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Quelle: HEITAT/E. Heller/Trockland

DDR-Rundfunkbau wird wiederbelebt

Neue "Power für die Eastside"

Wo einst Schreibmaschinen, Tonbänder und Paternoster den Alltag beherrschten, soll bald Berlins neue Kreativszene einziehen. "Block E-R" auf dem DDR-Rundfunkgelände wird saniert. Dabei soll auch die Geschichte nicht zu kurz kommen. Von Frank Preiss

"Dieses Gebäude hat einen ganz wunderbaren Charme durch seine Ruppigkeit", schwärmt Barbara Sellwig. Im Blick hat sie den ehemaligen "Block E-R" des DDR-Rundfunks an der Rummelsburger Landstraße. Sellwig arbeitet für den Berliner Immobilienentwickler Trockland. Sie soll im und rund um den alten Zweckbau das Projekt "Funkytown" verwirklichen - ein Kreativcampus auf dem 49.000 Quadratmeter großen Gelände in Berlin-Oberschöneweide.

Ruppig wirkt er tatsächlich, aber auch trostlos und ausgemergelt, der fünfgeschossige Bau, entstanden Anfang der 1960er Jahre. Hier arbeiteten einst täglich bis zu 300 Menschen. Seit 30 Jahren steht das Haus leer.

Im Erdgeschoss des Gebäudes, inzwischen komplett entkernt, waren einst Produktionsräume untergebracht. Im ersten Stock hatten die Leitung von Radio DDR und die Hauptabteilung Nachrichten ihre Büros, im zweiten Stock saßen die Redaktionen Radio DDR I und II, im dritten Stock die Redaktion des Berliner Rundfunks und im vierten Stock die Redaktion von DT64 sowie die Hauptabteilung Außenpolitik.

Ehemaliger Jugendsender soll Pate stehen

Trockland hat große Pläne für das Haus. In ihm sollen in zwei Jahren Büros, Ateliers und Co-Working-Spaces an Kreative vermietet werden. Das Haus ist nicht denkmalgeschützt und soll trotzdem erhalten werden - "wegen seiner historischen Bedeutung", meint Projektleiterin Sellwig. Dabei denkt sie vor allem an DT64 - der DDR-Jugendsender, der in diesem Gebäude arbeitete und sendete.

Gegründet zum "Deutschland-Treffen" zu Pfingsten 1964 blieb DT64 bis zum Ende der DDR und darüber hinaus on Air, vorübergehend nur noch über Mittelwelle. DT64 stand für Weltoffenheit, für Beat und Rock'n'Roll, für flapsige Kommentare, die häufig mit der Parteilinie kollidierten. "Power von der Eastside!" - der selbstbewusste Nachwende-Slogan war schon vor 1989 Programm. Auch nach dem Mauerfall präsentierte sich das DT64-Team angriffslustig, kämpfte jahrelang um seinen Fortbestand, bis der MDR am 1.1.1992 das Programm befristet übernahm und bis heute unter den Namen "mdr sputnik" fortführt.

Ein Lageplan, entworfen von Elisabeth Heller auf ihrer Internetseite | | Quelle: Elisabeth Heller/zeitreisen-nalepafunk.com

Dort, wo einst kreative und innovative Menschen arbeiteten, werden auch in Zukunft neue und mutige Ideen entstehen, erhofft sich Trockland. Ab 2025, so die Planung, soll hier die wachsende Kreativszene in Berlin ein neues Zuhause finden. Zudem sind im Haus eine Kita und ein Hotel vorgesehen, auf dem Dach ist eine Bar geplant.

Neben dem Bestandsgebäude entstehen bis 2027 acht Neubauten, an deren Gestaltung derzeit acht Architekturbüros aus Berlin beteiligt sind. Auch diese Flächen sollen für Gewerbe und Kultur genutzt werden. Mit dem Bezirk arbeite man eng und gut zusammen, das Gesamtprojekt sei auf einem "sehr guten Weg", betont Sellwig.

