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Quelle: imago images/Jan Huebner

Interview | Dartsprofi Martin Schindler

"Ich will endlich mal im 'Ally Pally' ein Spiel gewinnen"

Der gebürtige Strausberger Martin Schindler gehört zu den erfolgreichsten deutschen Darts-Spielern und erlebt derzeit einen kleinen Höhenflug. Im Interview spricht er über die anstehende WM, Mentalität und die Zukunft seiner Sportart.

rbb: Herr Schindler, bei der Europameisterschaft in Dortmund am vergangenen Wochenende scheiterten Sie in der ersten Runde. Wie blicken Sie nun mit ein paar Tagen Abstand auf ihr Match gegen den Weltranglisten-Sechsten José de Sousa?

Martin Schindler: Ich kann mir nicht viel vorwerfen. Es war ein gutes Spiel, aber ich hatte einfach Pech, dass de Sousa wirklich hervorragend gespielt hat.

Trotz der Niederlage haben Sie den Sprung unter die Top-35 der Welt geschafft. Wie bewerten Sie Ihre Leistung in diesem Jahr?

Dieses Jahr lief wirklich hervorragend. Ich stand das erste Mal im Finale eines PDC-Turniers und das war ein riesiger Erfolg. Dann kamen noch drei oder vier Halbfinals und etliche Viertelfinals dazu. Generell bin ich auf der Pro-Tour einfach sehr konstant unterwegs und verliere nur selten in der ersten Runde. Das war früher ganz anders. Jetzt hoffe ich, dass es so weiter geht.

In diesem Jahr sind Sie nach der Preisgeld-Liste der erfolgreichste deutsche Spieler. Spüren Sie dadurch eine größere Aufmerksamkeit und auch mehr Druck?

Schon, aber ich glaube, dass hängt eher damit zusammen, dass ich die großen Namen geärgert habe und ins Finale gekommen bin. Da sind einige Top-16-Leute dabei gewesen, gegen die ich dieses Jahr gespielt habe und auch gewonnen habe. Es verlief alles in allem sehr gut und ich würde deshalb nicht sagen, dass es nur mit dem Preisgeld zu tun hat. Auf uns deutsche Spieler lastet generell viel Druck, weil wir noch an einem anderen Punkt stehen als zum Beispiel die Engländer. Aber denen müssen wir natürlich die Stirn bieten.

Sie mussten nach der gescheiterten WM-Qualifikation im Jahr 2020 Ihre Tour-Card abgeben und haben damit auch alle gespielten Ergebnisse verloren. Wie ging es Ihnen in dieser Phase?

Es war natürlich nicht schön, zu wissen, dass die Tour-Card weg war. Ich hatte schon davor die ganze Zeit Angst, dass das passieren könnte. Aber mir war auch klar, dass das nicht das Ende sein würde. Wenn es 2021 nicht direkt wieder mit der Tour-Card geklappt hätte, wäre das auch nicht so schlimm gewesen, weil wegen Corona immer noch viele Turniere ausgefallen sind. Aber es hat direkt wieder geklappt und jetzt konnte ich durchstarten.

Mittlerweile liefern Sie konstant gute Leistungen. Haben Sie nach diesem Rückschlag etwas an Ihrem Spielstil verändert?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Rückschlag auch für etwas Gutes wichtig ist. Jeder Rückschlag macht einen stärker. Das trifft auch auf das normale Leben zu. Ich habe vielleicht disziplinierter trainiert, aber viel mehr habe ich nicht geändert. Die Leistungssteigerung ist eine Sache, die sich über die Zeit ergeben hat, durch die Erfahrung und das Durchhaltevermögen.

Zuletzt haben Sie auch mit einem Mentaltrainer gearbeitet. Worauf kommt es da beim Darts besonders an?

Darts ist mental eines der teuflischsten Spiele, die es gibt. Innerhalb kürzester Zeit passiert so viel, was dein Kopf erst einmal verarbeiten muss. Es sind immer viele kleine Entscheidungen, die am Ende zu einem Gesamtbild führen. Dem muss man mental gewappnet sein.

Gerade bei den Großereignissen ist es sehr laut in den Hallen. Versuchen Sie das eher auszublenden oder saugen Sie die Stimmung auf?

Das ist eine Kombination aus beidem. Man will natürlich die Atmosphäre und den Support aufsaugen und aufs Board bringen. Aber man darf sich beim Werfen auch nicht von den Zuschauern verrückt machen lassen. Das ist allerdings immer einfacher gesagt als getan.

Im Dezember steht mit der Weltmeisterschaft ein Highlight bevor. Wie bereiten Sie sich vor?

Ich spiele einfach Darts und mach mir keinen Kopf darum. Es ist auch egal, ob ich dort in der ersten oder zweiten Runde gesetzt bin. Ich will einfach vorankommen und endlich mal im „Ally Pally“ ein Spiel gewinnen. Das wäre schon mal was.

Deutschland ist hinter Großbritannien der zweitwichtigste Markt im Dartssport. Welche Entwicklung erhoffen Sie sich für die Sportart?

Ich denke, dass Darts irgendwann viel größere Turniere mit viel größeren Preisgeldern haben wird. Nur die oberen Spieler der Rangliste können gut davon leben. Und die verdienen dann so viel wie ein Bankspieler in der 1. oder 2. Bundesliga im Fußball. Selbst der beste Dartsspieler wird nie das verdienen, was viele andere Profisportler bekommen. Aber an diese Dimensionen müssen wir rankommen. Jemand, der unter den Top-35 der Welt steht, sollte sehr gut davon leben können und nicht unter so viel Druck stehen. Ich muss in jedem Turnier hart arbeiten, um mir die Startplätze zu sichern, die für mein jährliches Einkommen sorgen. Darts ist noch lange nicht so abgesichert, wie andere Sportarten. Aber das erhoffe ich mir für die Zukunft.

Sie sind verheiratet und haben Ihren Lebensmittelpunkt in Frankfurt. Allerdings müssen Sie auch viel reisen. Wie lässt sich das Familienleben mit dem Profisport vereinbaren?

Es ist definitiv nicht so viel Zeit für Freunde und Familie da. Gefühlt fliegt man meistens am Donnerstag nach England, spielt dann Freitag, Samstag und Sonntag und kommt erst am Montag wieder nach Hause. Das geht häufig so. Ich würde sagen, dass ich ungefähr die Hälfte des Jahres unterwegs bin.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Lisa Surkamp-Erler, rbb Sport.

Sendung: rbb24, 03.11.2022, 18 Uhr

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