Archivbild: Amri-Untersuchungsausschuss, 16. Sitzungstag des 1. Untersuchungsausschusses Terroranschlag Breitscheidplatz des Berliner Abgeordnetenhauses, Juni 2018. (Quelle: imago/Ditsch)
Audio: Inforadio | 12.10.2018 | Bild: imago/Ditsch

Schleppende Aufklärung - Kommissariatsleiter bringt im Fall Amri wenig Licht ins Dunkel

Als Anis Amri, noch vor seinem Terroranschlag, per Bus nach Berlin reiste, war das LKA zugegen: Die Beamten nahmen ihm ein Handy ab und untersuchten es. Doch wer dadurch welche Erkenntnisse gewann, bleibt vor dem Untersuchungsausschuss nebulös. Von Jo Goll

Zeuge C. erscheint an diesem Freitag in schwarzem Anzug, weißem Hemd und glatt rasiert. Der Leiter des Kommissariats, das im Berliner Landeskriminalamt für Amri zuständig war, macht einen sportlichen, durchtrainierten Eindruck. Doch was er den Abgeordneten des Berliner Untersuchungsausschusses in den kommenden Stunden zu sagen hat, wirkt schleppend, seine Antworten präsentiert der Beamte mit gepresster, häufig stockender Stimme. Nach und nach kommt im Ausschuss eine träge, fast schon gelangweilte Stimmung auf.

Nur einmal horchen die Abgeordneten aller Fraktionen auf. Als der Kriminalhauptkommissar vom 18.02.2016 erzählt - dem Tag als Anis Amri aus NRW mit dem Bus nach Berlin reiste. Man habe Amri an diesem Tag am Zentralen Omnibusbahnhof an der Masurenallee offen angesprochen und ihm nach der erkennungsdienstlichen Behandlung ein Handy abgenommen, erzählt der Beamte. Anschließend, so C. weiter, habe man die Daten des Handys an das Bundeskriminalamt geschickt und ausgewertet. Dafür habe er persönlich ein komplettes Wochenende gebraucht und dabei "Zehntausende Fotos, Kontakte und Chats" entdeckt.

Auf Nachfrage räumt C. ein, dass er auch Fotos entdeckt habe, auf denen Amri mit Messer und Machete posierte. Das Foto, auf dem sich Amri eine Pistole an die Schläfe hält und das der rbb und die Berliner Morgenpost erstmals im Herbst 2017 veröffentlicht hatten, will er nicht entdeckt haben.

Sein früherer Chef, Berlins Ex-Polizeipräsident Klaus Kandt, hatte mehrmals erklärt, man habe das beschlagnahmte Handy von Amri nur oberflächlich ausgewertet – und daraus keine nennenswerten Erkenntnisse erzielen können. Jedenfalls erfolgten aus der Auswertung keine weiteren Schritte, obwohl auch C. Amri als "sehr gefährliche Person" eingeschätzt habe.

Ebenso unklar bleibt, warum sich das für Amri zuständige Kommissariat Mitte Juni 2016 entscheidet, die Observation des späteren Attentäters einzustellen - obwohl die dafür notwendigen richterlichen Beschlüsse vorlagen. C. führt dazu lediglich aus, dass Amri in dieser Zeit stärker ins kriminelle Milieu abgleitete und damit begann, Drogen zu verkaufen. In dieser Zeit habe er sich "im eigenen Haus zwar für eine Fortführung der Observation Amris eingesetzt", sich damit aber intern nicht mehr durchsetzen können.

Kollegen anderer Kommissariate hätten sich dafür eingesetzt, andere Personen aus der radikal-islamistischen Szene zu beobachten. Wenig plausibel erscheint nach wie vor die Erklärung für diesen folgenschweren Schritt: "Amri ging während des Ramadans nicht einmal mehr zum Fastenbrechen in die Moschee." Deshalb, und weil Amri offenbar selbst Drogen nahm, habe im Dezernat ab Mitte des Jahres 2016 die Meinung vorgeherrscht, Amri könne kein gefährlicher Islamist sein.

Sendung: Inforadio, 12.10.2018, 12.26 Uhr

Beitrag von Jo Goll

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