Quelle: rbb / Sebastian Schneider

Kleines Museum mit Ostrock?

Block E-R selbst wolle man behutsam sanieren, "immer im Dialog mit der Geschichte", sagt die Trockland-Projektentwicklerin. Die vielen Graffitis, die sich dort im Inneren über die Jahre angesammelt haben, werden teilweise in die Neugestaltung integriert. Und auch die Geschichte des Hauses wolle man abbilden.

Um diese Aufgabe kümmert sich Günter Polauke, von 1986 bis Ende 1989 Bezirksbürgermeister von Treptow. Unter anderem mit dem ehemaligen Programmgestalter des DDR-Plattenlabels Amiga, Jörg Stempel, hat er kürzlich den Verein "PopKulturOst e.V." gegründet, der im künftigen Block E-R Raum für die Vergangenheit schaffen soll. "Zur 750- Jahre-Feier Berlins 1987 habe ich mit den anderen Ostberliner Bürgermeistern eine Schallplatte eingesungen, dort in diesem wunderbaren großen Musiksaal des DDR-Rundfunks", schwärmt der heute 75-Jährige.

Block E habe natürlich bei weitem nicht nur mit DT64 zu tun, "aber Sie finden in diesem Bau Betonböden, auf denen steht noch eingeritzt April 1964. Nächstes Jahr wäre DT64 sechzig Jahre alt geworden, aber wir wollen mit unserer Erinnerung in Block E-R weit darüber hinaus gehen", betont Polauke. Ihm gehe es "um den gesamten Ost-Sound", die Rockmusik des Ostens, das wolle man dort erhalten und dokumentieren. Die Puhdys hätten bereits ihre Unterstützung angeboten. "Natürlich soll es aber auch Informationstafeln zum Haus selbst geben, hier war mal das und das. Auch an andere kommunikative Dinge wie eine App denken wir dabei", fügt Polauke hinzu.

Günther Polauke (links) mit Alfred Eichhorn und Karl-Heinz Wigger (rechts) im entkernten Block E-R im September 2022 | Quelle: Alfred Eichhorn

"Mit welchem DDR-Sender kann man heute noch Werbung machen?"

Bei der Gestaltung der Erinnerungsräume helfen soll auch Alfred Eichhorn, der letzte Chefredakteur des Informations- und Unterhaltungsprogramms DDR I, das 1990 in "Radio aktuell" überging. Er verbrachte nahezu sein gesamtes Arbeitsleben in den Blöcken E-R und E-T. 1967 nahm er seine Arbeit beim Rundfunk der DDR auf. "Ich bin bis zum Ende 1991 da gewesen", erzählt Eichhorn.

Die Pläne von Trockland begleitet er mit gemischten Gefühlen. "Radio DDR 1, Berliner Rundfunk, die Hauptabteilungen Nachrichten und Außenpolitik, wir alle haben diesen Block bevölkert. DT64 kam hinzu, zunächst als Abspaltung vom Berliner Rundfunk, die hatten dort ein paar Büros. DT64 hatte im Block E ein gewisses Eigenleben, die hatten Freiheiten, die wir uns nicht genommen haben. Das war der Sender, der die Jugend gewinnen sollte, der mehr Westmusik gespielt hat", erinnert sich Eichhorn. Aber jetzt bei der Revitalisierung von Block E alles allein auf DT64 zuzuschneiden, sei historisch falsch, "auch wenn ich es verstehe. Denn mit welchem anderen DDR-Sender kann man heute noch Werbung machen?", sagt Eichhorn.

