Zweites Pandemie-Schuljahr endet in Berlin - "Ein Auf und Ab der Gefühle"

Schüler_innen auf dem Schulhof (Quelle: dpa/Christoph Soeder)
Bild: dpa/Christoph Soeder

Ferienbeginn in Berlin-Britz: Für die Schülerinnen und Schüler endet ein Schuljahr mit Präsenzunterricht, Lockdown und Wechselunterricht. Auch auf das neue blicken sie und ihre Lehrkräfte mit Hoffen und Bangen zugleich. Von Kirsten Buchmann

Es ist ein kurzer letzter Schultag in Berlin. Gegen 10:30 Uhr strömen Schüler aus den Gebäuden der Fritz-Karsen-Schule im Neuköllner Stadtteil Britz. Mit ihren Zeugnissen in der Hand schlendern sie unter den großen Bäumen hindurch Richtung Straße.

Der 17-jährige Jan Ole Schmiedecke wirkt zufrieden, weil in den letzten beiden Wochen alle Schüler wieder in der Schule zusammenkommen konnten. "Es ist schön, mal wieder die Leute und die sozialen Kontakte zu haben."

"Das letzte Schuljahr war sehr stressig und chaotisch", sagt die 18-jährige Karlotta Blumenthal aus dem 12. Jahrgang. "Schule, Lockdown, dann am ersten Unterrichtstag direkt eine Klausur." Zudem hätten die Lehrer verschiedene Online-Plattformen genutzt, um mit ihnen zu kommunizieren. Während der einen oder anderen Videokonferenz habe das Internet nicht richtig funktioniert. Daher sei sie erleichtert, dass am Ende "alle wieder richtig zur Schule gehen konnten".

Einige Mitschüler hätten zwar gesagt, dass sie zu Hause besser lernen konnten, sagt Blumenthal, sie persönlich aber nicht. Zudem hätten während des Fernlernens andere Angebote gefehlt, wie zum Beispiel der Chor oder das Orchester.

"Musik, Kunst, Theater – das ist ganz wesentlich"

Dass gerade auch die musischen Fächer wieder unterrichtet werden können, ist dem Leiter der Fritz-Karsen-Schule, Robert Giese, wichtig. "Musik, Kunst, Theater: das ist ganz wesentlich."

Doch wie groß wird die Herausforderung, im neuen Schuljahr die während der Pandemie entstandenen Lernlücken zu schließen? Für Giese ist das schlicht das Alltagsgeschäft einer Gemeinschaftsschule: Hier sei man es gewohnt, mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler umzugehen. "Wir haben in der Klasse ein geistig behindertes Kind und ein hochbegabtes - und dazwischen alles, was denkbar ist." Daher werde ohnehin mit differenzierten Aufgaben gearbeitet, so dass alle im eigenen Tempo lernen könnten. "Ich glaube, in dem Alter ist es relativ gut möglich, Lücken zu schließen. Zumal, wenn man mit Lehrern zu tun hat, die wissen, wo die Lücken sind." Seine Kollegen hätten schon in den Fachschaften besprochen, wie sie den Unterricht für das nächste Schuljahr planen, sagt Giese.

Besonders im Blick habe man die unteren Jahrgänge, die in diesem Jahr lange nicht in der Schule waren. In den Klassen vier bis sechs hätten etwa zehn Prozent der Kinder deutlich weniger gelernt. "Darum müssen wir uns ganz individualisiert kümmern. Die brauchen ihre eigenen Aufgaben, die brauchen immer wieder Zuspruch." Dann werde es gelingen, dass auch sie ihre Ziele erreichen, sagt der Neuköllner Schulleiter.

Elf Lüftungsgeräte

Giese jedenfalls sagt, er freue sich auf den Präsenzunterricht nach den Ferien. Den strebt die Bildungsverwaltung für das neue Schuljahr an - vorausgesetzt, die Corona-Infektionszahlen lassen das zu.

Der Schule stehen inzwischen insgesamt elf Lüftungsgeräte zur Verfügung: zwei für den Essensbereich, außerdem weitere für die Jahrgänge eins bis drei in jedem Klassenraum. Ein Problem bleibe die digitale Ausstattung, so Giese. Während des Lockdowns habe er Schüler, die zu Hause Schwierigkeiten mit dem Tagesablauf hatten und nicht gut lernen konnten, zwei bis drei Mal pro Woche in der Schule arbeiten lassen. Sie hätten dort von Schulrechnern aus an Videokonferenzen ihrer Lehrer teilnehmen sollen. Doch "die Laptops in der Schule sind einfach nicht gut genug", sagt Giese. Die Schüler mussten die Videokonferenzen dann per Smartphone verfolgen, was nicht vergleichbar sei. Nach wie vor bleibe die Digitalisierung eine Herausforderung, so der Schulleiter.

Gute Improvisation

"Die Improvisation hat sehr gut funktioniert", sagt der Sport-, Spanisch- und Informatiklehrer Florian Mahrin mit leicht ironischem Unterton. An der Schule würde mehr IT-Support helfen, also das, "was man früher Medienwart genannt hat".

Zwölftklässler Jan Ole Schmiedecke rechnet auch zum neuen Schuljahr mit digitalen Herausforderungen. Dann wechsele die Schule die Lernplattform, die alte werde nicht mehr subventioniert. Sollte es wieder zum Wechselunterricht kommen, müssten sich Schüler und Lehrkräfte komplett umstellen. Eine Lösung für ganz Berlin fände er besser, sagt er.

Vorbereitungen für Delta-Variante

Schmiedecke sagt, er wünsche sich, dass die Verantwortlichen in der Bildungsverwaltung schon jetzt über einen Notfallplan nachdenken, für den Fall, dass die Inzidenzzahlen wegen der Delta-Variante wieder ansteigen. Ein Hin und Her zwischen Lockdown, Wechselklassen und Ampelsystem dürfe es nicht noch einmal geben.

Auch Schmiedeckes Oberstufen-Lehrerin Mulud Wahedi spricht von einem "Auf und Ab der Gefühle" im zurückliegenden Schuljahr. "Ich hoffe, dass wir sie alle wieder in Präsenz sehen."

In die Sommerferien geht ihr Schüler Jan Ole nun erst mal mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nach dem langen Lockdown sei man "endlich in der Schule", da kommen die Ferien wie ein abrupter Abbruch daher. Er hoffe, sagt Schmiedecke, dass es nach den Sommerferien so weiter gehe wie jetzt, mit Präsenzunterricht.

Allerdings befürchte er, dass es doch wieder in den Lockdown geht. "Besser, man ist darauf vorbereitet."

Sendung: Abendschau, 23.06.2021, 19:30 Uhr

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