Interview | Ex-Hammerwerferin Betty Heidler - "Nicht das, was man normalerweise mit den Olympischen Spielen verbindet"

Betty Heidler mit Silbermedaille
Bild: imago images / Hartenfelser

Betty Heidler gilt als beste deutsche Hammerwerferin in der Geschichte. Im Interview spricht sie über bewegende Momente bei Olympia vor dem Fernseher, worum sie die Athleten nicht beneidet und über späte Genugtuung.

rbb|24: Betty Heidler, Sie haben 2016 Ihre aktive Karriere beendet. Seitdem ist es recht ruhig um sie gewesen. Wie geht es Ihnen?

Betty Heidler: Gut. Gestern hatte ich meine erste Abschlussprüfung im Masterstudium bei der Bundespolizei für den höheren Dienst, jetzt habe ich erstmal Urlaub.

Verfolgen Sie aktuell die Olympischen Spiele?

Während meiner Prüfungsvorbereitung habe ich die Spiele im Internet verfolgt. Kanuslalom habe ich live im Fernsehen geschaut. Als Ricarda Funk da Gold geholt hat, habe ich gleich Gänsehaut gehabt.

Was hat Sie besonders gepackt?

Ich konnte mich wieder hineinversetzen in die Spannung, die da herrscht, in das Gefühl, dass man seinen eigenen Wettkampf abgeschlossen hat und dann nur noch auf die Konkurrenz wartet: Wie schneidet sie ab? Was bedeutet das für meine Platzierung?

Wie nehmen Sie die Olympischen Spiele in Bezug auf die Pandemie wahr? Man hört von teils bizarren Situationen: abgeschirmte Bubbles, Quarantäne-Hotels.

Es ist eine eigenartige Situation. Ich beneide die Athleten nicht. Aber es sind die notwendigen Übel, die man in Kauf nehmen muss, wenn man an den Spielen teilnehmen will. Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit die Olympischen Spiele zu rechtfertigen sind. Und wenn man positiv getestet wird, muss man eben in Quarantäne, das müsste ich zu Hause ja auch. Aber ich hoffe für jeden einzelnen Teilnehmer, dass er oder sie nicht positiv getestet wird. Ich glaube, wenn man dadurch die Spiele verpasst, ist es das Schlimmste.

Außerdem finden die Olympischen Spiele vor leeren Rängen statt.

Das tut mir sehr leid für die Athleten. Die ganzen Spiele sind bisher überhaupt nicht das, was man normalerweise mit den Olympischen Spielen verbindet. Zum Beispiel die Atmosphäre im Olympischen Dorf, die nun fehlt. Oder dass man sich die Stadt nicht anschauen kann, dass man eigentlich nichts mitnehmen kann, außer seinen Wettkampf - und vielleicht die Medaille oder eine gute Platzierung.

Noch als aktive Athletin hatten auch Sie ein schweres Los gezogen: Ihre Silbermedaille von London 2012 bekamen Sie erst Jahre später, ihre Konkurrentin Tatjana Lyssenko war nachträglich des Dopings überführt worden. Wie erging es Ihnen mit der verspäteten Anerkennung?

Als ich vom IOC und DOSB informiert wurde, dass das entsprechende Verfahren beim CAS (Anm.: Sportgerichtshof) durch ist und ich die Silbermedaille bekomme, da lagen Freude und Frust eng beieinander, im ersten Moment war sogar der Frust stärker. Mittlerweile überwiegt aber die Freude und Genugtuung über die späte Gerechtigkeit. Allerdings hatte ich ja zum Glück meine Siegerehrung in London, nur eben damals als Dritte.

Wurden Sie eigentlich rehabilitiert mit den entsprechenden Preisgeldern, die Ihnen damals entgangen waren?

Nein. Ich kenne auch keinen Athleten, bei dem das vertraglich festgelegt wäre, dass im Falle einer Neuvergabe von Medaillen Prämien neu angesetzt werden.

Glauben Sie, es werden nachträglich noch weitere Medaillen für Sie kommen?

Nein, ich glaube nicht.

2016 sind Sie Vierte geworden.

Aber ich glaube, dass alle Medaillen der vor mir platzierten Hammerwerferinnen rechtens waren.

Welche Chancen räumen Sie der deutschen Hammerwerferin Samantha Borutta in Tokio ein?

Das ist schwierig zu sagen. Ihre Bestleistung liegt bei knapp 71 Metern. Wenn sie das bestätigt und Glück hat, dann kann sie sich fürs Finale qualifizieren. Aber es gibt viele Werferinnen, die in diesem Bereich landen. Das ist also abhängig von der Tagesform, ein Zentimeter-Krimi. Samantha Bogutta soll einfach das Beste geben in ihren Würfen und dann sehen, wofür es reicht. Aber ich glaube, es ist überhaupt nicht schlimm, wenn sie in der Qualifikation hängen bleit, weil das, was sie dieses Jahr geleistet hat, ist schon aller Ehren wert (Anm.: Bogutta, 20 Jahre alt, gewann u.a. Gold bei den diesjährigen Deutschen Meisterschaften).

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Shea Westhoff, rbb Sport.

Sendung: rbb UM6, 28.07.2021, 18 Uhr

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