Auf der Bühne 1969 in Riesa: Alfred Eichhorn mit Mikrofon umringt von Werktätigen aus zwei Kollektiven - Sendung: "Das müsste doch zu machen sein" | | Quelle: Alfred Eichhorn

"Gespenstisch und nostalgisch"

An seinen ehemaligen Arbeitsort ist Eichhorn erst kürzlich zurückgekehrt. "Ich wurde von Trockland eingeladen in diesen entkernten Bau, es war sehr gespenstisch und nostalgisch, dieses Haus so zu sehen. Ich war dann auch noch in meinem Büro, ich wusste noch, wo das war." Dass dieses Gebäude für mehr als für DT64 steht, will Eichhorn mit seinen Erinnerungen und Anekdoten vermitteln: "Wir haben im Block E politische Magazine eingeführt und bekamen für dieses Format auch Lob von westdeutschen Sendern. Ich habe in den Studios des Block E das ‘Magazin am Nachmittag‘ moderiert und auch viel für die Kulturredaktion gearbeitet."

Ein Interview ist ihm dabei besonders lebendig im Gedächtnis geblieben: "Ich lud Günther Wallraff zu einem 45-minütigen Gespräch, wir haben die Sendung in Block E aufgezeichnet, und hinterher gabs Theater, weil man ausländische Gäste - und als solcher galt der westdeutsche Wallraff – hätte anmelden müssen bei der Sicherheit, und das habe ich nicht gemacht."

Letztlich habe er aber keine Konsequenzen tragen müssen, im Gegensatz zu seinen beiden Rundfunkkollegen Klaus Bredel und Dietmar Meinhold, die sich 1976 mit Wolf Biermann solidarisiert hatten. Beide wurden entlassen. "Nach der Wende habe ich Bredel und Meinhold in den Block E eingeladen, um mit der Belegschaft diese Sache mal auszuwerten. Das hat auch auf die beiden großen Eindruck gemacht."

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Vorfreude auf neue Lebendigkeit

Grundsätzlich bewerte er die Umgestaltung des ehemaligen DDR-Rundfunkgeländes an der Nalepastraße aber positiv, ist es Eichhorn wichtig zu sagen. Die ehemaligen Blöcke A bis D, darunter das markante große Backsteingebäude mit Turm, das man von der Spree aus sehen kann, wurden schon in den vergangenen Jahren wiederbelebt - mit Studios, Ateliers, Gastronomie, Konzerten und Eventsälen. "Ich war schon ein paar Mal dort. Da sitzen Leute aus aller Welt an der Spree, das ist eine sehr schöne Atmosphäre."

Dem pflichtet auch Ex-Bezirksbürgermeister Polauke bei: "Wenn man Block E mit Leben erfüllt, dann wird das mal ein richtiger Tummelplatz. Viele junge Leute werden herkommen und staunen und sagen: Ach so - hier war das!"

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"Am spannendsten waren noch die Paternoster"

Weniger nostalgisch blickt Jörg Wagner auf das Gebäude zurück. Wagner moderierte dort ab 1987 die "Morgenrock"-Sendung auf DT64, war aber schon als Kind mit dem Rundfunk der DDR verbunden. "Emotional werde ich, wenn ich an die Hörspielstudios im Block B denke, in denen ich schon als Kind acht Jahre an Dutzenden Produktionen mitwirkte, beispielsweise den jungen Rembrandt und Schiller spielte", schildert der heutige Medienexperte des rbb. "Block E hatte für mich dagegen den Charme einer Polizeidienstelle, eines Mehrzweckbaus, der genauso in Spremberg stehen könnte."

Spannend fand er dort eigentlich nur die beiden Paternoster, mit den Boden- und Kellerfahrten, die als Mutprobe unter den Hörspielkindern galten. Die Unterwelt des Gebäudes hatte für ihn eher die Anmutung eines Heizungskellers: "Dort gab es eine schlichte, kleine Imbiss-Kantine, die Sockel-Klause, einen langen Gang mit diversen Räumen, z. B. die Materialausgabe für Tonbänder", erzählt Wagner, bevor er letztlich zu seinem schonungslosen Fazit gelangt: "Das Teil hätte man auch einfach abreißen können."

Infobox: Was wird aus Block E-T?

Beitrag von Frank Preiss

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