Frank Berthold Leiter IMD Labor Oderland
Audio: Antenne Brandenburg | 23.09.2020 | Bild: Tony Schönberg/ rbb

Interview | Corona-Testlabor in Frankfurt (Oder) - "Je mehr Menschen infiziert sind, desto weniger kann man sich um andere Situationen kümmern"

Das laufende Schuljahr, Kitabetrieb und Reiserückkehrer sorgen derzeit für hohe Auslastungen in den Corona-Testlaboren. Doch auch Monate nach Beginn der Pandemie gibt es nach wie vor Versorgungsengpässe und neue Herausforderungen, erzählt Laborleiter Frank Berthold im Interview.

Frank Berthold ist Facharzt für Mikrobiologie und ärztlicher Leiter des IMD-Labors Oderland in Frankfurt (Oder). Dort testen die Mitarbeiter seit Beginn der Coronapandemie für große Teile der Region Ostbrandenburg, von Neuzelle bis Schwedt, auf das neuartige Virus.

Wir haben mit ihm über die aktuelle Situation gesprochen.

rbb|24: Wie schätzen Sie die Corona-Lage derzeit in Ostbrandenburg ein?

Frank Berthold: Was die epidemiologische Situation betriff, ist sie im Moment sehr günstig. Wir sehen zwar, dass es durchaus Anstiege gibt, die scheinen aber mehr regional zu sein. Im Moment haben wir eine eher ruhige Lage mit regionalen, kleinen Geschehen. Die Arbeit, die wir zu vollbringen haben, ist durch die Tatsache, dass Lehrer, Kitaerziehe und Reiserückkehrer getestet werden, sehr viel höher als es der epidemiologischen Lage entspräche.

Wie sieht denn momentan die Auslastung Ihres Labores aus?

Wir sind sehr, sehr gut ausgelastet. Wir machen im Moment etwa 800 bis 1.000 Tests am Tag, also 4.000 bis 5.000 in der Woche. Von Tag zu Tag gibt es erhebliche Schwankungen. Um einen Vergleich zu nennen: Die Diagnostik entspricht etwa der des Influenza-Virus. In Influenza-Zeiten machen wir etwa 50 bis 70 Tests am Tag. Zu schaffen macht uns die Tatsache, dass wir schlecht planen können und wir heute nicht wissen, wie viele Aufträge kommen morgen rein.

Wo liegt die Kapazitätsgrenze Ihres Labors?

Die Kapazitätsgrenze schätze ich bei unserem aktuellen Ausstattungsgrad mit 1.100 bis 1.200 Tests ein. Wir würden gern mehr am Tag schaffen. Das ist im Moment allerdings dadurch limitiert, dass die diagnostische Industrie weltweit nicht in der Lage ist, auf die aktuellen Anforderungen so schnell einzustellen. Im Alltag ist es tatsächlich auch so, dass wir auf Lieferungen warten oder sie nur teilweise kommen. So kommen Verbrauchsmaterialien, Reagenzien, Röhrchen oder Pipettenspitzen nicht im bestellten Umfang an oder Produkte, die wir im durchdachten Testprozess benötigen, erst später. So müssen wir variabel handeln. Wir sind weit von einem ausbalancierten Prozess entfernt.

Wie blicken Sie auf die kommenden Monate und die Grippe-Saison?

Wir sehen auf alle Fälle eine neue Situation auf uns zukommen, die keiner von uns richtig prognostizieren kann. Die Weltgesundheitsorganisation gibt eine Prognose aus, wie die nächste Saison ausfallen wird. Und es gibt im Moment keine Anzeichen, dass das eine besonders starke Saison sein wird. Ich gehe davon aus, dass die Maßnahmen, die wir uns gesellschaftliche im letzten halben Jahr antrainiert haben – wie Abstandsregeln und Masketragen – dazu beitragen, dass wir auch die Grippe auf Distanz halten. Darum glaube ich, es wird eine sehr kompensierte Situation geben.

Dazu kommt, dass wir von der diagnostischen Industrie wissen, dass die meisten Firmen sogenannte Kombinationstests in Vorbereitung haben, mit denen man in einem Test sowohl Corona als auch Influenza diagnostizieren kann. Dementsprechend wird der Aufwand für uns nicht größer, wenn zwei Erreger zirkulieren.

Je mehr Menschen infiziert und krank sind, desto weniger kann man sich um andere Situationen und asymptomatische Personen kümmern. Wir erwarten keine neuen Probleme. Die Versorgungsengpässe werden uns noch über Monate begleiten. Ich weiß, dass überall auf der Welt neue Produktionsstätten am Entstehen sind, aber die werden nicht sofort morgen marktwirksam werden. Dafür braucht es sicherlich noch ein bis zwei Quartale. Bis dahin werden wir uns jeden Tag darum kümmern müssen, dass unsere Regale voll sind.

Verändert sich das Coronavirus denn?

Das Coronavirus hat sich ja schon leicht verändert und es ist überhaupt nicht auszuschließen, dass es weitere Änderungen gibt. Eine Frage ist: wie wird ein möglicherweise verändertes Virus auf den Wirt beziehungsweise den Menschen treffen? Wird das krankmachende Potential größer oder kleiner? Im Moment haben wir den Eindruck, dass die neueren Typen nicht so krank machen wie die schon bestehenden. Dass sich das Virus an uns als Wirt anpasst. Ein Erreger hat nicht primär das Ziel seinen Wirt zu töten, sondern er sucht eine Balance. Und so kann man sich vorstellen, dass ein adaptiertes Coronavirus uns weniger krank macht.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Tony Schönberg für Antenne Brandenburg. Dieser Text ist eine redigierte und gekürzte Version des Gesprächs.

Sendung: Antenne Brandenburg, 24.09.2020, 16:10 Uhr

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