Benno Besson-Feier in der Volksbühne - "Wach, witzig, böse und gescheit"

Sa 05.11.22 | 09:44 Uhr
Benno Besson im Jahr 2005 (Bild: imago images/Drama-Berlin.de)
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Audio: rbb24 Inforadio | 05.11.2022 | Barbara Behrendt | Bild: imago images/Drama-Berlin.de Download (mp3, 7 MB)

Die europäische Theaterlegende Benno Besson wäre am 4. November 2022 100 Jahre alt geworden. Berliner Ensemble, Deutsches Theater, die Akademie der Künste und die Volksbühne haben ihn mit einem großen Fest gemeinsam gefeiert. Von Barbara Behrendt

Heiter und klar klingt Benno Bessons Stimme, als sie zum Auftakt des Abends eingespielt wird, einen französischen Reim singend. Der Zuschauersaal der Volksbühne ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Besson hat ihn als Intendant damals zu dem umbauen lassen, was er noch heute ist.

Die Loge für Ehrengäste ließ er abreißen – das haben ihm, so erzählt es der Dramatiker Heiner Müller in einem Interview, die DDR-Politiker, die sich dort gern tummelten, nie verziehen. Auf dem roten Vorhang prangen bei der Geburtstagsfeier die Buchstaben B.B.: Benno Besson – der kleine Brecht wurde er genannt, nicht nur wegen derselben Initiale. Besson starb im Jahr 2006 in Berlin.

Tochter Katharina Thalbach: "Du fehlst!"

Benno Besson ist der einzige Künstler, der an gleich drei Häusern Berlins das Theater umgekrempelt hat: als Regisseur am Berliner Ensemble, als Chefregisseur am Deutschen Theater – und ab 1974 als Intendant der Volksbühne, wo er sagenumwobene Theaterspektakel im ganzen Haus veranstaltete.

Katharina Thalbach, Gastgeberin und Herzstück des Festes, gratuliert ihrem Vater als Erste zum Hundertsten, der von so vielen Menschen auf und vor der Bühne geliebt wurde: "Und was hast DU geliebt? Kinder, Essen, Frauen, Theater. Und zwar von allem reichlich. Darum sind wir auch sechs Kinder. Mit vier Müttern. Aber am meisten hast du das Theater geliebt. Erst wenn gespielt wurde, hast du das Leben durchschaut. Wach, witzig, böse und so unglaublich gescheit. Benno, du fehlst!" Das Publikum antwortet mit reichlich Applaus.

Würdigungen auch von Verstorbenen

Wie sehr er fehlt, das zeigen in zweieinhalb Stunden die zahlreichen Weggefährten, die den charmanten Schweizer mit Anekdoten, Fotos und Inszenierungsschnipseln, mit Reden, Liedern und Liebeserklärungen hochleben lassen. Neben vielen anderen treten der Schauspieler Winfried Glatzeder und Samuel Finzi auf; Christoph Waltz hat eine Video-Botschaft geschickt, das Regie-Urgestein Manfred Karge spricht – und der Schriftsteller Christoph Hein.

Auch die Toten kommen in Briefen und Interviews zu Wort. Und zwar entlang Bessons Ost-Berliner Stationen von 1949, als Brecht ihn von Zürich nach Berlin holte, bis 1978, als er die Intendanz der Volksbühne aufgab, weil die Behörden mal wieder seinen eingereichten Spielplan abgelehnt hatten.

Geliebt haben ihn zu Lebzeiten aber längst nicht alle. Und es spricht für diesen Abend, dass er alle Kritik und Anfeindungen mit Augenzwinkern zum Besten gibt. Da ist zum Beispiel der Brief, den die Brecht-Schauspielerin Regine Lutz 1955 an ihre Eltern schreibt: "Mit Besson geht es ganz gut. Eines muss ich zugeben: Ich habe ihn hoch überschätzt, was seine Regieleistung betrifft."

Drohbriefe und Stasi-Berichte

Am Berliner Ensemble wurde Besson nach Brechts Tod zum Gehen aufgefordert, weil das dortige Kollektiv ihn als schlechten Brecht-Schüler empfand. Er pflegte das eigenständige Denken, was Brecht allerdings viel näher kam. Historisch spannend ist das, wenn aus diesem Drohbrief von 1959 zitiert wird, mitunterzeichnet von Helene Weigel, aus dem Neid und Unverständnis nur so sprühen: "Lieber Benno, du musst gemeinsam mit uns zu einer Änderung deiner Arbeitsweise kommen, auch in deinem Interesse. Wenn du allerdings meinst, mit unseren Vorschlägen nicht einverstanden zu sein, müssten wir in unserem und schließlich auch in deinem Interesse deinem Wunsch einer Trennung vom Berliner Ensemble nachkommen."

Hoch komisch und doch bitter lesen sich die Stasi-Berichte über Bessons Brecht-Inszenierungen an der Volksbühne: "Jedoch ist diese Erklärung nur der schamhafte Versuch, über die Verfälschung des Brechtschen Anliegens hinwegzutäuschen und die Absicht der Realisierung einer Pop-Art-Inszenierung zu kaschieren!!"

"Er hatte kein Problem damit zu sagen: Ich weiß es nicht"

Doch was hat diesen Regisseur nun wirklich ausgemacht? Ein Spieler soll er gewesen sein, ein Poet, ein Kind mit unbändiger Fantasie. Erklären kann es bei dieser herzerwärmenden Geburtstagsfeier den Nachgeborenen niemand so recht. Der Schauspieler Christian Grashof versucht, Bessons Kunst anhand einer Probe zu beschreiben: "Er hatte kein Problem damit zu sagen: Ich weiß es nicht. Ich kann es nicht. Ich schaffe es heute nicht. Und das erzeugte ein Klima von: Wir können alles. Etwas ganz Eigenartiges."

Was auch immer sein Geheimnis gewesen sein mag: 800 Menschen im Saal, hauptsächlich 60 plus, die diesen europäischen Theatermann noch immer lieben und feiern, können nicht irren.

Sendung: rbb24, 4. November 2022, 21:45 Uhr

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