abgesperrt.

Liveblog

Der Lkw wurde inzwischen zur Spurensicherung abtransportiert. Der Tatort in der Nähe der Gedächtniskirche war dafür weiträumig abgesperrt. Die Polizei bat auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, aus Pietätsgründen keine Fotos davon zu verbreiten.

SEK-Einsatz in Verbindung zu Breitscheidplatz

Am frühen Dienstagmorgen haben Spezialeinsatzkräfte (SEK) Hangars auf dem früheren Flughafen in Berlin Tempelhof durchsucht. Dort befindet sich Berlins größte Flüchtlingsunterkunft und dort soll der Verdächtige gewohnt haben. Sascha Langenbach, Sprecher des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten, sagte, vier junge Männer Ende 20 aus dem Hangar 6 seien befragt worden. Nach Angaben der Ermittler wurde ein Handy beschlagnahmt, dessen Informationen nun ausgewertet würden.

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